Als Michael Jackson starb… Und warum niemand Zeit für Trauer in Diana-Dimensionen hat


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Jeder erinnert sich an die Momente: “Wo war ich, als … starb?” Im Fall von Michael Jackson marschierte ich mit einem offenen Laptop wie ein Verrückter die Promenade des Hudson hinunter – um die letzten von AT&T verschickten Bits & Bites mit meiner Laptop-Connect-Karte einzufangen. Max hatte sein Schulabschluss-Picknick ausgerechnet in einem Park, wo der Empfang generell besonders schlecht ist. Der beginnnede Jackson-Sturm an Handy- und Datennetz beförderte mich dort als einer der Allerersten ins totale Offline.

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Memorial vor Jackson-Compound in Encino

Leicht geschockt war ich schon über die Headline auf TMZ, der letzten Website, die noch auf meinem Computer landete: “Michael Jackson dies”. Wow. Nicht dass ich zu einen Fan gehörte, zu viel hatte ich als Korri an abstoßendem Material während all der Kindersexskandale studiert. Dennoch: Die Jackson-Songs sind offenbar tief im Gehirn implantiert. Das in Kürze ausbrechende Inferno der alten Hits im Radio und TV sollte Flashbacks an jugendliche Zeiten auslösen.

Ich umarme noch schnell Maxwells Lehrerin mit einem herzlichen “Thank you” (dass sie seinen Irrsinn ein ganzes Schuljahr so tapfer meisterte) – und hetzte aus dem Funkloch zum glasfaserverkabelten Schreibtisch zu Hause (wo ich kurz nach dem Ende aller relevanten Deadlines ankam…). Natürlich: Der Befehl zur L.A.-Reise ereilt mich am nächsten Morgen. Jackson-Media-Mania rollte an, doch geriet letztendlich ins stottern. Dazu später.

Als ich Max vom letzten Schultag abhole und ein Taxi mit laut plärrendem “Man in the Mirror” vorbeistaut, sage ich zu Max: “Michael Jackson ist gestorben”. “I know”, antwortet er gelangweilt. Sie hätten sich in der Schule drüber unterhalten. Für Max: Jackson war kein legendärer Pokemon. Who cares?

Stunden später sitze ich eingezwängt im Jet-Blue-Flieger zweieinhalb Stunden vor der Runway am JFK. Gewitterstürme. Als wir um Mitternacht in Long Beach einschweben, sind meine Autovermieter längst im Bett – und ich per Taxi um $85 am Weg nach Downtown L.A.. Ich klappere am nächsten Tag die Jackson-Schauplätze ab: Zugegeben, die Szenen der trauernden Fans, die Glückwunschkarten, die Kerzen, die Blumen, das alles ist berührend. Dazu ist auch erstaunlich, wie wirklich global und multikulti seine Fans sind: Ich redete mit der Schweizer Freundin eines Chilenen, einen Afroamerikanerin aus Boston, einer Einwanderin aus dem Iran, einem siebenjährigen blonden Buben, der den Moonwalk perfekt einstudierte, einer in L.A. lebenden Argentinierin.

Alles ein wenig wie bei Diana, doch in weit geringerem Ausmaß. Vielleicht dreht sich die Welt heute einfach schneller als 1997, als England eine ganze Woche im kompletten Stillstand verharrte und sich die hinterlassenen Trauerutensilien vor ihrem Wohnschloss wie eine Gletscherzunge in den Rasen schoben. Seit Jackson starb verhafteten die Iran-Mullahs das Personal der Britenbotschaft, putschte in Honduras das Militär und bereitet Nordkorea den Start einr Langstreckenraketen in Richtung Hawaii vor, als kleine Aufmerksamkeit zu Amerikas Independence Day. Wer hat heute Zeit für eine Woche Staatstrauer um einen Popstar?

Und die US-Medein scheint auch fast froh, wieder auf andere Stories aufspringen zu können. Denn sie können längst nicht mehr mithalten mit einer entfesselten Briten-Presse, die jedes auch noch so absurde Detail des Jackson-Thrillers abdruckt. Und wenn es nicht stimmt, es es gut erfunden.

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