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Die großen Lastwagen sind wieder vor unserem Apartmentgebäude aufgefahren. Sie laden kraftvolle Scheinwerfer ab, die am Oberdeck des gegenüberliegenden Parkhauses zu zwei Quadraten zusammengestellt werden. Bläulich werden sie in Kürze in Manhattans Nachhimmel strahlen, der bereits legendäre “Tribute of Light”, zur Erinnerung an die Twin Towers und den Jumbo-Horror von 9/11.

Acht Jahre ist es her, als das Röhren der Jumbo-Triebwerke über Lower Manhattan die Welt in Schockstarre versetzte. Das Gedenkritual gehört für New Yorker seither zum Jahreskalender wie Weihnachten, Ostern, Halloween oder Thanks Giving. Für Reporter heißt das, wie jedes Jahr: Akkreditierung zur Trauerfeier nahe Ground Zero (wie gehabt mit dem Verlesen der 2.752 WTC-Opfernamen als Kernstück), Tour durch die Riesenbaustelle am Areal des Desasters zur Überprüfung des Baufortschrittes, zumindest für das 9/11-Memorial – der größten und mit Kosten von einer Milliarden Dollar (!) sicher teuersten Gedenkstätte der Erde.

Doch Ground Zero ist längst mehr Synonym für eine unvorstellbare Farce, unverzeihliche Blamage für lokale Politiker, Schande für die USA und groteskes Ärgernis für Anrainer. Freilich: “Busy” schaut die sieben Stockwerke tiefe, 6,4 Hektar große Baustelle aus. Dutzende Kräne drehen sich im Kreis, tausende Hardhats schieben zur Mittagspause ihre Bolognia-Sandwiches ein, Betonmischer donnern rund um das Areal. Wenn nur ein Baufortschritt zu sehen wäre: Der “Freedom Tower”, jenes patriotische Trotzgebäude, dass 541 Meter (symbolische 1776 Fuß, der Jahreszahl von Amerikas Geburtsstunde…) aufragen soll, schaut immerhin bereits zwei Stöcke über das Straßenniveau – das allerdings seit 15 Monaten.

Eine Fertigstellung des Memorials zumindest am 10. Jahrestag? Fugetaboutit! Geht sich auch nicht aus. Vier weitere, gigantische, von Stararchitekten entworfene Sykscrapper daneben? Seit Pächter Larry Silverstein sein Versicherungsgeld mit kühnen Träumerein verplemperte, scheinen auch die zur Illusion zu werden. Der “Wall Street Crash” macht jede Privatfinanzierung vorerst zunichte. Geplant ist jetzt mal ein Turm und zwei “Stümpfe”. Doch Larry prozessiert mit dem Areal-Eigentümer, der Hafenbehörde “Port Authority of New York und New Jersey”, der vielleicht größte Tölpel-Truppe der ohnehin geniearmen Verwaltung des Großraums New York. Doch richtig frech ist auch Larry: Der private Geschäftsmann will sich seine Kredite von der öffentlichen Hand garantieren lassen – nach dem Motto „Profit privat, Risiko dem Staat“.

Wenigsten erspart uns Larry offenbar dieses Jahr seine peinliche Pressekonferenz, wo er stets seine phantastischen Pläne ausrollte. Längst haben selbst Beobachter des Fiaskos den Überblick verloren über die Bauverzögerungen. Zuletzt war vom Jahr 2035 die Rede, wo die Terror-Wunde endgültig geschlossen werden sollte. 2035? Maxwell ist dann 34, Mia 28 und ich, never mind. Bürgermeister Bloomberg erregt sich jeden Jahrestag über “die inakzeptablen Verzögerungen”. Viel machen kann er auch nicht: Die Stadt New York kann der aus Albany und Trenton dirigierten Hafenbehörde nichts dreinreden.

Freuen kann sich die Bauwirtschaft: Um auf Ground Zero zumindest den herbeiströmenden Touristen Wiederaufbau-Dynamik zu vermitteln, wird die Baustelle als „Vergnügungspark für Kräne und Bau-Equippment“ weiter betrieben.