So ein Tag in London…


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Hochzeit des Jahrzehntes, Kate & Wills, der 29. April 2011, in London der historischste Tag einer Generation. Zuletzt war ich hier, als Lady Di 1997 zu Grabe getragen wurde, eine unvergesslicher Moment, jetzt heiratet ihr Sohn. Und das ging so: Es ist ein feuchtkalter Morgen, seit 6 Uhr früh strömen die Massen ins Zentrum zur Westminster Abbey, dem Buckingham-Palast und der Parade-Route dazwischen. Sie ziehen singend über die „Thames“-Brücken, zwängen sich mit voller Vorfreude aus den Stiegenaufgängen der „Underground“.

Viele schleppen ganze Arsenale patriotischer Utensilien: Vor allem „Union Jacks“ in allen Größen sind zu sehen, gefertigt aus Papier, Stoff oder Plastik. Am beliebtesten: Die Version mit dem strahlenden Portrait des königlichen Hochzeitspaares aufgedruckt. Einige haben sich eingewickelt darin, als Schutz vor der Kälte.

Ich marschierte um 6:30 Uhr Ortszeit über die Westminster Bridge. Obwohl sich die Plätze hinter den Stahlgittern rasch füllten, ist ein flottes Durchkommen bis zur Abbey möglich. Die Karneval-Atmosphäre ist sofort spürbar, obwohl tausende die Nacht bei nur 8 º C im Freien verbrachten: Sprechchöre hallen über den Platz vor dem 1546 erbauten, gotischen Prachtbau. Als der nahe „Big Ben“ sieben Mal läutet, braust Jubel auf: Noch vier Stunden bis zur Vorfahrt der Brautleute! Und der Lüftung des noch größten Geheimnisses zu diesem Zeitpunkt – Kates Brautkleid, mit dem sie zum Beginn der einstündigen Zeremonie durch das Portal schreiten wird. Korrekt, wie sich zeigen sollte,  hatten die Britenblätter auf eine Kreation der Stardesignerin Sarah Burton vom Label des verstorbenen Alexander McQueen getippt.

Durch die dünne Wolkendecke blinzelt ab und wann die aufsteigend Sonne durch. Doch Meteorologen hatten noch am Morgen vor Regenschauern gewarnt – wenn auch die zunächst befürchteten Gewitter-Platzregen ausbleiben dürften.

Vielen Wartenden gingen in der Nacht trotz aller Vorfreude doch die Nerven durch: Als die Polizei einige Flächen zur Straßenreinigung freimachte, erzählt mir die Lehrerin Patrice Petel (23) aus Neuseeland, die fröstelnd auf einem Elektroschaltkasten hockt, „kam es zu Schreiduellen, Rangeleien und fast Faustkämpfen um die besten Plätze vor der Kirche“. Doch nun tickt der Countdown, die Euphorie wächst minütlich.

Zwei Stunden vor dem Hochzeitsbeginn ist nun fast jeder Quadratzentimeter des Straßen- und Gehsteigrasters um die Westminster Abbey gefüllt. Richard Bransons Virgin ließ aus Karton gefertigte „Ausguckrohre“ verteilen, mit denen via zwei Spiegel über die Köpfe der Massen gesehen werden kann. Tausende ragen in die Luft, die Szene erinnert bereits an die Neujahresfeiern am New Yorker Times Square.

Die ersten Busse mit ausländischen Botschaftern rollen zur Abtei, die Menge jubelt ihnen zu, jedoch zunächst eher, um sich warm und in Stimmung zu halten.

Das massive Sicherheitsaufgebot wird inzwischen weit sichtbarer: Zwei Polizei-Helikopter knattern über dem Areal, auf den Dächern sind Scharfschützen platziert. 5.000 Polizisten und 1.500 Soldaten bewachen die Hochzeit des Jahrzehnts, sollen Störmanöver abwenden und auch Demos fernhalten. Am Vorabend wurden drei Radikale im Londoner Stadtteil Brookley verhaftet, die Puppen des royalen Hochzeitspaares mit einer angefertigten Guillotine in der Öffentlichkeit köpfen wollten.

Doch die Briten lassen sich ihr Fest nicht vermasseln: In Zeiten historischer Budgetkürzungen, Massenentlassungen, Uni-Gebührenerhöhungen und einer stagnierenden Wirtschaft geht ein Ruck des Patriotismus durch die Nation. Und auch die hunderte Jahre alte königliche Familie hofft auf ein Comeback in der Gunst der Bürger: „Auch wenn es in den letzten Jahren keine großen Skandale gab“, erzählt die Pensionistin Jenny Grindfield gegenüber der Kirche, „verloren vor allem die Jüngeren das Interesse,  die Kritik an Pomp und Kosten wuchs – William und Kate könnten das ändern, nach dem Diana-Drama der Monarchie wieder ein junges, modernes Antlitz verleihen“.

Über die Handys eingetroffen werden die „Breaking News“ der Titelvergabe aufgeregt diskutiert: Queen Elizabeth II ernannte, wie die offizielle Website „officialroyalwedding2011.org“ vor 9 Uhr verlautete, das Paar zum Herzog und Herzogin von Cambridge, Wills wurde zusätzlich zum Grafen von Strathearn (Schottland) und Baron von Carrickfergus (Nordirland) befördert. Royaler Pomp.

Zehnmal tönt die Glocke des „Big Ben“, es wird ernst mit der Megashow der Briten-Monarchie. Noch 60 Minuten.

Jetzt stehen die Massen Schulter an Schulter. Plötzlich bricht wieder Jubel los, der Bräutigam William, ausgestattet mit den neuen Adelstiteln und der prächtigen, knallroten Galauniform eines „Colonel“ der Irischen Garde, samt goldenen Schulterklappen, Knöpfen und einem Schwerthalter, steigt aus. Eine Frau, gekleidet in einem Kleid aus Briten-Flaggen, geht in die Knie, ruft: „Mein Gott! Die Sonne kommt raus!“ Und Tatsächlich: Sonnenstrahlen dringen durch die Wolkendecke, hellen die gotischen Gemäuer der Abtei auf. Menschen starren gebannt in den Himmel, jemand murmelt: „Was für ein gutes Zeichen!“

Ich stehe an den Stufen einer Barcleys-Bank, es ist Zeit der Sorge um die Höhe der Roaming-Gebühren dem Wissensdrang zu opfern: Ich stelle via „Slingbox“, die mein Kabel-TV in New York in via Internet abrufbare Streams verwandelt, am iPhone CNN an, sehe nun die wie in einem Hollywood-Thriller inszenierte, Oscar-verdächtige Hochzeitsshow. Jetzt hängen die Fans eher um mein iPhone, obwohl einige der älteren Ladies bis heute wohl rätseln wie die Bilder aufs Handy gelangten…. Es geht im Minutentakt: Thronfolger Charles, Camilla und die Queen in zitronen-gelb, treffen ein, schlendern durch das Kirchenportal. Besonders bei Elizabeth II klatscht die Menge zufrieden: Die Königin ist bei der weitgehenden Bevölkerungsmehrheit populär, verziehen ist ihre „Herzlosigkeit“ und „Sturheit“ in der epischen Trauerwelle nach Dianas Tod. Doch dann: Der Rolls-Royce mit der Braut fährt beim „Goring Hotel“ los, TV-Kameras fangen das prächtige Brautkleid mit der langen Schleppe ein. Exakt, wie geplant, fährt der Wagen unter dem Gebimmel des Big Ben vor. Wieder blinzelt die Sonne durch. Den Damen hinter mir auf den Stufen kullern jetzt die Tränen über die Wangen.

Während Wills zur Prinzessin macht, muss ich los, um einen Platz an der „Mall“ für den Vorbeizug der Kutschen-Parade zu ergattern. Im St. James Park sitzen Menschen andächtig im Gras, über Lautsprecher tönt die Übertragung der Hochzeitsmesse. Einige trinken Sekt, andere schauen zufrieden auf den nahen Teich. Großbritannien genießt seinen Traumtag. Als die Hymne „God save the Queen“ gesungen wird, wedeln die Zehntausenden entlang der Route mit den Fahnen.

Und jetzt kommt die Kutsche, der von zwei Pferdegespannen gezogene „State Landau“, mit Kate im elfenbeinfarbenen Spitzentraum und Wills mit Militärkappe drinnen. Eine Eruption des Glückgefühls: Eltern tragen ihr Kinder auf den Schultern, Teenager ihre Freundinnen. Tausende Hände recken sich nach oben, es ist ein glitzerndes, blinkendes, buntes Meer aus Handy-Kameras. Tausende „Union Jacks“ wehen.

Nächste Station, der Platz vor dem Buckingham-Palast: Doch nun sind die meisten Wege durch die Massen blockiert, es kommt im St. James Park bei Flaschenhalsen zu gefährlichen Drängereien. Ich erkletterte eine Steinmauer zur Medien-Tribüne (wofür 900 Pfund pro Platz bezahlt wurden), doch ein not amused-ter Bobby teilt meiner journalistischen Triebkraft ein jähes Ende. „Get down! Now!“ Doch dann werden die Massen in einer organisierten Völkerwanderung doch vorgelassen zum Palast, dürfen sich an den gleich zwei Küssen und dem Überflug alter wie neuer Kriegsjets erfreuen. Es waren Szenen, die Großbritannien und die Welt nie vergessen werden. Happy Szenen noch dazu, einen echte Rarität in unserem zuletzt tragisch-turbulenten Weltgeschehen.

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