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Für Nicht-Amerikaner ist das jährliche Spektakel des Sturmes fanatischer Käufermassen auf Shopping-Malls ein faszinierendes – wenn auch erschreckendes – Schauspiel. „Door Busters“ heißen die Super-Deals. Für die kriechen US-Bürger um 4 Uhr früh aus den Federn, hocken sogar tagelang in Zelten vor Geschäften für eine Poleposition. Was die meisten nicht wissen (oder nicht wissen wollen): Laut Experten steckt hinter den Super-Schnäppchen mehr Marketing als echte Verbilligung.

Abhalten lässt sich von solchen Lästereien kaum wer: 80 Millionen stürmten am „Black Friday“, den traditionell größten Einkaufstag des Jahres, die Kaufhäuser der Nation. Wieder kam es in den Malls zu bürgerkriegsähnlichen Scharmützeln zwischen Dessous-Truhen und Tablet-Regalen: Ein Mann zog in San Antonio eine Waffe, als sich ein Einkäufer vordrängte und ihm nach einer Zurechtweisung ins Gesicht schlug. Shopping Texas-style. In einem Komplex in Grand Rapids (Michigan) kam es zu Prügelein zwischen rivalisierender Jugendbanden. In Altamonte Springs (Florida) wurde eine Frau von Sicherheitskräften zu Boden geworfen und verhaftet, nachdem sie mit Ware um sich warf. In Kansas trampelten sich tausende Teeanger und Frauen beim Sturm auf einen „Victoria´s Secret“-Laden fast gegenseitig nieder. Ein Schockvideo zeigte dutzende Einkäufer, wie sei sich in einem Walmart um billige Handys fast prügelten. Polizeiwagen rasten nach 911-Notrufen über eine „Schießerei“ zu jenem Shpooing-Komplex in Nebraska, wo bei einem Massaker vor fünf Jahren neun Menschen erschossen wurden. Es stellte sich heraus, dass dort nur Fäuste aber keine Kugeln flogen. Ein besonders fieser Shopper entriss in Annapolis (Maryland) einem Jungen vor einem Geschäft seine Einkaufstasche. Und der makabere Clou des Tages: Ein Mann ließ dem Sohn (2) seiner Freundin zurück im Auto, als er sich in die Schlacht um verbilligte Riesen-TV-Geräte stürzte.

„Einkaufen ist für Amerikaner ein Kampfsport“, geben Experten im US-TV zu. Immerhin ist der Tag der Auftakt zur Advent-Einkaufssaison, deren Erfolg Auswirkungen auf den Handel für das ganze Jahr und letztendlich die Performance der ganzen US-Wirtschaft hat. 11,4 Milliarden Dollar könnten Konsumenten laut Schätzungen an diesem Tag in den Registrierkassen zurücklassen. Weil das Geschäft boomt kriecht der „Black Friday“ langsam aber unaufhörlich nach vor in den US-Dankesfeiertag „Thnksgiving“: Die Megastores bieten nun „Sales“ vor, während und nach dem Truthahn-Schmaus. Auf Kosten ihrer Angestellten freilich: Tausende Walmart-Arbeiter streikten bereits wegen den Sonderschichten am Feiertag.

Ein heilsamer Kontrast zum Shopping-Wahnsinn waren berührende Bilder aus dem Großraum New York, das zu Thanksgiving heuer mehr als Einkaufen im Kopf hatte: Nach Supersturm Sandy wollte die schwer getroffene Metropole wieder Mut schöpfen: In den Desasterzonen von Far Rockaway (Queens) kochten Freiwillige für die Opfer das traditionelle Festmahl aus Truthähnen und Kürbiskuchen. Unter tiefblauem Himmel waren die Tische im Freien inmitten der Hausruinen festlich gedeckt, gar mit Rosen geschmückt. 30.000 Familien haben fast drei Wochen nach dem Monstersturm (113 US-Tote, 50 Mrd. Dollar Schaden) noch keinen Strom. Aufheiterung brachte aber auch die „Macy´s Parade“ mit Riesenballonen der berühmtesten Cartoon-Charaktäre. Drei Millionen  säumten die Route durch Manhattan. Danach gingen aber auch hier viele einfach nur zum Einkaufen…