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Die Wall Street war voller Kot. Pferdekot, um genauer zu sein. Die gespenstische Szene trug sich zu letzten Mittwoch, als dank Gewerkschaftshilfe gut 20.000 Demonstranten der Protest-Bewegung „Occupy Wall Street“ durch Lower Manhattan zogen. Das Gelände rund um die NYSE-Börse an der Wall Street war hermetisch abgeriegelt: Metall-Gittersperren überall, nur Broker mit Spezialausweisen erhielten Zutritt. Vor dem historischen Säulengebäude sitzen vier Cops auf ihren Dienstpferden, die ausgiebig ihre Därme entladen. Der Pferdestuhl türmt sich am Pflaster, das Urin ergießt sich im dicken Strahl und lautem Geplätscher.

Noch kurioser: Beim Checkpoint sitzt ein Typ im Anzug (also offenbar kein „Occupier“…) und spielt ein traurig klingendes Lied mit seiner Gitarre. Fast erinnert mich das Theater des Absurden an Camerons „Titanic“. Aus der Ferne sind die Rufe der Demo-Züge zu hören, dazu Sirenengeheule des Polizeigroßaufgebotes und Helikoptergeknatter darüber. Die Wall Street – belagert.

Kaum wer hätte am 17. September, als die ersten Aktivisten vor die Wall Street zogen, ahnen können, was aus dieser Bewegung werden könnte: Die meist jungen Demonstranten, die sich über Facebook und Twitter höchst effizient organisieren, trafen einen rohen Nerv in einem Klima aus Wut und Hilflosigkeit, das Amerikas Mittelklasse erfasst. Unter die Räder kamen sie – und nicht jene, die den 2008-Crash auslösten, dann von der Allgemeinheit gerettet wurden und sich am Ende wieder selbst mit horrend hohen Bonis selbst belohnten.

Der Erfolg der Bewegung wird am ehesten deutlich, wie die rechte Propagandamaschinerie nun zu rotieren beginnt: GOP-Pizzakettenchef Herman Cain, der bei seinen Aussagen stets zugibt, dass er keinerlei Fakten zu Untermauerung des verbreiteten Schwachsinns bereit hätte, nannte die Aktivisten „neidisch“. House-Hardliner Eric Cantor beschimpfte die Demonstranten, deren Echo längst rund um die Welt hallt, als „Mob“. Alles Zeichen, dass sich in der Festung des 1%-Amerikas leichte Nervosität breit macht.

Dazu gehört natürlich auch Mudochs Kampfblatt „New York Post“: Das Abkanzeln der „Sozialisten/Kommunistem/Träumer/Hippies/Verlierer/etc.“ durch die Kolumnisten, die wirklich couragiert stets die Meinung ihres Milliardärs-Bosses in allen Facetten und Schattierungen täglich neu aufgießen, war ja zu erwarten. Doch mit weiter wachsenden Demos in New York und immer mehr US-Metropolen ging das Blatt zur nächsten Stufe des Rufmordes an der Bewegung über: Verbrecher nützen das Camp als Versteck, so ein Report am Montag. Der zitierte „Gangster“ nimmt es dabei so ernst mit dem Untertauchen inmitten der Fünften Kolonne am Broadway, dass er sich fotografieren ließ und seinen Namen verriet. Entweder ist der junge Mann ein Idiot oder nicht wirklich ein „Flüchtling vor dem Gesetz“.

Gut kommen natürlich auch die Storys von Drogenkonsum und sexuellen Treiben unter dem Schlafsäcken im Zuccotti-Park an. Beklagt werden auch die „hygienischen Zustände“, das Blatt scheint offenbar das Klima für eine bevorstehende Räumung aufbereiten zu wollen.

Wie nervös die Cops bereits sind, erfuhr ich persönlich am Samstag: Als mich ein Polizist am Gehsteig nervte, als ich kurz stehenblieb, um ein Foto zu schießen, verbreiterte ich mich in meiner Meinung, dass es mir im „Land der Freiheit“ doch möglich sein müsste, kurz auf einem Bürgersteig anhalten zu können. „Soll ich dir die Handschellen anlegen vor deinem Kind“, kam zurück. Mia saß da auf meinen Schultern…