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Seit einem Monat besetzten Aktivisten von „Occupy Wall Street“ den kleinen Zuccotti-Park zwischen „Ground Zero“ und der New Yorker Börse. Was mit einer Handvoll an Demonstranten begann wuchs sich aus zu einer der größten Protestbewegung seit den 68-igern: Hunderttausende protestierten in New York, Frankfurt, London, Sidney, Tokio, Hongkong und weiteren Metropolen in 78 Staaten am Wochenende gegen Banker-Exzesse und soziale Ungerechtigkeit.

Politiker von Washington bis Berlin greifen ihre Slogans auf, plötzlich hallen wieder Rufe für schärfere Gesetze zur Regulierung der Finanzmärkte.

Ich sprach im Zuccotti-Park mit einem der Anführer der Bewegung, Medienkonsulenten Foo Conner (26), über den Ursprung des „Occupy“-Phänomens, die erstaunlichen Erfolge – und wie die Bewegung letztendlich ihre Ziele durchsetzen will:

„Occupy Wall Street“ ist nur ein Monat alt, doch hält die Welt in Atmen. Wie kam es dazu?
Conner: Alles begann bereits im Juli mit einem Aufruf des kanadischen Antikapitalisten-Magazins „Adbusters“, das via Twitter unter dem Hashtag #OccupyWallStreet erstmals zur Besetzung aufrief. Es dauerte jedoch zunächst, bis das Thema auf den Sozialnetzwerken populär wurde. Am 17. September marschierten dann 1000 Demonstranten zur Wall Street, 200 Leute übernachteten in Kartonschachteln. Seither staune ich jeden Tag, wie rasant wir wachsen. Oft bin ich fast selbst überrascht, wie wütend die Bürger offenbar wirklich sind auf die Ausbeutung durch Banken, Corporations und Millionäre. Aber natürlich machten auch die „Social Networks“ im Internet den rasanten Aufstieg möglich. Die traditionellen Medien wurden gezwungen, zu reagieren: Vom anfänglichen Blackout hin zum totalen Zirkus…

In der Vorwoche wollte Bürgermeister Bloomberg den Platz räumen lassen. Wie wichtig ist das Besetzen des Zuccotti-Parks für die Bewegung?
Conner: Der Park hat enorme Symbolkraft, da er nur wenige Blocks von der Wall Street entfernt liegt, dazu in der Medienkapitale der Welt. Das ist unser Hauptquartier, Medienzentrum, hier halten wir unsere Generalversammlungen ab. Doch selbst wenn wir hier letztendlich vertrieben werden sollten: Unsere Bewegung ist nicht mehr aufzuhalten, die Menschen sind aufgewacht. Wir planen bereits langfristig, der nächste globale Großkampftag ist für den 11. November geplant. Und die Großoffensive kommt nächstes Frühjahr.

Was sind eure wichtigsten Forderungen?
Conner: Wir wollen, dass die Finanzbranche wieder mit strikten Regeln in ihre Schranken verwiesen wird: Sie soll Teil einer Wirtschaft sein, die der Gesellschaft als ganzes zu Gute kommt und nicht nur Superreichen und Großfirmen. Für die jüngeren Demonstranten ist natürlich auch der Kampf gegen steigende Unigebühren zentral. Studenten rutschen immer tiefer in die Schuldenfalle. Und natürlich fordern wir endlich Prozesse gegen die Verantwortlichen des 2008-Finanzcrashes. Der hatte Millionen den Arbeitsplatz gekostet. Fast 2000 von uns wurden im letzten Monat in den USA festgenommen, doch weiterhin niemand in den Banketagen.

Die Bewegung hat noch keine schillernden Führungsfiguren, scheut den Gang in die Politik: Wie sollen die Ziele letztendlich erreicht werden?
Conner: Wir sind immer noch in der Organisationsphase. Unsere größte Herausforderung ist es, all die globalen Gruppen in den Entscheidungsprozess einzubinden. Konkret: Wie können Aktivisten in Deutschland effektiv an unserer entscheidungsbefugten Generalversammlung teilnehmen. Doch letztendlich geht es um die Änderung der Gesetze – und das bedarf ein Vorpreschen in die Politik. Aber auch ohne derzeit eigene Kandidaten wird unser Einfluss bereits spürbar: Immer mehr Politiker heften sich plötzlich unsere Forderungen an die Fahnen.

Dazu gehört auch US-Präsident Barack Obama, der Sympathie für die Frustration der Bürger erkennen lässt und auch den Slogan „99 Prozent“ verwendet.
Conner: Das wird hier zwiespältig gesehen. Natürlich ist es eine Anerkennung, doch wir lassen uns ungern vereinnahmen. Auch nicht von Obama. Seine Regierung hat ebenfalls wenig unternommen beim Kampf gegen die wachsende Kluft zwischen arm und reich.