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Kaum ein Kriminalfall hat New York, ja Amerika, so traumatisiert wie die Tragödie um Etan Patz. Freitag, vor genau 33 Jahren, verließ das sechsjährige Kind das Apartment seiner Eltern in der Prince Street Nr. 113. Im Jahr 1979 war SoHo heruntergekommen, verwahrlost, eine andere Welt verglichen mit der heutigen Einkaufsmeile voller teurer Boutiquen. Etan durfte zum ersten Mal alleine zur Haltestelle für den Schulbus gehen. Seine Mum gab ihm eine Dollarnote. Für eine Soda.

Unvorstellbar fast aus heutiger Sicht. Der Erstklässler hatte sich seit Tagen auf diesen Moment wachsender Selbstständigkeit gefreut. Er kam nie in der Schule an. Verzweifelt suchten zuerst seine Eltern Stan und Julie Patz, dann das NYPD, am Ende die Nation. Etans Gesicht, blonde Haare, freches Lächeln, landete als eines der ersten vermissten Kinder auf Milchpackungen. Der erschreckende Fall änderte das Verhalten einer ganzen Generation von Eltern: Kinder wurden fortan lückenlos beaufsichtigt, selbst weit ältere als Etan.

Die Ermittlungen der Polizei verliefen im Sand – als „kalter Fall“ wurde Etans Schicksal zu den Akten gelegt. Dieses Frühjahr öffnete jedoch das FBI die Ermittlungen wieder: Ein Keller, der einst einem früher verdächtigten Handwerker gehörte, wurde ausgegraben. Gefungen wurde nichts. Doch im Nachbarstaat New Jersey erinnerte sich wegen der Medienberichte ein Mann an die Erzählungen seins Schwagers Pedro Hernandez (51). Der hatte einmal gemeint: „Ich habe was furchtbares angerichtet, ich habe ein Kind in New York getötet“. Namen nannte er aber keinen. Der Schwager kontaktierte das NYPD.

Nach dreieinhalb Stunden Verhör brach Hernandez heulend zusammen, so Polizeichef Ray Kelly, selbst den Tränen nahe in einer emotionellen Pressekonferenz Donnerstagabends. Hernandez gestand die Tat in allen grimmigen Details. Als damals 18 Jahre alter Helfer in einer Bodega sprach er den Jungen an, als der schon an der Haltestelle auf den Bus wartete. Er bot ihm ein Soda an, lockte ihn in einen Keller unter der Bodega durch einen separaten Eingang. Der lag gleich gegenüber des Busstopps an der Ecke Prince/West Broadway.

Dort erdrosselte er Etan. Bisher sagte er nur, es habe ihn eine „Lust am Töten“ überkommen. Die Leiche steckte Hernandez in einen schwarzen Müllsack, den er eineinhalb Blöcke entfernt an den Straßenrand zu anderen Mistsäcken legte. Die Müllabfuhr holte alles ab. Etans Leiche muss auf einer noch unbekanntem Deponie verwest sein. Blamabel aus heutiger Sicht die Ermittlungspannen: Der Name Hernandez scheint in einem Polizei-Report zwar auf als Aushilfe der Bodega, doch nie wurde er einvernommen. Unklar ist auch, ob der Keller damals nach Spuren durchsucht wurde. „Warum Hernandez nicht befragt wurde, kann ich heute nicht sagen“, so Kelly bedrückt.

Gespenstisch die Szene auch im heutigen Zuhause des mutmaßlichen Killers in Maple Shake (N.J.): Mütter schoben Kinderwagen vor dem einfachen Vorort-Haus vorbei, wo Hernandez mit seiner Frau lebte und seine Tochter Becky (20), die aufs College geht, aufzog. Als „netten, ruhigen, höflichen Familienmenschen“ bezeichneten ihn Nachbarn. Jeden Sonntag ging er in die Kirche. Als ihn die Polizei abholte, war sein Gesicht „ausdruckslos“, sagte Chuck Deihn zur NY Post. Familienmitglieder berichteten aber, er leide an „mentalen Problemen“ und einer Krebserkrankung.

In SoHo, wo Etats Eltern heute immer noch leben, läuteten Donnerstag – Stunden vor den ersten Medienberichten – Polizisten an der Türe: Sie unterrichteten sie über den möglichen Durchbruch nach 33 Jahren Albtraum. Polizei-Leutnant Christopher Zimmermann: „Mr. Patz schien geschockt, überrascht und ein wenig überwältigt“.