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Es begann vor zwei Wochen mit einer Minidemo – jetzt hallen die Rufe unüberhörbar um die Welt: Die meist jungen Demonstranten von „Occupy Wall Street“ schufen eine Protestbewegung gegen Bankergier und soziale Ungerechtigkeit, die immer öfter mit den Revolutionen des „Arabischen Frühlings“ verglichen wird.

US-Kommentatoren sprechen schon von einem „amerikanischen Herbst“, wo dem Volk der Kragen platzt: Die Wut richtet sich gegen Top-Gagen in der Finanzbranche, Steuerschlupflöcher für Großfirmen oder Niedrigsteuersätze für Millionäre. Für die Demonstranten sind die Nutznießer dieser Ungerechtigkeit das „eine Prozent“, das alles hat – während die restlichen 99 Prozent der Bevölkerung unter Massenarbeitslosigkeit, Preissteigerungen und der generellen US-Wirtschaftsflaute darben. Die Bewegung traf offenbar einen rohen Nerv.

Und die Polizei zeigte bereits bei der Verhaftung von 700 Aktivisten nach einem Showdown auf der Brooklyn Bridge am Samstag große Nervosität.

Doch wer sind die Rebellen gegen die Wall Street wirklich? Joanne Stocker (24), eine Frauenrechtlern aus Philadelphia, war dabei, als am 17. September die erste Gruppe vor die Börse NYSE in Lower Manhatten zog. Die Polizei versperrte ihnen den Weg, die Gruppe besetzte dafür den nahen Zuccotti-Park, den sie sofort den alten Namen wiedergaben: „Liberty Square“ (Freiheitsplatz).

„Wir dachten, dass wir nur ein paar Tage bleiben“, sagt die junge Frau mit grünem Schal. Jetzt deutet sie stolz auf den Platz: „Aus der spontanen Aktion wurde ein permanentes Basislager beim Kampf für soziale Gerechtigkeit“.

Zunächst beeindruckt die gute Organisation: Spezielle Trupps kümmern sich um Müllversorgung und Essensbeschaffung, ein „Medienzentrum“ betreut Reporter aus aller Welt, postet Neuigkeiten auf Facebook und Twitter. Sogar eine eigne Zeitung wird gedruckt. Der Titel: „The occupied Wall Street Journal“, einen heitere Anspielung auf das erzkonservative Blatt, das Lieblingslektüre der in Maßanzügen am Camp vorbeiziehenden, oft kopfschüttelnden Broker ist.

Freilich hat das Camp als Ausdruck einer linken Jugendrevolte Hippie-Flair: Demonstrantinnen hielten einmal barbusig Protesttafeln hoch, im innersten des Lagers wabert Marihuana-Rauch, fröhlich wird getanzt zu getrommelten Techno-Beats.

Sympathiebekundungen treffen über tausende Briefe an einer eingerichteten UPS-Postfachadresse ein, auf den Laptops der Organisatoren füllen sich sekündlich die Emailboxen. „Auch das Spendenaufkommen hat sich dramatisch vergrößert“, freut sich Parker. Seit 15 Tagen schläft sie in einem feuchten Schlafsack, nur Plastikplanen schützen gegen die ständigen Regenschauer. Sie leidet unter der Grippe, hustet, doch aufgeben will sie nicht: „Das ist unsere einmalige Chance, gehört zu werden“.

Dafür sorgen auch die Transparente am Platz, deren Slogans oft scharfzüngig: „Mr. Obama, reißen sie diese Mauer nieder“, besagt eine Tafel in Anspielung an Ronald Reagans Aufruf zum Niederreißen der Berliner Mauer. „Der American Dream gilt nicht nur für die Reichen“, steht auf einem Schild daneben. Oder untergriffiger: „Nazi-Banker Wall Street!“

Die Studentin Anna Newman (19) sitzt auf einem Mauervorsprung, hält ein Papptransparent mit der Aufschrift hoch: „Wir sind hier, um unsere Zukunft zu sichern!“ Sie kam übers Wochenende aus Connecticut nördlich New Yorks, die Wochentage verbringt sie an der Uni und mit Nebenjobs, um über die Runden zu kommen. „Alles wird teuer, die Chancen auf Jobs für unsere Generation aber geringer – während die Reichen immer mehr an sich raffen“. Sie fühlt sich im Stich gelassen, vor allem von „eingekauften Politikern“. Ihr Bruder Kyle (21) war auf der Brooklyn Bridge verhaftet worden, beklagte sich, wie 20 Aktivisten ohne Frischluft zwei Stunden lang in einem Polizei-Van eingepfercht waren. Stolz ist er natürlich. Und nicht nur er: „Mein Vater gratulierte mir ebenfalls – er steht ganz auf unserer Seite“. Ein Indiz, dass die „Occupy Wall Street“-Bewegung Sympathien in breiten Segmenten der Bevölkerung findet.

Troy Telford (22) aus Delaware sitzt vor seiner Lagerstätte, er hat sich – ganz patriotisch – eine US-Flagge als Stirnband umgebunden, sinniert, warum es so lange gedauert hat, bis die Kritiker der Exzesse an der Wall Street und „Corporate America“ ihr Stimme fanden: „Wir fühlten uns zunächst ohnmächtig“. Der Student ist auch von US-Präsidenten Barack Obama enttäuscht: „Der hat sich hier völlig über den Tisch ziehen lassen, wir spüren nichts von dem Change, den er damals versprach“. Nur, schwört Telford: „Wir lassen uns jetzt nicht mehr mundtot machen – der Kampf um unserer Zukunft hat begonnen“.