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Schwerkranke eilen in Kliniken, pechschwarze Rauchfahnen wehen von brennenden Barrikaden aus Autoreifen über die Slums, Totengräber in gelben Mänteln sammeln Leichen ein. Ich bin in der Cholera-Hölle Haitis eingetroffen. Über 1.250 Menschen raffte die Seuche hinweg, mindestens 20.000 erkrankten in allen zehn Provinzen des heillos überbevölkerten Karibikstaates mit neun Millionen Einwohnern. Und immer öfter kippt die Verzweiflung in Hass um: Gegen die Regierung, die UNO, gar westliche Hilfsgruppen. Niemanden scheint es zu gelingen, das unendliche Leid zu stoppen. Auch als Reporter, der im Jänner in den apokalyptischen Tagen nach dem Beben aus der Trümmerstadt berichtete, spüre ich die wachsende Feindseligkeit.

Port-au-Prince, die Hauptstadt, ein Menschengewühl aus zwei bis drei Millionen. Das 7,0-Megabeben des 12. Jänner legte die Stadt binnen Sekunden in Schutt, riss 300.000 in den Tod.

Ich kann es kaum fassen: Jetzt, elf Monate später, sieht die Ruinenstadt weiter so aus, wie ich sie den Tagen nach dem Erdstoß erlebte. Überall noch Halden eingestürzter Gebäude, bestialisch stinkende Müllberge. Nur wenige Straßenlampen leuchten in der Nacht. 1,4 Millionen Obdachlose hocken in Zeltstädten.

Und jetzt wütet in dem Chaos die Cholera, die heimtückische Durchfallserkrankung, die Menschen binnen Stunden austrocknen – und töten kann. Immer neue Notkliniken zur Behandlung der stetig steigenden Fälle muss „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) einrichten. In einem der Bahandlungszelte auf einem Schotterfeld im Bezirk Sarthre liegt Mikenshel (14). Er ist todkrank, der dünnflüssige Stuhl schießt mit einem deftigen Geräusch in einen Kübel unter der Pritsche. Er hängt am Tropf, doch eine Besserung will sich kaum einstellen. Seine Mutter Melina Cagon (45)  sitzt daneben. „Vor neun Tagen wurde er krank“, sagt sie. In der Spezial-Klinik für schwere Fälle wird ihm langsam mit der Infusion einer Nährflüssigkeit aus Wasser, Salz und Zucker die verlorenen Flüssigkeit wieder zugeführt.

In einem Zelt gegenüber liegt ein weiterer ihrer Söhne, Myriel (16). Drei weitere Kinder hatten ebenfalls Durchfall, doch es geht ihnen jetzt besser, sagt sie. Vermutlich keine Cholera. Neun Kinder hat sie insgesamt. Typisch Haiti. Wie rasch sich die Seuche in der Millionenstadt ausbreitet, zeigt diese eine Klinik: Zwei Betten weiter liegt der Nachbar der Frau mit den kranken Jungen. Es ist drückend heiß in dem Zelt, die Patienten sind meist nackt. In ihrem Bezirk „Warfsole“ grassiere die Cholera beängstigend, warnt die erschöpfte Frau: „Jeden Tag gibt es neue Fälle“. MSF-Sprecherin Isabelle Geanson (39) bestätigt: „Der Anstieg ist stetig, das kann noch Monate so gehen“.

Ich besuche das „General Hospital“ gleich hinter dem Präsidentenpalast, dessen prächtige Kuppel ebenfalls weiter schief auf der Ruine ruht. „Durchfalls-Abteilung“ heißt der Seuchenflügel, das Wort „Cholera“ ist verpönt, fast scheint es den Haitianern peinlich. Marie Eve (30) hetzt durch das Gittertor, streift sich die Schuhe in einer Wanne mit Chemikalien ab. Sie eilt ans Krankenbett ihres Sohnes Gerson (7). „Es begann so plötzlich“, sagt sie: „Er übergab sich, dann der Durchfall“. Sie raste mit ihm ins Spital. Die Nacht über betete sie, während die Nährlösung intravenös in seinen schwachen Körper floss: „Bitte, lass ihn nicht sterben“. Er ist über dem Damm, erzählt sie mir. Es scheint ihr erstes Lächeln nach Stunden des Albtraumes.

„Die Cholera ist leicht heilbar“, erzählt mir die aushelfende US-Ärztin Megan Coffee (34) bei einer Pause im Hof der Klinik: „Bei rechtzeitiger, medizinischer Hilfe erholen sich die Patienten wieder so rasch, wie die Krankheit zunächst zuschlägt“ Warum sterben dann so viele? Besonders in ländlichen Regionen werde die Krankheit oft zu spät erkannt, sagt sie: „Da klagt der Opa am Abend über Durchfall – und am nächsten morgen liegt er bereits halbtot im Bett“.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, spielt sie mit dem umgehängten Stethoskop: „Die Krankheit saugt rapide alle Körperflüssigkeit auf“. Die Cholera-Patienten sehen aus wie Hungeropfer, Gesicht und Körper eingefallen, Arme und Beine so dünn wie Stöcke. Bis zu zehn Liter Flüssigkeit pumpte sie in einen Patienten, sagt sie, „so viel Flüssigkeit hat er verloren“. Doch wenn der Ansturm an Opfern zu groß wird, oder Medikamente fehlen, ist es oft zu spät. „Ein Kind starb in meinen Armen“, sagt sie traurig.

Die hygienischen Zeitbomben der Zeltlager sind die Brutstätten der Seuche. Ich besichtige eines der „Camps“ nahe des Regierungsviertels. Madelaine Lubin (40) steht vor ihrer Behausung. Holzplanken, blaue Planen gegen die Regengüsse, Wellblech. Dort haust sie seit dem Beben mit ihren vier Kindern (20, 18, 17 und 15). Ihr Mann wurde damals von Trümmern erschlagen. Sie wischt sich ein Tränen weg, doch wirkt insgesamt stoisch, stark. „Wir haben alle furchtbare Angst vor der Cholera“, sagt sie. Im Radio warnten sie: „Wascht eure Hände, verwendet die Klos“. Es wirkt wie ein Witz, als ich auf das trostlose Lager blicke: Ein Flusslauf quer durch die Zelte ist mit faulendem Müll fast randvoll, Wildsäue suchen darin nach Nahrung. Es stinkt bestialisch. Die wenigen Latrinen sind meist randvoll, Exkremente gelangen ins Wasser. So breitet sich die Seuche natürlich aus.

Die Haitianer sind wegen ihrer Geschichte aus Diktatoren, Kriegen, Wirbelstürmen, Erdbeben und Seuchen die vielleicht härtesten Menschen der Erde. Stoisch erduldeten sie die Erdbebentragödie. Doch jetzt spüre ich: Die Geduld scheint am Ende. Die Stimmung in Port-au-Prince ist gereizt, explosiv. Dazu wird am 28. November ein neuer Präsident gewählt. Wütende Mobs liefern sich im gefürchteten Slum Cité Soleil Gefechte mit UN-Truppen. Viele glauben, dass UN-Soldaten aus Nepal die Seuche einschleppten. „Es gibt immer mehr Warnungen über neue Gewaltzonen“, sagt der Jungunternehmer David Charlier (28), als er während unserer Fahrt durch die Stadt die SMS-Meldungen auf seinem Handy studiert: „Viele Haitianer denken, dass Hilfsorganisationen mit ihrem Leid Spenden sammeln – während hier nichts besser wird“.

Der Vorwurf scheint ungerecht: Allein die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ betreibt 21 Cholera-Zentren, rettete über 16.000 Cholera-Opfern bisher das Leben. Doch sie Sehnsucht der Bürger Haitis nach ihrer eigenen Zukunft wird immer größer.