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Obamas Wahlkampfstart gerät immer mehr zu einem einzigen Fiasko — fasst er nicht rasch Tritt, droht ihm am 6. November die Abwahl. Es waren wahrlich turbulente Tage: Zuerst übertrieb das White House die Propaganda zum Todestag von Osama Bin Laden gewaltig. So groß Obamas Verdienst bei der Ausschaltung des 9/11-Massenmörders ist: Der Werbespot, wo Bill Clinton über Obama den vollen Pathos „einsamer Momente der Entscheidung“ im Oval Office goss, führte eher zu Magenkrämpfen. Dass Obama in einer Nacht- und Nebelaktion in Kabul Afghanistans Karzai US-Truppen selbst noch nach 2014 vertraglich zusicherte, stieß trotz einer gewichtigen TV-Rede den Amerikanern sauer auf (nur mehr knapp über 20 % stehen hinter dem Quagmire am Hindukusch).

Währenddessen blamierten sich Hillarys Diplomaten in Peking, als sie Dissidenten Cheng Guangcheng aus der Botschaft bugsierten (trotz Hillarys Deal ist er immer noch in Peking…)

Kaum hatte Obama mit Frau Michelle in blitzblau den neuen „Forward“-Wahlkampf vor halb leeren Hallen in Ohio und Virginia eröffnet, fuhr ihm Vize Biden in die Parade. Für ihn seien Homoehen völlig ok, sagt Biden unbedarft im TV. Während Obama am Folgetag den Kongress mit einer Forderungsliste an der Jobs-Front unter Druck setzten wollte, bohrten Reporter nach dem Staus seiner „evolvierenden Meinung“ zu gleichgeschlechtlichen Ja-Worten. Obama schrieb dann doch Geschichte, stellte sich als erster US-Präsident hinter Homoehen.

Eine mutige Entscheidung, sicher. Doch politisch scheint auch dieser Schritt Harakiri: Laut CBS/NYT-Umfrage erachteten die meisten Wähler Obamas Homo-Offensive als „kalkuliert“, vor allem da ihn Biden unter Zugzwang brachte und Obama kaum eine Wahl blieb. Als sich Obama dann bei glitzernden Fundraisern von George Clooney (LA) und Ricky Martin (NY) von Celebrities feiern ließ, stieß das der weiter strauchelnden Mittelklasse in den Schaukelstaaten als völlig abgehoben auf. Newsweek beförderte ihn am Cover dann auch noch zum „ersten schwulen Präsidenten“ – nicht unbedingt jene Wahlkampfhilfe, die Obama gerade braucht. Denn die Amerikaner interessiert zurzeit wirklich nur ein Thema: Die Wirtschaft.

Prompt gab es auch hier ein blaues Auge: Der Zockerskandal von JPMorgan Chase ($2,4 Mrd. Verlust) erinnerte an Obamas vielleicht schlimmstes Versäumnis seiner Präsidentschaft: Dem Anfassen der Wall Street mit Glacee-Handschuhen. Während die Wirtschaftserholung stagniert, entging die komplette Banker-Führungsriege, die den 2008-Crash orchestrierte, jeglicher Strafverfolgung. Die „Fed“ schmierte das alte Casino mit Gratisgeld. Als Obama dann ausgerechnet eingezwängt zwischen den Damen der Frauenshow „The View“ auf der TV-Couch lamentierte, dass der JPMorgan-Chase-Fall die Forderung nach strengeren Regeln in der Finanzindustrie unterstreiche, schien der Plafond der Lächerlichkeit fast erreicht. Vor allem, da er im gleichen Atemzug JPMorgan Chase als eine „der am besten gemangeten Banken“ bezeichnete. Kein Präsident jemals hatte nach 2008 eine derart historische Chance, die am Boden liegenden Großbanken zu zerschlagen und Wall Street zu reformieren. Stattdessen holte er sich die Insider Tim Geithner und Larry Summers in die Regierung…

Für Kopfschütteln sorgte dann auch noch am Montag, als Team Obama Rivalen Romney mit TV-Spots wegen seiner Zeit als herzlosen Gier-Banker bei „Bain Capital“ attackierte – und dann der Präsident Stunden später im New Yorker Millionen-Apartment eines Hedgefonds-Managers Wahlspenden sammelte. Es bleibt einem fast die Spucke weg. Romney braucht sich zur Zeit nur zurücklehnen: Er führt ohne Zutun nun erstmals mit 46 % zu 43 %. Es ist noch ein langer Weg bis zum Wahlabend: Doch mit einer derart unsteten Performance wackeln Obamas Wiederwahlchancen.