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Die Konzentration fiel nicht ganz leicht: In einem Fenster am Computerschirm lief Obamas Dankesrede für den Friedensnobelpreis im Prunksaal des Osloer Rathauses. Den Erhalt des größten Friedenspreises, den die Menschheit zu vergeben hat, eloquent mit einer Grundsatzrede zur Verteidigung “moralisch gerechtfertigter Kriege” zu verbinden, schafft so auch nur der neue US-Starpräsident.

Doch ich tippe vorerst an ganz was anderem: Rachel Uchitel, Jaimee Grubbs, Kalika Molquin, Jamie Junger, Holly Sampson, Cori Rist. Genau: Tigers Sex-Harem. Krieg und Frieden in einem Fenster, das Sexleben eines Golfers im anderen.

So kurios und verwirrend die Situation auch für mich war. Es hat viel an Symbolkraft für diese letzten Tage des 00er-Jahrzehntes hier in den USA: Allein die Tatsache, dass seit Tagen Amerika mit Tigers Sexleben mitfiebert könnte als Good News verstanden werden. Offenbar sind die größten Existenzängste, die Massenpanik, als die Weltwirtschaft vor 12 Monaten echt übers Kliff stürzte, verflogen. Die Nation kann sich wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung hingeben: Der Faszination mit Sex-Skandalen. Trotz allem Zynismus. Man muss es Woods schon lassen: 12 Mätressen bisher, Call-Girls, Porno-Stars, Nackfotos, panische Handy-Nachrichten, flotte Dreier, Prügel von der Golfschläger-schwingenden Gattin, der mysteriöse Autounfall, wo er mit Kopfpolster und Decke auf der Straße lag und schnarchte, die Einlieferung der Schwiegermutter ins Spital. Can it get better than this? Fast macht Tiger Clintons “Monicagate” Konkurrenz.

Dennoch wäre der Skandal – hätte er im Dezember 2008 die Nation überrollt – angesichts des damaligen Doomsday-Gefühls kaum zum Renner geworden. Ein guter Hinweis, dass Obama, trotz aller Kritik und Enttäuschungen, vieles hingekriegt haben muss. Klar, die Arbeitslosigkeit liegt bei 10 %; die nun seit sechs Monaten schrill diskutierte Gesundheitsreform wurde in den Kongressmühlen bis an den Rand der Farce verwässert; exzessive Banker-Boni illustrieren, dass die Finanzreform weit überfällig ist; Atom-Pläne des Teheran-Regimes und der US-Truppen “Surge” in Afghanistan verdeutlichen, dass Obamas als effektiver “Weltpräsident” erst noch Tritt fassen muss.

Doch je brutaler es von rechts und links auf ihn einprasselt, desto mehr steigt bei mir die Hoffnung: Vielleicht stimmt der Kurs gerade deshalb – und wir müssen einfach geduldiger sein. Die rechten Attacken sind meist so schrill wie lächerlich: Hitler, Kommunist, Sozialist, Weichei, Zerstörer der “American Way of Life” durch Klimawende und “Big Government”. Whatever.

Die Kritik durch seine eigene Fans schmerzt weit mehr: Der versprochene Change sei nicht spürbar, alte Insider und Lobbyisten beherrschen weiter D.C., Obama wolle es allen recht machen, kämpfe nicht energisch genug für seine, im Sensationswahlkampf 2008 dargelegte Vision eines gerechteren Amerika. Stimmt alles.

Doch es hilft beim Seelenfrieden (zumindest meinem), die hochtrabendsten Versprechen einfach ad acta zu legen – und sich eigene Naivität einzugestehen: Wird Obama die Funktionsweise des Kongresses fundamental ändern? Natürlich nicht. Wird er es schaffen, den Einfluss betuchter Lobbys gänzlich zu eliminieren? Auch nicht. Doch lasst uns ein wenig abwarten: Mit vielen kleinen Schritten werkt er am Fundament seiner Präsidentschaft, lässt sich durch Mediengetöse und Zwischenrufe nicht aus der Ruhe bringen. Sollten sich in den nächsten Monaten Erfolge einstellen, werden seine ersten Amtsmonate in völlig anderem Licht erscheinen.

Und die Tatsache, dass wir mit Tiger mitfiebern, anstatt die “Great Depression II” erwarten, spricht, wie gesagt, Bände über bereits Erreichtes.