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Die Musik ist immer noch die gleiche wie im Zauberjahr 2008, U2s „City of Blinding Lights“. Barack Obama hat sein Shirt aufgekrempelt, seine Haare sind grauer, doch der Schritt dynamisch, die Rhetorik feurig. „Fired up and ready to go?“, ruft er in die Halle, die Fans kreischen, iPhones leuchten. Wie gehabt. Doch dann bei Obamas offiziellen Wahlkampfstart letzten Samstag in Richmond, Virginia, auch das: Leere Ränge!

Es ist ein Symbol für sein größtes Problem während des heurigen Wahlkampfes: Beim Wahlvolk herrscht totale Ernüchterung. Mit der Ekelpolitik in D.C., dem Patt im Kongress. Aber auch mit Obamas bisher nicht rasend überzeugender Change-Agenda. Seine Errungenschaften sind sicher zahlreich, sein Gegensteuern zur größten US-Wirtschaftskrise respektabel. Sein Sieg gegen Al-Kaida beachtlich. Als Mensch ist er sympathisch: Hochintelligent, kompetent, integer.

Doch gleichzeitig wurde Obama im Oval Office genau zu jenem konventionellen Politiker, die er im „Hope“-Taumel 2008 noch geisselte. Er holte sich die Wall-Street-Insider Tim Geithner und Larry Summers ins Wirtschaftsteam, die den Architekten des 2008-Crash ihre alten Geschäfte fortführen ließen. Statt Gauner im Finanzsektor anzuklagen, jagen Obamas „Feds“ nun Marihuana-Shopbetreiber in Kalifornien.

Zuletzt krümmte und wand sich Obamas Team, wonach er – offenbar im klaren Kontrast zu seiner Privatmeinung – weiter Homo-Ehen ablehne . Und dass selbst, als Vize Biden und ein Kabinettsmitglied die heuchlerische White-House-Linie satt hatten und offen Schwulen-Heiraten befürworteten. Obamas Sprecher strapazierte dann die Geduldsfaden, als er über eine weiter „evolvierende Position“ des Präsidenten schwadronierte. Offen wird gefragt: Auf wen nimmt Obama hier Rücksicht? Niemand von den religiösen Rechten wählt ihn ohnehin – eher vergrämt er die eigene Basis durch die Rückgratlosigkeit. Und die Debatte untermalt, dass nun ein kalkulierender Politiker in Oval Office sitzt statt dem mitreißenden Reformer aus 2008.

Noch weniger aber kann Rivale Romney seine Partei begeistern. Die Vorwahlen hat er dank seiner Millionen gewonnen, doch leiden kann ihn kaum wer unter den Republikanern. Selbst die Wahlempfehlungen klingen eher wie Schienbeintritte: Newt Gingrich merkte an, dass er immerhin besser als Obama sei. Santorum platzierte sein „Endorsement“ im 20. Paragrafen einer Email an Anhänger. Jeb Bush investierte in sein Romney-OK ein paar Sekunden seines Lebens mit einem Twitter-Eintrag. An Romney Seite tauchen nur jene auf, die sich Vize-Chancen ausrechnen, wie Floridas Marco Rubio.

Obama und Romney liegen im Umfragen gleichauf, eigentlich ein Thriller. Doch kaum jemand reißt der Wahlkampf bisher mit. Demokraten wählen Obama, da er natürlich im Klassen besser jst als eine Rückkehr zu Romneys Turbo-Kapitalismus für One-Percenters. Die Republikaner wählen Romney, da sie den „Sozialisten“ Obama aus dem Amt jagen wollen. Aufbruchstimmung oder Euphorie herrscht aber auf beiden Seiten keine.