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Ich verfolge die iranische Revolution auf HuffingtonPost.com. Genauer gesagt dem “Live Blog” des Online-Reporters Nico Pitney. Der filterte die von Millionen Oppositionellen in den Straßen Teherans via Twitter, YouTube, Facebook oder Flickr an den Mullah-Zensoren vorbei aufs Internet geladenen Bilder, Augenzeugenberichten oder Bulletins. Und lieferte das packendste Protokoll des historischen Volksaufstandes. Sein Stream wurde so populär, dass er sich nach Tagen an Tippen, Auswerten und Publizieren ohne eine Sekunde Schlaf Dienstag Abend fast entschuldigte: “Ich mache eine kleine Pause, ich muss für ein paar Stunden die Augen schließen…”.

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Live-Blog auf Huffington Post

Es ist ungefiltertes Rohmaterial, der Welt bereitgestellt von einem jungen Geek in einem kleinen Büro in New York – 9.600 km entfernt vom Schauplatz der Massendemos und Gewaltorgien durch Polizei und Milizen.

Am Anfang verharrte ich noch ein wenig im “Old Thinking” und suchte nach News im TV. Zum Abgewöhnen: CNN International zeigte das Wochenende über – in aller Gelassenheit gegenüber der vielleicht wichtigsten Story einer ganzen Generation – Sport-, Reise- und Dokusendungen. Ein wenig Iran-Revolution eingestreut so jede halbe Stunde. NBCs Richard Engel erzählte bei jedem Studioauftritt, dass sein Visum auslief und nicht erneuert wurde. How exciting! Reporter, die ihre Visumangelegenheiten besser timten, sind längst in den Hotelzimmern eingesperrt, oder am Weg zum Airport.

Daneben Pitneys Online-Protokoll – mit Hunderttausenden „Bürger-Korris“ vor Ort als Quelle: Schüsse vor einem Milizgebäude, Videos von Moussavi-Fans, die das Freiheits-Monument erklimmen, das Menschenmeer der Million am Montag. Die Bilder sind verwackelt, roh, unscharf, aber packend und berührend.  Der HuffPost-Blogger warnte aber auch vor Online-Saboteuren: Er nannte die Twitter-Namen von Verdächtigen, die zur Verwirrung der Opposition Falschmeldungen verbreiten.

Pitney, als neuer Gatekeeper einer Internetmedien-Revolution, publizierte aber auch schockierendes: Ein Video etwa, wo ein Demonstrant nach einer Messerattacke stirbt, nachdem ihm Passanten verzweifelt retten wollen: Blut quillt aus seinem Mund, der Kopf dreht sich zur Seite, die Augen erstarren. Gezeigt werden Folterspuren, Prügelorgien der Motorrad-Schergen, zertrümmerte Büros von Oppositionellen, einen verwüsteten Uni-Campus.

Bilder, deren Verbreitung das Regime mit aller Macht unterbinden wollte. “Mullahs: Meet the Internet”, schrieb der Drudge Report. Trotz der Info-Tsunami und dem Tempo versucht Pitney an einem Mindestmaß an journalistischer Sorgfaltspflich festzuhalten. “Ich bin vorsichtig, warte oft mit der Publikation, bis andere Quellen ähnliches berichten”, sagt er in einem Interview mit MSNBCs Rachel Maddow: “Falsche Infos können großen Schaden anrichten”.

Die Hilflosigkeit der TV-Newssender, die einst fast das Monopol hatten für alles “Breaking News”, wird immer offensichtlicher: Jon Stewart amüsierte sich, wie CNN durch den Newsroom führte und all die braven Mitarbeiter zeigte, die zur “Nachrichtensammlung” Twitter, Facebook, Youtube – und wohl auch Pitneys Blog verfolgten. Und dann nervten sie ihre letzten, noch nicht am Web hängenden Zusehern, dass sie das Material nicht verifizieren können. Zum Höhepunkt der Blamage wurde sogar ein eigenes Logo eingeführt: “Unverified Material”. The World News Leader? No more.