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Ich hatte gleich so ein unheimliches Gefühl. Im Handy poppte der SMS-Alarm auf: “7.3 magnitude earthquake hits near Haiti coast, USGS reporting”, schickte MSNBC um 17:12 Uhr aus. 19 Minuten nach dem Zeitpunkt des Bebens. Es ist keine komplexe Gleichung: Starkbeben plus Haiti gleicht Desaster. Sekunden später, CNN: “A 7.0-magnitude struck 10 miles from Port-au-Prince”. Jetzt läuft wirklich die Gänsehaut auf. Erste Telefonate, es ist kurz vor Mitternacht in Europa, knapp vor Redaktionsschluss, nicht mehr viel zu machen.

MSNBC sendet weiter seine, zugegeben in ruhigeren Zeiten humorige Polit-Polemik mit Chris Matthews. Auf FOX wütet weiter der Irre Glenn Beck. Nur CNN hats kapiert, stürzt sich voll in die Berichterstattung. Doch wie immer heutzutage bei Megakatastrophen rollt die erste Welle an Reports aus dem Internet: Augenzeugen berichte aus der Hölle, erste, schockierende Bilder tauchen auf. Und dann das erstaunliche Video von der Anhöhe hinunter auf Port-au-Prince, komplett verhüllt von der Staubwolke durch die verheerende Bebengewalt. 2012, Roland Emmerich! Die Frau kreischt: “The World is coming to an end!”

Ich sehe einen Kanadier live am Web, der ein Video-Interview mit einem Augenzeugen in Haiti an eine CNN-Produzentin verkaufen will. Die Qualität ist bescheiden, die Produzentin winkt ab: “I´ll call you back”. Doch CNN tritt ebenfalls auf der Stelle: Die Stars Anderson Cooper und Michael Holmes sind – wie wir alle – auf Twitter- und Facebook-Feeds angewiesen. Anderson rotiert jedoch schon am Studiosessel. Nach der Sendung geht´s zum Airport sagt er. Studiogast Wylclef Jean, Haitis Superstar, sitzt im Studio. Er bietet an, als Übersetzer zu fungieren. Talking about A-Liga.

Am Morgen rollt die Katastrophen-Berichterstattung auch im US-Frühstücksfernsehen an: Die Bilder wühlen auf. Es ist klar: Tsunami II. Wenn nicht schlimmer. Ich gebe das Zuwarten nach den ersten Marschbefehlen aus dem Headquarter auf. Der Haiti-Premier schätzt erstmals die Opferzahl im sechsstelligen Bereich: Hunderttausende. Ich buche den letzten Sitzplatz am Continental-Flug nach Santo Domingo, Domenikanische Republik. $152, ein Witz. Warum finde ich solche Flüge nicht, wenn es mit der Familie in den Urlaub geht. Ich scheitere jedoch beim Mieten des Satelliten-Telefons. Die wenigen Läden hat die geschlossen abreisende New Yorker Presse bereits leergeräumt. Unangenehm. Let´s see what happens.

Ich erzähle Max, dass ich nach Haiti muss. Er hat die News verfolgt und wollte in seiner Klasse eine Spendensammlung organisieren. Er rennt zu seiner Klasse zurück: “Hey! Listen! My Dad is going to Haiti!” Ich laufe rote an. Am Airport wird die anrollende Hilfswelle deutlich. Ein Suchtrupp aus Spanien wartet im Newark-Terminal auf den Weiterflug. Eine Passantin ist gerührt, sei will ihnen Geld geben. Die verblüfften Spanier lehnen ab. Sie ruft “God Bless You”, Tränen kullern über die Wangen. Amerika kann mit gewaltiger Soforthilfe diesmal die Welt beeindrucken.