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Polit-Showman Bill Clinton redete – ein wenig hager und mit heiserer Stimme als sonst – mit 48 Minuten fast doppelt so lange wie die vorgesehenen 28 Minuten. Doch die 20.000 in der Halle hingen an seinen Lippen. US-Medien überschlugen sich über die „Rede seines Lebens“, er könnte, so urteilen viele, Obama den Ball aufgelegt haben für die Wiederwahl-Offensive geben Mitt Romney.

Das Idol der Demokraten und einer der erfolgreichsten Präsidenten der jüngeren US -Geschichte während der „goldenen Clinton-Jahre“ Ende der Neunziger lieferte ein Feuerwerk an einer Rede, eine gekonnte, leidenschaftliche und mitreißende Mischung aus treffsicheren Abrechnungen mit der egoistischen Republikaner-Philospophie und berührenden Appellen für ein Amerika, wo alle Chancen haben und im gleichen Boot sitzen. Dazu gab es eine pfeffrige Portion gelungener Witze, Pointen und sarkastischer Seitenhiebe, die er lässig vortrug wie Late-Talker á la Jay Leno oder Jon Stewart.

Monatelang hatte die Demokraten-Legende an der Rede gearbeitet, hieß es, er fühlte sich sichtlich wohl in seiner Haut vor den tosenden Massen in der „Time Warner Cable“-Arena in Charlotte (North Carolina). Immer wieder ließ er den Redetext links liegen und führte freihändig aus – was den Operateur des „Teleprompters“ wohl an den Rand eines Nervenzusammenbruches geführt haben muss.

Auf den Punkt vor allem Clintons Frontalattacke gegen die Republikaner: „Deren Argument scheint“, sagte er fast schelmisch: „Wir hinterließen ihm einen Sauhaufen, er ist mit dem Aufräumen noch nicht fertig – feuert ihn deshalb und lasst uns wieder ans Ruder“. Obama habe jedoch den richtigen Plan, brauche aber eine zweite Amtszeit zur Verwirklichung, argumentierte der Ex-Präsident: „Niemand hätte eine derart ruinierte Wirtschaft in vier Jahren reparieren können“, so Clinton. Er lobte Obama, der „cool nach außen wirkt, doch im Inneren für Amerika brennt“. Und er riss Witze: „Verdammt, er hat sogar Hillary ernannt…“ Begeistert war auch Michelle Obama auf der Tribüne: Immer wieder klopfte sich die First Lady bei Bills Seitenhieben lachend auf die Schenkel. Als Bill dann Barack auf der Bühne gab es kein Halten mehr.

Eine sauren Beigeschmack der bisher äußert erfolgreichen „Democratic National Convention“ (DNC) liefert aber weiter die offenbar überstürzte Entscheidung, Obamas Rede vom Football-Stadion in die Sporthalle wegen drohender Platzregen und Blitzschläge zu verlegen. Nach den Traumbildern von Denver vor 80.000 in 2008 dürfte der Rahmen in der Arena mickrig wirken und zum Image von Obamas verblassender Starpower passen. Ihrer Wut machen dazu 50.000 Gäste Luft, die meisten freiwillige Helfer, deren Tickets nun ungültig sind. „Ich habe mich seit Monaten darauf gefreut, geschuftet – und nun wurde ich einfach ausgeladen“, tobt die freiwillige Helferin Annie Jones. Der nun wertlose Zutrittspass baumelt noch um ihren Hals. Sie schüttelt den Kopf: „Irgendwas muss da wohl mit der Planung schief gelaufen sein…“

Partei-Funktionäre dementieren, dass es Probleme mit dem Füllen des Stadiums gab wegen der verpufften „Obamamania“ – und die bedrohliche Wettervorhersage recht gelegen gekommen wäre. Tausende hätten sich letzte Woche bei der Ausgabe der Karten angestellt, aus ganz Amerika Leute angerufen und nach Tickets gefragt, hieß es. 74.000 hätten ins „Bank of Amerika“-Stadion gepasst, nun können nur mehr 20.000 in der Sporthalle ihr Idol live sehen. Die Partei bat Fans, Donnerstag zu Hause zu bleiben und private „Viewing Partys“ abzuhalten.

Kongress-Abgeordnete Maxine Waters wirkt im Gespräch mit mir bereits entnervt über die bohrenden Wetterfragen: „Es ist besser, der Präsident redet im Trockenen, als wenn Leute vom Blitz getroffen werden“. Nachsatz: „Vielleicht wird ihm nun auch noch die Schuld am Wetter in die Schuhe geschoben“.

Für Ärger und Munition für die Republikaner und deren TV-Sprachrohr „Fox News“ sorgt auch der Streit der „Dems“ um ihr Parteiprogramm: Während offener Proteste und unter Buhrufen einiger Delegierter am Floor wurde Jerusalem als Hauptstadt Israels nun wieder als offizielle Parteiposition gefordert. Auch Referenzen auf „Gott“ landeten wieder im Parteipapier. Der Vorstoß Linker zur Verbannung des Wortes „Gott“ hatte die Obama-Kampagne verärgert, die solche Ablenkungen nicht gebrauchen kann.

Der Delegierte Mike Hamrick (50) aus Colorado war dennoch optimistisch, dass das Hauptziel der Demokraten-Show trotz dem Ortswechsel in letzter Sekunde erreicht wird: Die Parteibasis wieder in jene Welle der Euphorie zu versetzten, die Obama 2008 ins Oval Office spülte. „Die Republikaner hoffen, dass so viele Wähler wie möglich zu Hause bleiben – sie haben ihm bei jeder Gelegenheit Prügel in den Weg geworfen und machen ihn nun für den Stillstand verantwortlich“, so Hamrick.

Parteigängerin Carmen Lonstein hofft, dass Obama endlich die Boxhandschuhe anzieht und „diesen Unsinn entkräftet, er hätte in seiner ersten Amtszeit nichts zustande gebracht“. Die Delegierte aus Obamas adoptiertem Heimatstaat Illinois erwartet, dass Donnerstagabend bei der Obama-Rede „das Dach von der Halle wegfliegt“. Die alte Begeisterung kommt zurück, hätte sie in den Straßen von Charlotte gespürt.