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Vielleicht geht es nur mir so, doch es fühlt sich an wie der Sommer der Ernüchterung aller hochtrabenden Hoffnungen, Starpräsident Obama könnte doch noch Amerika revolutionieren. Hang On! Ganz alleine kann ich nicht sein: Obamas Popularitätskurve sackte gerade erstmals unter 50 % ab. Zugegeben gehörte dazu eine gehörige Portion Naivität. Doch: Die Reden des Jahres 2008, die Euphorie, die die Nation packte, die Freudentränen im Chicagoer Grant Park hallen weiter durch meinen Kopf.

Nicht das Obama als Präsident enttäuschte: Er gab durch Kompetenz (was für ein Kontrast nach acht Jahren unter der Bush-Tölpeltruppe!), Einsatz und Visionen Amerika Mut, beendete die lähmende Panik über den freien Fall der Wirtschaft. Seine Traumfamilie verzauberte Amerika mit Kennedy-Flair. Seine bravouröse Performance am internationalen Parkett (besonders die Kairo-Muslimenrede) nahm Extremisten den Wind aus den Segeln.

Doch nun, nach einem halben Jahr im Oval Office scheint die ambitionierte Reformagenda festgefahren, an mehren Fronten: Kontrolle der Wallstreet-Gier? Das Gelächter der Broker ist bis D.C. zu hören. Klimakontrolle? Mehr vage Visionen als tatsächliche, auf Dächern fixierte Solarzellen. Wirtschaftstimulus? 9,5 % Arbeitslosigkeit.

Klar: “Change” ist in Amerika nicht einfach. Die Gründerväter kritzelten in der Verfassung aus Angst vor Tyrannei ein Konzept nieder, wo sich Präsident und Kongress per Design fast ständig zum Patt paralysieren. Obamas Problem: Selbst ein hervorragender Präsident zu sein reicht nicht. Er versprach im Wahlkampf nichts weniger als eine Revolution. Change we can believe in, ein neues Amerika – und ein Ende der “politics as usual”.

Doch jetzt bietet gerade die Gesundheitsreform, der sicher wichtigste Pfeiler seiner Ambitionen für Amtsperiode I, ein groteskes Lehrbeispiel, wie schwer sich selbst “The One” tut. Presenting: The Blue Dog Democrats! Laut Ökonomieguru Paul Krugman macht kaum eine der Forderungen der Gruppe konservativerer House-Dems eigentlich Sinn. Aufgehalten haben sie die Reform dennoch, auch wenn sich zuletzt ein Deal abzeichnete. Nach Hillary 1993 wissen wir: Jeder weitere Tag an Verzögerung gibt den Versicherungslobbies mehr Chancen, die Initiative zu killen. In der Oberkammer wollte Finanzvorsitzender Max Baucus, stolzer Empfänger von 1,5 Millionen Dollar an Spenden der Versichererlobby, gar den Eckpfeiler des Obama-Planes entfernen, die Schaffung einer staatlichen Krankenversicherung. Dass er damit die Reform ad absurdum geführt hätte schien ihm weniger wichtig als die “überparteiliche Zusammenarbeit” mit drei (!) Republikanern. Zuletzt wollte er 95 % der Amerikaner versichern. Immerhin.

Ein Volk von über 300 Millionen – 47 Millionen davon unversichert, der Rest durch explodierende Versicherungs-Prämien ausgeblutet – in der Geiselhaft einer Handvoll Abgeordneter. Dabei sind die Republikaner komplett abgemeldet: Ein Drittel rätselt, ob Obama in Hawaii geboren und legitimer Präsident ist, ein weiteres fiebert mit, ob Bimbo Palin 2012 antritt, der Rest legt sich beim Konsum der Hasstiraden des geifernden Rush Limbaugh Gallensteine zu. Obamas Parteifreunde im Kongress, dessen Repräsentantenhaus die furiose aber führungsqualitätenlose Nancy Pelosi und dessen Senat der rückgratbefreite Harry Reid führt, sind seine wirklichen Feinde.

Und den Medien wurde die Debatte ohnehin längst zu fad: Freudig stürzten sie sich auf Obamas “Dumme-Cop”-Sager während seinem jüngsten Presser, in dem er eigentlich seine Healthcare-Reform Skeptikern verkaufen wollte. 58 Minuten Healthcare, 2 Minuten Verhaftung eines schwarzen Harvard Professors und Obamas Konklusio (“Cambridge Police acted stipidly”). Es darf geraten werden, welche Story NBCs Today Show als Topmeldung auserkor.

Es sind Obamas entscheidende Wochen, sein erster Test: Scheitert er bei Healthcare ist der Traum vom Change verpufft. Ja genau: Die Menschen sind ungeduldig! Dann ist tatsächlich auch ein Absturz möglich.