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Rückreise von Port-au-Prince. 102 Stunden in dem Albtraum sind genug. Der Chef der AVIS-Autovermietung fährt mich mit einem Kollegen um $200 zur Grenze. Er wollte selbst fahren. Netter Typ. Er schimpft über die Gier, die jetzt unter Haitianern herrscht: Jene, die lieber mit Wucherpreisen Profite aus der Beben-Tragödie schöpfen wollen – anstatt zusammenzustehen in der größte Krise der Armen-Nation.

Die Grenze: Ein Stahltor, durch ein Schotterweg so kaputt wie ein Flußbett, Die tristeste Grenze, die ich je sah. Es ist schon dunkel. kurz vor 18 Uhr. Und plötzlich: Ein Trommelfeuer aus Spanisch, es klingt nach alle dem sanften kreolisch und französisch aggressiv, nervend. „Taxi?“ OK. „Bags!“ Ins Grenzgebäude. Wir reichen die Pässe durch verschiedene Fenster – und immer neue Dollarnoten als Schmiergeld. Es sei zu spät, die Grenze geschlossen. Sie wollen nur die Greenbacks. Wir sind durch, in der Domenikanischen Republik, sitzen in unserem Taxi.

Ich texte Estee um 18:10 Ortszeit: “DR!” Kurz für Domenikanische Republik. Sie tippt zurück: “Thank God”. Ich drücke Tränen. Ich bin raus aus Haiti! Was für ein Stein der Erleichterung, der mir vom Herzen fällt. $400 will der Fahrer für die 280 km nach Santo Domingo. Wir werden es gerade noch zusammenkratzen. Doch sind wir ganz sicher? Am halben Weg sehe ich, wie unser Fahrer beim Tanken eine Pistole vom Boden aufhebt und sie sich in die Hosentasche steckt. Ich versuche, es positiv zu deuten: Vielleicht ist das hier Landesbrauch unter Taxlern.

Wir sind vor dem Hotel. Lebend. Die erste Dusche: Das Wasser rinnt dunkelbraun in den Abfluss. So verdreckt war ich seit dem Rückweg vom Mount Everest Base Camp als Backpacker 1992 nicht mehr. Dann gegrilltes Hühnchen vom “Room Service”. Allein das Wort! Ich schreibe meine Reportage noch bis 2 Uhr Früh fertig, ich fürchte, dass ich es mit dem Nachlassen des Adrenalin-Spiegels am Morgen nicht mehr schaffe. Ein Bett! Interessantes, willkommenes Konzept. Trotzdem fällt das Schlafen schwer: Die Horrorbilder spuken weiter durch meinen Kopf. Es sind immer die gleichen, in unterschiedlich angeordneten Endlosschleifen.

Ich muss mich noch um ein paar offene Enden kümmern: Mein erster Mietwagen steht immer noch am Privat-Flughafen. Wir nahmen ja einen Flieger nach Haiti. Das Auto blieb dort zurück. Ich fahre es zum internationalen Flughafen, gebe es retour.

Und kämpfe mit dem Wiedereinstieg ins normale Leben: Eine US-Tussi (sorry!) steht vor dem Wechselschalter und erzählt der Schalterbeamtin, wie sie ein Taxi-Fahrer bei der Umrechnung um $3 beschissen haben muss. Wow. Das sind Probleme. Dann bleiben ihr beim Wechseln ein paar Peso übrig. Sie dreht sich um und will sie mir – ohne Vorwarnung – in die Hand drücken. Ich ziehe meine Hände instinktiv zurück. Das Geld fällt zu Boden. “That was so rude”, kanzelt sie mich ab. Als ich irgendwas von den letzten Tagen und einem durch Leichenfelder stapfen und andere Sorgen haben loswerden will, ist sie bereits abgerauscht.

Vor dem Einsteigen werden die Taschen extra durchsucht. Umar Farouk Abdulmutallab! Total vergessen. Eine Amerikanerin brüllt durch die Halle: “Hey Nancy, he doesn´t know what a tampon is”. Beim Einsteigen stehen sie hinter mir. “What´s that smell?”, höre ich sie. Sie meinen, das müsse wohl aus dem Klo kommen. Wrong, people! Das bin sicher ich. Ich habe mich zwar geduscht – doch die Hose ist noch nicht gereinigt. Und die Ersatzhose habe ich beim Aufbruch vergessen.

Ding, dong! Ich stehe vor der Apartment-Türe. Mia springt derart glücklich auf und ab, dass ich es mein Leben nicht vergessen werde. Wir alle drücken uns. Der Albtraum ist zu Ende – für uns jedenfalls.