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Wir fahren ins Epizentrum des Haiti-Todesbebens: Leogane, einst eine nette Kleinstadt mit
gefälliger Kolonial-Architektur, gut 20 Kilometer südwestlich von Port-au-Prince. Die Fahrt geht vorbei am völlig demolierten Präsidentenpalast, durch das total verwüstete Downtown, wo die Müllberge nun fast schon die Schutthaufen überragen. Am Straßenrand liegt ein Toter, die Füsse abtrennt. Die herausragenden Knochen sind zu sehen. Wir drehen uns blitzschnell weg. Dann treffen wir ein Team an Seismologen aus Kalifornien. Sie suchen mit einem GPS-Gerät das exakte Epizentrum, wollen das Beben studieren. Das Gerät zeigt an, dass es drei Kilometer neben der Hauptstraße liegt.

Wir kommen im “Ground Zero” der schlimmsten Erdbeben-Katastrophe aller Zeiten an. Hier entfalteten die Erdstöße der Stärke 7.0 die verheerendste Kraft. Es sieht aus wie nach einem Flächenbombardement im zweiten Weltkrieg: Kleinere Häuser einfach umgeworfen, die Strommasten eingeknickt, in vielen Straßen nichts als Schuttberge. 60 Prozent der Gebäude sind zerstört. Jeder Bewohner hat jemandem im Beben verloren.

Verwundete irren hier immer noch herum: Sherie Lucenat (22) liegt auf einer Holzbank in auf einem Gelände einer Missions-Schule. Sie ist im siebenten Monat schwanger. Ihr Bein ist gebrochen, geschient mit einer zwei, aus einer Karton-Schachtel geschnittenen Streifen. Ihr Gatte Antoine (28) hält sie umarmt. Seit Tagen hat sie Schmerzen. Schlimmer jedoch die Furcht, das Baby zu verlieren. Dazu Hunger und Durst. Antoine präsentiert den letzten, verknitterten Geldschein. Leise fleht er: “Bitte helft uns”. Sie schaut ängstlich.

Die internationale Hilfe läuft hier erst an, tausende Verletzte sind wegen mangelnder ärztlicher Betreuung in Lebensgefahr. Meist irren sie herum, schleppen sich vor geschlossene Spitäler, jagen jedem Gerücht über mögliche Notlazarette nach. Die Schwangere mit dem gebrochenen Bein führte ihr Mann auf dem Motorrad zur Mission, nachdem im Radio über eine kubanische Hilfsaktion berichtet wurde. Tatsächlich sollen hier Kinderärzte, Chirurgen und Praktiker – am Tag Sechs nach dem Haiti-Beben – ihre Arbeit aufnehmen. Keine Sekunde zu früh: Infizierte, aufgedunsene Gliedmaßen müssen amputiert werden. Sonst droht der Tod.

Es trifft vor allem die Kinder: Der kleine Cederson Pierre (5) hat ein gebrochenes Bein, notdürftig eingewickelt. “Er hat seit Tagen furchtbare Schmerzen, brüllt oft wie am Spieß”, sagt sein Vater. In einem Fußballstadium ist eine Zelt- und Wellblechsiedlung entstanden. “Wir suchen hier jeden Tag nach Leuten, die dringend ins Spital müssen”, sagt Anthony Paul von der US-Hilfsgruppe NAPS: “Es sind die vergessenen Opfer der Bebentragödie, erklärt er: “Hier sind die Schäden zehn mal stärker als in Port-au-Prince”. Doch dort konzentrieren sich die Rettungsarbeiten. Längst ist auch ihnen das Material ausgegangen: Als Schienen für Knochenbrüche bringen sie Holzplanken.

Eine junge Frau liegt unter einer Zeltplane am Boden, ihr Atem ist schnell, der Puls rasend, sie röchelt. “Ein Anfall”, ruft eine der Team-Ärztinnen. Erzählt hätte sie, dass sie fallende Gebäudeteile am Kopf trafen. Sie könnte in akuter Lebensgefahr sein. Doch die Spitäler würden sie “ohne sichtbare Blutungen” gar nicht aufnehmen, so Paul. 32 º C hat es in der Mittagssonne, unter der Plane weit mehr. Mit den bestialischen hygienischen Zustünden droht der Ausbruch von Seuchen, vor allem der Cholera. Dabei sei es ein Glück, dass es noch nicht regnete nach dem Beben. “Die Wut steigt unter den vergessenen Opfern von Leogane“, so der Pastor Alfonse Diendesi: “Wir fühlen uns um Stich gelassen”.