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Als Mitt Romney Dienstag früh in Kalifornien aufwachte, dachte er sich wohl kaum, dass alles noch dicker kommen könnte. Schon diesen Morgen stand seine Kampagne fürs Oval Office vor dem Abgrund: Hurrikan Isaac und der senile, sich mit leeren Sesseln streitende Clint Eastwood verwehten den Tampa-Parteitag. Dann verpasste er die Chance, die gefloppte Nahost-Politik von Rivalen Obama während der Wutdemos anzuprangern, da er die Attacken schon politisierte vor der tragischen Todesnachricht von Botschafter-Legende Chris Stevens aus Bengasi. Dann leakten Insider „Politico.com“ das schiere Chaos und die unfassbare Inkompetenz innerhalb seiner Kampagne: Romneys Parteitagsrede etwa wäre nur Tage vor dem Auftritt zerrissen und durch eine neue, offenbar noch schlechtere ersetzt worden. Dabei wollte Romney das Image eines kühl kalkulierenden Supermanagers verbreiten: Jetzt wirkte sein Team wie ein zerstrittener Kindergarten. Panische Parteigrößen ermahnten ihn zum Strategiewechsel. Und er möge doch die Güte haben, den Wählern ein paar Details zu verraten, wie er „Amerika retten“ wolle, wie er gerne verspricht.

Das also war die Lage Dienstag morgen. Am Abend stand er dann gehetzt vor Reportern (einige in Jogging-Hosen wegen der überstürzt einberufenen Pressekonferenz) und redete mit verzweifelter Mine gegen den endgültigen Untergang an: Das linke Magazin „Mother Jones“ hatte auf seiner Website eine Stunde an Tapes von einem Fundraiser am 16. Mai in der Florida-Villa des auch wegen wilder Sexparties bekannten Investment-Bankers Marc J. Leder veröffentlicht.

Romney unplugged sozusagen, so wie er wirklich denkt im Kreis seiner ähnlich abgehobenen Millionärsfreunde. Offenbar hat er über die Hälfte seiner Landsleute keine sonderlich gute Meinung: 47 % seien praktisch Sozialschmarotzer, die sich als Opfer fühlen, das sich Aushalten lassen durch den Staat als selbstverständlich empfinden, keine Steuern zahlen und auch kaum „persönliches Verantwortungsgefühl“ hätten. Die alle liebten Obama, seien deshalb unerreichbar als Wähler. Romneys Job wäre daher, sich nicht um diese Leute zu scheren.

Ja, so reden Millionäre gerne, das ist nichts neues. Nur bewerben sie sich sonst nicht fürs Oval Office.

Romney wollte sich für die plumpe Beleidigung der halben Nation (immerhin über 150 Millionen Leute) auch gleich  nicht entschuldigen: Nur ein wenig „unelegant“ hätte er das alles formuliert. „Hat er gerade die Wahl verloren“, hieß es prompt auf Twitter.

Dabei ist die vom Skandal-Fieber gepackte US-Presse erst mittendrin beim Auswerten der „Romney Tapes“, der vielleicht blamabelsten Präsidentschafts-Wahlkampfpanne seit Jahrzehnten. Da scherzt Romney etwa, dass er – hätte sein Vater nicht nur in Mexiko gelebt sondern wäre er auch Mexikaner gewesen – als „Latino“ bessere Wahlchancen hätte. Von einer Zweistaaten-Lösung in Nahost hält er auch recht wenig, da die Palästinenser „am Frieden kein Interesse haben“. Dass Romney ein Talent für die Beleidigung ganzer Völker hat, wissen spätestens seit dem Sommer auch die Briten.

Dabei ist schon die Story über die Story faszinierend: Beim Aufstöbern des Tapes half ein gewisser James Carter IV, der Enkel des Ex-Präsidenten. Lustig, dass Romney den als Versager bezeichnete und Obama mit ihm verglich. Ja, Rache ist süß.