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Der Boden bebte im Presseraum des White House, als Obama die alte Hackordnung des Presse-Corps frech auf den Kopf stellte. Er suchte in Reportergewühl seiner Dienstag-Pressekonferenz Huffington-Post-Blogger Nico Pitney. Der junge Reporter hatte von Tag Eins in zermürbenden Tag- und Nachtschichten durch einen Strom schockierender und erschütternder Videos und Augenzeugenberichten die vielleicht weltweit beste Berichterstattung der blutigen Iran-Revolution geliefert. Sein “Live-Blogging the Iran Uprising” auf dem News- und Blogportal wurde gepriesen von TV-Anchor Charlie Rose bis zum Economist.

Pitney war einer der ersten, der am Samstag das grauenhafte Video des Todes der Iran-Heldin Neda ins Netz stellte, so ca. 4 Tage bevor traditionelle Medien die Story aufgriffen. Vielleicht hatte auch Obama selbst lieber Pitneys Blog verfolgt. Traditionellere Kanäle waren blockiert: TV- und Printreporter durften nicht aus den Hotels, Diplomaten hat Amerika keine in Teheran und die Geheimdienste tappten überhaupt im Dunklen.

Daher stellte Obama das neue Symbol der Medien-Internetrevolution vor und fügte an: “Haben Sie eine Frage?” Es folgte eine Aufruhr unter der Medien-“Elite”, so lächerlich, als würden Kleinkinder “in der Sandkiste um einen Plastikübel balgen”, so die HuffPost-Gründerin Ariana Huffington. Der Old-Boys-Club war nicht amused: Geortet wurde eine “Abkehr vom Protokoll”, in rührenden Details beschrieben, wie “erstaunt” alle waren im Briefing-Room. Sogar einen von White-House-Choreografen sorgfältig geplanten Propaganda-Coup sah WP-Politreporter Dana Milbank. Und noch düsterer Veteran Ben Smith, der jetzt ebenfalls für ein Online-Medium, “Politico.com”, werkt und eigentlich froh sein müsste über Obams Web-Affinität: Die Symbiose zwischen Obama und der linken HuffPost erinnere an Bushs Vorliebe für den rechten “Fox News”-Kanal.

Als hätte die USA keine anderen Sorgen, tormentierte das Pressecorps am Folgetag Sprecher Robert Gibbs über die Hintergründe von Pitneys Einladung. Der Punkt ist: Es ist erfrischend, dass Obama das „Protokoll“ brach und den Einsatz eines einsamen Bloggers hervorhob, der den Mullahschergen mit seinem minutiösen Protokoll der Blutorgien das größte Image-Debakel aller Zeiten zufügte. Vor allem, nachdem TV-Kollegen offenbar gut ausgerastet Montag früh mit der Berichterstattung über die Straßenschlachten des Samstag begannen – mit jenen Videos, die Pitney fast in Echtzeit auf die Website geschaufelt hatte.