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Die Eisentore vor dem Hotel schließen sich. Zwei Guards mit Schrotflinten stellen sich davor. Es ist 17:30 Uhr. Es wird dunkel in der durch das Jahrhunderterdbeben zerstörten Haiti-Kapitale Port-au-Prince. Die Stunden, wo die Gewalt eskaliert, beginnen erneut.

Seit Donnerstag lebe ich im Luxus-Hotel La Villa Creole im Bezirk Petionville mitten in der Desaster-Zone. Gut 100 Reporter der Weltpresse haben hier Zuflucht gesucht. Die US-Agentur “Associated Press” stellte gar Zelte auf, montierte eine Satellitenschüssel auf eine Terrasse. Wir scherzen, ob bald ihr eigener Koch oder Doorman eintrifft. 35 Leute hat die AP in Haiti. Ich kann als One-Man-Show da nur staunen.

Das Hotel ist tatsächlich ein Theater des Absurden: Der Poolbereich ist komplett intakt, wirkt sogar idyllisch. Doch gegenüber ist der Trakt des Hauptgebäudes – gleich hinter den Arbeitstischen der Reporter – komplett eingestürzt. An der Wand hängen noch haitianische Gemälde. Gleich unter dem Dach ging der Feuermelder beim Megabeben um 16:53 Uhr letzten Dienstag los – er piepst immer noch. Durchdringenden, schrill, konstant. Entnervend.

Doch dann: Peng, Peng, Peng! Schüsse. Sie gellen durch die Nacht. Alle schrecken auf. “Ist das ein Feuerwerk?”, scherzt jemand unter den Reportern. Galgenhumor. Es hilft, den Horror zu verkraften. Doch wir wissen: Es ist wohl eine weitere Nacht des Grauens für die 1,5 Millionen Obdachlosen, die in den verwüsteten Straßen von Port-au-Prince schlafen.

Es ist meine vierte Nacht im Freien. Ich schlafe auf einer kleinen Rasenfläche zwischen der Hotelanlage. An Ruhe ist da nicht zu denken: Moskitos stechen, dutzende Hunde kläffen nonstop. Und es ist kalt, jedenfalls für die Karibik. Die Temperatur fällt auf 15 Grad Celsius. Ich habe alle Kleidungsstücke an.

Und dann geisterten nonstop die Horrorbilder durch meinen Kopf: Die Leichenberge der Massengräber, die aufgedunsenen, gelb-braunen, halb verfaulten Köpfe. Die aufgerissenen Augen. Die Arme, die aus dem Schutt der an allen Ecken kollabierten Gebäude ragen. Die Toten auf den Straßen. Die verzweifelten, Hilfe suchenden Blick der Kinder in den Zeltstädten der Obdachlosen. Die stoischen Blicke der herum irrenden, traumatisierten Überlebenden.

Zum Glück kann man über Gerüche nicht träumen: Der süße Leichengestank, der seit Tagen über der Desasterzone weht, würde sicher eine Hauptrolle spielen. Ein paar Stunden Schlaf kommen dann doch zusammen. Erschöpft packe ich meine Sachen am Morgen zusammen. Mein wasserdichter Rucksack mit Computer und sonstigen Arbeitsutensilien. Eine kleine Reisetasche. In der Hektik der Abreise aus New York habe ich das meiste vergessen. Socken, T-Shirts, Unterhosen, alles musste ich mit Seife im Waschbecken der Toilette bereits waschen. Niemand wundert sich, als ich die Kleidung über einen Sessel am Pool zum Trocken aufhänge. Das Hotel ist jetzt längst mehr ein Auffanglager für Journalisten.

Das Bargeld ist fast ausgegangen. Geduscht habe ich zuletzt vor drei Tagen. Ein Kollege ließ mich seine Dusche im Hotelzimmer benützen. Registriert bin in an der Rezeption unter meiner Kreditkarte als “Pool -Hang-out”, eine Art Herumlungerer. 60 Dollar zahle ich dafür, drei Essen inkludiert. Angesichts des Horrors vor den Toren ist diese Oase jeden Dollar davon wert.

Doch auch hier werden die Vorräte langsam knapp: Am Sonntag begann die Managerin erstmals, neuankommende Journalisten abzuweisen. “Wir schaffen es einfach nicht mehr”, sagt sie: “Meine Leute sind erschöpft, der septische Tank quillt bereits über, es geht nicht mehr”. Tatsächlich: Am Boden rund um den Pool liegen die Menschen dicht gedrängt, Körper an Körper. Leichter Lagerkoller bricht aus.

Und dann die Nachbeben: Als am Freitag um 4 Uhr Früh die Erde gut 15 Sekunden stark vibrierte, als Stunden später ein Hieb von der Seite kam, oder das Rollen des starken Aftershock der Stärke 4,5 am Samstag. Sie lassen die Neven noch mehr blank liegen. Als sich bei einem leichten Stoß eine Holzplanke vom zerstörten Teil des Hotels löst und zu Boden kracht, springe ich mit 20 Kollegen auf. Wir sitzen unter einem Dachvorbau. Nichts wie weg.

Ich vermisse meine Familie in New York Estee, Max und Mia. Estee erzählte mir, dass die Kleine seit Tagen nach mir sucht. Zuletzt packte sie ein paar Spielsachen in einen kleinen Rucksack und sagte: “I go Daddy”. Tränen schießen mir in die Augen. Max, der die Tragödie mitbekommt, sorgt sich. Wenigstens geht das Internet wieder: Am Sonntag sehe ich sie am Sykpe-Videochat. Es ist Zeit. Ich mache mich in Kürze auf den Weg aus der Hölle.