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Port-au-Prince, drei Tage nach dem Megabeben: Das Schicksal einer 24-Jährigen ist schwer zu verdauen. Sie heißt Evelyn Pierre, ihre Brüste sind geschwollen, die Milchdrüse produziert weiter. Ihr Baby, ein zehn Monate altes Mädchen, zehn Monate alt, wurde erschlagen vor ihren Augen. Ihr Gatte starb am Arbeitsplatz. Es ist schwer, die Tränen zurückzuhalten. Ich denke an Max (7) und Mia (2). Wie eigentlich immer, wenn Tragödien Familien treffen.

Ich weiß gar nicht, was ich zum Abschied sagen soll. Es wird schon werden? Lächerlich angesichts ihrer Aussichtslosigkeit: Völlig allein in einer zerstörten Stadt, in einem Land, dem weitere Jahrzehnte an unvorstellbaren Herausforderungen bevorstehen. Ohne Hilfe, ohne Geld, ohne Gewand. Nicht einmal Schuhe hat sie an den Füßen.

Ich setze mich kurz nieder, meist läuft die Arbeit in einer derartigen Abltraumzone fast wie in Trance ab: Abgekoppelt, fokussiert. Aber irgendwann tut eine kurze Pause gut. Doch es gibt kein Entkommen; Neben mir reibt ein rührender Ehemann Öl auf die eitrigen Wunden seiner schwer verletzten Frau.

Dabei bewundere ich die Kraft, die Ausdauer, die Geduld dieser von Schicksalsschlägen so geplagten Haitianer. Stoisch, fast stolz, absolvieren sie ihren täglichen Überlebenskampf: Die Suche nach Wasser, nach Nahrung. Sie durchforsten die Ruinen nach Brauchbarem: Ein Decke zum Zudecken in den für die Karibik recht kalten Nächten im Freien, Stahldrähte als Werkzeug. Einer schleppt sogar ein ganze Matratze durch die Beben-Mondlandschaft. Doch es scheint klar: Nicht in alle Ewigkeit werden sie geduldig sein. Der eskalierende Hunger und Durst lässt bereits die Emotionen hochgehen. Bei Interviews in einem Lager fragt mich ein hünenhafter Haitianer. “Hey, wie kannst du mir persönlich helfen?” Und er präzisiert prompt: “Gib mir dein Telefon!”

Mein Übersetzter Noel ein toller, junger Haiti-Student, bedeutet ihm: “Mach nichts verrücktes hier”. Er gibt mir die Hand, sagt “OK, Man”. Die Situation ist entschärft. Doch wie lange halten sich die Opfer noch zurück? Denn selbst nach stundenlangen Fußmärschen durch die, mit den herumirrenden Menschen verstopften Straßen konnte ich keinerlei Hilfsorganisation erspähen. Zum Glück gibt es noch Nahrung auf den Märkten; Hühner, Gemüse. Das Problem ist eher, dass die Menschen kein Geld haben und die Preise dramatisch stiegen.

Im kollabierten Montana-Luxushotel scheint sich die internationale Hilfe jedoch zu konzentrieren: Gleich vier Hilfstrupps sich dort nach Leichen. Es fällt schwer, nicht zynisch zu werden: Klar, zuerst kommen die Wohlhabenden dran. Noel ließen sie gleich gar nicht rein. Er sollte das wohl nicht sehen. Er ist entrüstet, ruft ein Haiti-Radiostation an. Ich bitte ihn, sachlich zu bleiben. Jeder Funken kann das Fass hier zur Explosion bringen.

Seit zwei Tagen schlafe ich am Gelände des Luxus-Hotels La Villa Creole. Die erste Nacht am Pool, die zweite in der Parkanlage – hauptsächlich aus Sorge wegen der Nachbeben. Und die sind tatsächlich entnervend: Um 4 Uhr früh, Freitag, schossen alle hoch, als die Erde heftig rüttelte. Am Nachmittag der nächste Treffer: Diesmal plötzlich, kurz und von der Seite. Am Samstag nochmals, Stärke 4,5. Jemand brüllt: “Alle raus!” Dann wieder Stille. Das Hotel ist längst ein kurioses Medienzentrum für die Weltpresse. Hinter dem völlig kollabierten Hauttrakt tippen Reporter in die Laptops, Satellitenmodems stehen herum, der Kampf um sporadische Internet-Verbindungen tobt. Vielleicht brechen hier die ersten Unruhen aus. Aber es ist – trotz der Zerstörung und dem Chaos – fast eine Oase. Verglichen mit dem Horror vor den Toren. Außer vielleicht dem Feuermelder, der seit Tagen an der Wand durchdringend piepst.