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Es treibt die toten Tiere an die weißen Sandstrände von Mississippi. Zuerst sehe ich die Bilder auf den US-News-Sites, fahre sofort hin. Es ist zirka eine Autostunde von New Orleans. Die Sonne schimmert durch die abziehenden Gewitterwolken der Nacht – vereinzelt laufen Jogger nahe der Brandung, Es riecht nach Benzin – wie nun bereits entlang der gesamten Golfküste.

Nur mehr wenige Kilometer ist der Ölteppich vom Strand “Long Beach” bei Golfport, Mississippi, entfernt. In der Früh von US-Medien verbreitete Karten sind schockierend: Wieder hat sich die Fläche des wohl größten Ölteppichs des Menschheitsgeschichte fast verdreifacht, füllt nun den Großteil des Golfes von Mexiko aus. Und das große Tiersterben hat begonnen. Am Strand liegen tote Fische, insgesamt 23 verendete Schildkröten waren zuvor abtransportiert worden. Anrainer stellen klar: „Noch nie haben wir so viele tote Tiere gesehen“.

Ich sehe einen Fisch im Seetang liegen, er ist von Möwen bereits halb zerhackt. “Gestern habe ich noch geweint über diese Tragödie“, sagt Tracy Smith, eine Anwohnerin des Ferienortes, die am Strand joggt: „Der Anblick der toten Tiere ist schwer verdaubar“.

Von einen toxischen Hurrikan in Zeitlupe sprechen viele. Und die meisten sind sich sicher: Es dürfte alles weit schlimmer kommen als selbst nach dem Horror-Hurrikan Katrina. Der Fischfang wurde vor den Küsten von gleich vier Staaten, Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida verboten. Doch am Pier draußen treffe ich Hobby-Fischer Donnie Davis: “Ich habe keine Bedenken”, wirft der seine Angelroute am Pier in die stille See: “Die Fische beißen noch an – doch das wird nicht mehr lange so bleiben”. Essen will er seinen Fang selbst. Noch.

Er hat Angst: “Die ganze Region lebt vom Meer, nichts wird mehr so wie früher – nach Katrina hatten wir wenigstens noch das Meer, das uns ernährte”. Sein Sohn Jonnie jr. stellt viele Fragen: Werden viele Fische sterben? Was ist passiert? “Ich wünschte, ich hätte Antworten”, sagt der Dad traurig.

Wo kommen die toten Tiere hin? Ich recherchiere kurz den Ort, ein nahes Marine-Institut in Golfport. Das iPhone – diesmal eingestellt auf Direktionen für den Autoverkehr – gibt eine Fahrzeit von 23 Minuten an. Ich werde in den Konferenzraum gebeten, wo Institutsleiter Moby Solangi bereits vor mehreren europäischen Korri-Kollegen mit seinen Ausführungen begann. 23 tote Schildkrötender warten in der Forschungsanlage jetzt auf die Autopsie: Sie liegen im Gefrierfach des “Necropsy”-Labors, einer Leichenhalle für tote Meerestiere.

Ich dränge den Marine-„Doc“, uns die Tiere zu zeigen. Er warnt: „Der Gestank ist entsetzlich“. Es hilft nichts, wir sind Reporter, ich überrede ihn. Er sagt nur mehr: “Haltet euch die Nase zu”. Und er hat nicht übertrieben: Der pentrante Leichengestank löst prompt einen Haiti-Flashback bei mir aus. Die Tiere sind in Plastiksäcke verschnürt, Beweise eines Verbrechens.

Hier soll geklärt werden, ob die vier verschiedenen Schildkröten-Arten an der Öl-Pest starben. “Wir schauen ihnen in den Magen, suchen nach Ölresten”, sagt der Experte. Sollte der Befund unklar sein, werden toxikologische Untersuchungen angeordnet. Wie beim Todesfall von Anna Nicole Smith, denke ich mir.

In dem Institut sollen künftig auch verletzte Meerestiere behandelt werden. Noch sind die Tanks leer, doch das werde nicht mehr lange so bleiben, glaubt Solangi: “Die Tiere, selbst die hochintelligenten Delfine, erkennen die Gefahr nicht – sie schwimmen geradeaus ins Verderben”.