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Die UNO hat nach anfänglichen Dementis und generellem Herunterspielen nun eine Untersuchung eingeleitet. Der Verdacht ist schrecklich: Haben UN-Soldaten aus Nepal die Cholera nach Haiti gebracht? Konkret: Aus Latrinen und einem septischen Tank in dem Camp mit 500 Soldaten seien Exkremente in den „Boukan Kanni“-Zufluss des Artibonite-Flusses gelangt. Die Cholera ist in Nepal endemisch, über den Sommer hinweg wurden lokale Ausbrüche gemeldet. Kurz nach dem Eintreffen neuer Kontingente Mitte Oktober brach entlang des Artibonite-Flusses die Cholera aus – die ersten Fälle in Haiti seit mehr als 100 Jahren.

Ich mache mich auf zur Spurensuche. Als ich mit meinem Übersetzter David den Fluss entlang gehe auf der Suche nach der Stelle, kommt uns der Junge Wilkely Ulyss (10) entgegen (siehe Foto). Hinter ihm marschieren acht nepalesische Soldaten. Er weint, ruft entzürnt, dass sie ihn mit den Stöcken geschlagen haben. Warum? Weil er hier herumgeschnüffelt haben soll, sagt er geschockt, das Gesicht schmerzverzerrt. Wir lassen uns nicht abhalten.

Ich stehe vor dem Stacheldrahtzaun des Lagers entlang des idyllisch aussehenden Flusslaufes. Dahinter die Latrinen, ein kleiner, ausgetrockneter Graben führt an den Klos vorbei, endet wenige Meter weiter im Geröll des Flussbettes. Stehendes Wasser wirkt dort verdreckt, die Quelle dafür ist jedoch unklar. Das „Ground Zero“ der Seuche? Wahrscheinlich, obwohl eindeutige Klarheit erst die UN-Untersuchung bringen könnte (falls sie jemals öffentlich wird). Ich habe jedoch plötzlich ganz andere Sorgen: Als ich mich beim Begehen der steilen Böschung an einem Baumstamm anhalte, bemerke ich rasch, dass die Rinde mit scharfen Dornen übersät ist. Autsch! Ein wahrlich hinterhältiger Tropenbaum. Rasch tropft Blut von meiner Handfläche. Ich blute am wahrscheinlichen Ursprung der Haiti-Cholera. Perfekt.

Die UN-Soldaten drinnen putzen die Latrinen, spätestens jetzt haben sie uns bemerkt. Sie reden aufgeregt in ihre Funkgeräte. Die Patrouille ist in wenigen Minuten zur Stelle. Acht sind es, für Soldaten sind sie schmächtig. Sie fuchteln mit den Schlagstöcken. Na was: Zuerst vielleicht die Cholera ins Bebenland bringen und dann die internationale Presse verprügeln? Es sind doch nur Drohgebärden. „Der Kommandant will uns sehen“, sagen sie. Trifft sich gut, ich wollte ohnehin mit ihm reden. Doch es wird bloß eine kurze Unterhaltung durch das Loch im Stahltor. Wir hätten hier keine „Permission“, sagt er. Und sonst: „No Comment“. Der geschlagene Junge sitzt vor dem Tor, er weint immer noch. Cholera einschleppen und einheimische Kinder verprügeln? Hohl klingen da die Beteuerungen der UN-Fürhung in Port-au-Prince, dass es zu den Steinwürfen wütender Demonstranten gegen ihre Truppen bloß aus „politischen Motivationen“ heraus komme.

Indizien für die UN aus Seuchenauslöser gibt es reichlich: Reporter der Agentur AP hatten Ende Oktober überfüllte septische Tanks beobachtet, Einheimische sich davor längst beschwert, dass stinkende Brühe in den Fluss gelangte. UN-Leute wurden von Medien gesehen, wie sie mögliche Proben in Behälter schaufelten.

Was sie – stimmen die Vorwürfe – damit anrichteten, braucht nicht eigens kommentiert zu werden. Ich besichtige die Seuchen-Toten von Port-au-Prince: Eigentlich interessiere ich mich vor allem dafür, wie die Leichen desinfiziert werden, um eine weitere Kontamination zu verhindern. Doch dann reißt der Chef des Leichenschauhauses im „General Hospital“ die Stahltüre zu einem Raum auf, wo die zu diesem Zeitpunkt 47 Toten der Cholerawelle aus der Hauptstadt aufbewahrt werden. Und obwohl die Verstorbenen zuerst mit Chemikalien eingepulvert wurden und in einem Sack verschnürt, landeten sie dann doch in einem einzigen Raum wild durcheinander geworfen. Als mir der Chef der Abteilung dann zum Abschied die Hand schütteln will, strecke ich ihm meine instinktiv entgegen. David schüttelt den Kopf, während ich in meiner Tasche nach dem Hand-Sanitizer krame.

Wenige Gebäude weiter haben wir nach dem Anklopfen in beinahe allen Büros den Chef-Arzt der größten staatlichen Cholera-Klinik gefunden. Dr. Yves Lambert ist ein freundlicher Mann, doch er wirkt extrem besorgt, warnt im Gespräch in seinem spartanisch eingerichteten Büro vor „hunderttausenden Erkrankten“ in Port-au-Prince alleine. In seiner Klinik müsse er Patienten bereits auf Feldbetten unterbringen, der Anstieg der Infektionen verläuft immer noch exponentiell. Einen Höhepunkt der Welle erwartet er erst in mehreren Monaten. Das Gesundheitssystem Haitis wäre dann mit der Epidemie trotz der Hilfe der NGOs heillos überfordert.

In der Kleinstadt Archaie betreibt das „Deutsche Rote Kreuz“ eine Klinik für die Seuchenopfer, sie retten vor allem Bewohner entlegener Dörfer, die oft halbtot nach einem Tagesfußmarsch ankommen. Der Spitals-Manager Andreas Fabricius erzählt, dass es von einer sechsköpfigen Gruppe nur zwei in die Klinik schafften – der Rest starb am Weg. Im letzten Moment gerettet wurde auch der eineinhalbjährige Bub Kenson: Nachdem wegen der Entwässerung keine Venen mehr gefunden werden konnten, musste die Nährlösung in die Knochen gespritzt werden. Dann wurde auch noch seine schwangere Mutter krank. Alle überlebten. Am Krankenbett flößt der Vater seinem Jungen rührend die Salz- und Zuckerlösung zur Hydrierung ein.