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Die Lage verschärft sich in Port-au-Prince dramatisch: An der Delmas-Straße, der Hauptverkehrsader zwischen dem Viertel Petionville und dem Flughafen, liegen zwei Ermordete. Es ist ein Frau und ein Teenager, vielleicht ihr Sohn. Um die 16 Jahre alt. Auf seinem Kopf klafft eine riesige Wunde. Blut strömt auf den Asphalt, vermischt sich mit Teilen des Gehirns. Eine Menschentraube bildet sich um die Todesopfer. Sie reden wild durcheinander, gestikulieren. Sie seien getötet worden, von Dieben, wird übersetzt. Wie? Erschossen? Mit Macheten erschlagen? Sie wissen es nicht.

Die Szene wird bizarrer: Wenig später irrt auf der gleich Straße ein Jugendlicher völlig orientierungslos herum. Er ist splitternackt, sein Penis baumelt inmitten der Massen. Albtraum-Szenen in einer der schlimmeren Desasterzonen der jüngeren Vergangenheit.

Der Müll türmt sich jeden Tag höher. Die hygienischen Verhältnisse sind prekär. Es herrscht akute Seuchengefahr. Von der Straße wurden die Leichen zwar entfernt. Doch Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausend liegen immer noch unter den Trümmern. Aus einer Ruine ragt eine halb verweste Leiche heraus, die Arme sind grotesk verrenkt. Vor dem Haus steht Louis Sean Voila. Er sucht seinen toten Bruder, deutet auf den Schutthaufen. Er hat kein Werkzeug, auch die Kräfte gehen ihm langsam aus. „Seit dem Beben habe ich kaum gegessen, wenig getrunken – jeder Tag ist ein Überlebenskampf“. Er pausiert: „Wo ist die Hilfe? Wir sollen wir überleben“.

Am Siedepunkt scheint die Lage in Downtown, den ärmsten und durch das Beben am furchtbarsten dezimierten Stadtteil: Mülltonnen brennen. Es stinkt nach Fäkalien, Müll, Schweiß. Viele tragen hier lange Stöcke. Männer kämpfen um einen Sack mit Lebensmitteln. Von der Polizei, der US-Arnee, UNO oder den Hilfsorganisationen ist weit und breit keine Spur. Eine Stunde später liegen die zwei Getöteten sogar eine noch am gleichen Ort.

Zumindest für das Verletztenheer vor unserem Hotel sind erste US-AID-Pakete eingetroffen. Medikamente, Nahrung. Ein erster Hoffnungsschimmer.