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Es war diese eine Illustration, die mehr aufrüttelte als all die furchtbaren Bilder der Zerstörung durch Supersturm Sandy: In der Montage der NYT-Sonntags-Ausgabe steht die Freiheitsstatue komplett unter Wasser, gerade die Spitze der Fackel ragt heraus, Fische umkreisen das Bauwerk, idyllisch bricht sich das Sonnenlicht im blauen Atlantik. „Is This the End?„, so knapp der Titel.

Ist es reißerische Panikmache? Oder ein dringender Weckruf. Denn genau der wäre bei Politikern in den Sandy-Desasterzonen wünschenswert: New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo, Bürgermeister Michael Bloomberg und New Jerseys Chris Christie agierten zwar weitgehend als umsichtige Profis während der Sandy-Krise (abgesehen von Bloombergs Marathon-Debakel). Doch nun fehlt der Anstoß zu einer ernsthaften Debatte über die Zukunft in Zeiten des offenbar immer rasanteren Klimawandels. Kurz: Wie kann New York, die berühmteste Stadt der Erde, gerettet werden?

Wie nötig der Start für massive Investitionen in die Infrastruktur und Schutzvorrichtungen wäre, zeigen die – genau ein Monat nach dem Aufprall des Monstersturmes südlich von New York – immer grimmigeren Statistiken der Verwüstung: Sandy könnte zur teuersten Sturmkatastrophe in der US-Geschichte werden, der Schaden höher liegen als selbst bei Katrina. Ein paar Zahlen: 305.000 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt (Katrina: 214.700), 2,1 Millionen waren ohne Strom (Katrina: 800.000), 265.300 Geschäftsbetriebe wurden lahmgelegt (18.700). Nur die Opferbilanz lag bei dem Golf-Hurrikan, der New Orleans vor sieben Jahren versenkte, höher: 1833 starben bei Katrina, Sandy tötete in New York 60 Opfer. Doch der Wiederaufbau im Großraum New York übersteigt längst die finanziellen Kräfte: Cuomo suchte gerade um 42 Milliarden Dollar Bundeshilfe an.

Trotz allem hemdsärmeligen Einsatz von Cuomo, Bloomberg & Co wäre jetzt Zeit für einen Realitätscheck gekommen: Der Meeresspiegel steigt unaufhörlich, Extremstürme werden häufiger – und wie anfällig der Big Apple mit seinen insgesamt 830 Kilometer langen Küstenstreifen ist, demonstrierte Sandy. Ideen über Fluttore, Schutzwälle, künstliche Inseln und Schilfgürtel zum Schutz haben Architekten nach Studien von Flut-Schutzanlagen von Rotterdam bis London bereits vorlegt. Diskutiert wurden die teils faszinierenden Vorschläge bisher nur in der „Art & Design“-Sektion der NYT. Auch im Wissenschaftsteil waren aufrüttelnde Reports zu finden. Doch auf den Politikseiten? Fehlanzeige.

Dabei müssten angesichts der Wissenschafts-Prognosen alle Alarmglocken schrillen: Bei einem Anstieg des Meeresspiegels um 1,5 Meter, der Ende des Jahrhunderts erreicht sein könnte (einige Studien warnen sogar vor 2,7 Meter Anstieg bis 2100), wäre 7 % des Stadtgebietes permanent geflutet, inklusive dem LaGuardia-Airport, Piers am East River und Teilen der Far Rockaways, so eine Illustration der NYT. Bei einem Anstieg um 3,65 Meter (um 2300) verschluckt der Atlantik den JFK-Flughafen, alle Barriereinseln wie Coney Island, sowie Uferzonen entlang Manhattans, darunter auch der Großteil des Finanzbezirkes um die Wall Street. Einziger Trost: New York ging es dabei besser als Miami, dessen Stadtgebiet zu 73 % überschwemmt wäre.

Die Zeit, für diese Zukunft zu planen, wäre jetzt – nicht nach einem weiteren, verheerenden Volltreffer á la Sandy. Leider ist das politische Klima in den USA so vergiftet wie noch nie. Es sind Zeiten des gegenseitigen Anpinkelns statt gemeinsam  mit großen Visionen zur Rettung von Amerikas Küsten-Metropolen zu schreiten.