9/11-Jahrestag: Angehörige trauern um die Toten an den Wasserfällen der Fußabdrücke


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Unter historischen Sicherheitsmaßnahmen gedachten die USA dem schwersten Terrorschlag ihrer Geschichte, als 19 Al-Kaida-Terroristen vier Verkehrsflugzeuge in Missiles verwandelten, die Twin Towers zerstörten und das Pentagon beschädigten.

Offene Emotionen sorgten vor allem in New York für einen Gedenktag voller Tränen: 5.000 Angehörige der insgesamt 2.983 9/11-Toten wurden zum ersten Mal in den imposanten Gedenkpark mit den „Fußabdrücken“ der gefallenen Türme geführt, wo Wasserfälle 9,1 Meter tief in ein „Pool“ stürzen. Davor sind die Namen der Opfer in 76 Bronzetafeln eingraviert.

Es kam zu herzzerreißenden Momenten: Witwen, verwaiste Kinder, Väter, Mütter, Geschwister suchten nach den Namen ihrer Verlorenen, berührten sie zärtlich mit den Fingern. Viele stützten sich gegenseitig, weinten unkontrolliert. Die Namen sind nicht alphabetisch, sondern in Gruppen (zum Beispiel nach gemeinsamen Arbeitgebern) angeführt, was den emotionalen Effekt drastisch erhöht.

Zu Tränen rührte ein Dreizehnjähriger, dessen Vater an 9/11 umkam: „Ich habe aufgehört zu weinen, aber ich werde nie aufhören, dich zu vermissen, Dad…“, sagte er stockend: „Ich habe dir so viel zu erzählen, ich habe mich entschieden, Kriminologie zu studieren…“, führte er an.

Die Echos der Trauer der Angehörigen hallten über den Platz: „Ich liebe dich Vater…“, sagte einer. „Er war mein Mann und Vater meiner Kinder…“, begann eine andere. Einige der 100 noch nach 9/11 geborenen Kinder vergruben ihren Kopf in Schuss der Eltern. Tausende Angehörige gingen bedächtig durch den Erinnerungspark, starrten stumm in die Wasserfälle, rasteten auf Bänken, umarmten sich immer wieder.

Gespenstisches Kernstück der Zeremonie: Sechs Schweigeminuten für die vier Flugzeugabstürze und die Einstürze der WTC-Zwillingstürme. Scharfe Glockenschläge waren jeweils das Signal zum Start der Trauerminuten, viele in der Masse zucken zusammen.

US-Präsident Barack Obama schritt in der Morgendämmerung zum wartenden „Air Force One“, Gattin Michelle an seiner Seite im einem schwarzen Kleid: Im Jet erhielt Obama das letzte Security-Briefing. Oben auf der Liste natürlich der Terroralarm wegen befürchteter Attacken mit LKW- oder Autobomben, der New York tagelang im Würgegriff hielt. Dazu erfuhr Obama Details des Selbstmordanschlages auf eine NATO-Basis in Afghanistan, wo 77 US-Soldaten verletzt wurden. Die Sicherheitsvorkehrungen gerieten historisch: Zehntausende Polizisten verwandelten das „Ground Zero“-Areal in eine Festung, Scharfschützen lagen am Dach der 9/11-Museumsgebäude, Gewehre im Anschlag.

Obama las Bibel-Psalm 46 über Menschenstärke und Gottesglauben nach der Eröffnung der Zeremonie mit Dudelsackspieler-Paraden, der vom Brooklyn-Jugendchor vorgetragenen US-Hymne und der ersten Schweigeminute um 8:46 Uhr, als vor genau zehn Jahren das Inferno mit dem ersten Crash von „American“-Flug 11 in den Nordturm begann.

Sein Vorgänger George Bush waren die Emotionen ins Gesicht geschrieben. Vor einem Jahrzehnt stand er auf der rauchenden Trümmerhalde und rief mit einem Megafon in der Hand den „Krieg gegen den Terror“ aus. Jetzt las er nach der zweiten Gedenkminute um 9:03 (Crash von United-Flug 175 in den Südturm) aus einem Brief von Abraham Lincoln ab eine Mutter vor, die ihren Sohn im US-Bürgerkrieg verlor.

Bush und Obama hatten als Geste der Versöhnung an diesem Tag gemeinsam den Fußabdruck des Nordturmes mit einigen Angehörigen besucht. Seite an Seite gedachten sie der Opfer mit einer persönlichen Schweigeminute. Sie lasen stumm die Namen, starrten betroffen in das Wasserbecken namens „Reflektion der Absenz“. Das Rauschen des Wassers soll hier alle anderen Geräusche der Stadt dämpfen, eine Atmosphäre der Stille beim Gedenken schaffen. Obama verließ „Ground Zero“ nach nur einer Stunde, flog zur nächsten Zeremonie nach Shankesville, Pennsylvania, wo der letzte Todesjumbo nach einem Sturm von Heldenpassagieren aufs Cockpit damals abstürzte.

New York bewältigte den emotionellen Prüfstein, am Abend wird auch der Stolz über sein Comeback spürbar sein: Der neue, schon 80 Etagen hohe WTC-Turm strahlt in den US-Flaggenfarben blau, rot und weiß, die 88 blauen Lichtkegel der Kunstinstallation „Tribute in Light“ dominieren den Nachthimmel über Manhattan. Die Welt wird die Twin Towers nicht vergessen – doch nach dem Jahrzehnt aus Angst und Kriegen machte sich auch wieder Hoffnung breit..

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