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Der Wahlsieg Obamas hat die Republikaner in die tiefste Sinnkrise vielleicht aller Zeiten gestürzt. Doch bei der „Grand Old Party“ gehen die alten Spielchen weiter wie das Champagnerschlürfen einst am Oberdeck der Titanic. Vier Jahre lang wollten sie den ersten Afroamerikaner im Oval Office durch eine einzigartige Blockade-Politik stürzen.

Sie hielten dafür die USA als Geisel – doch zerstörten sich am Ende selbst. Durch die krakälende „Tea Party“ nach rechts getrieben, hatten die Republikaner jedes Segment von Obamas „Siegerkoalition“ angepinkelt: Frauen wollten sie die Pille und Studenten die Krankenversicherung wegnehmen, Latinos rieten sie die „Selbstdeportation“. Und schwule Todsünder wären so und so am direkten Weg in die lodernde Hölle. Jenes Land voller alter, weißer Männer, für das ihr Mitt Romney kandidierte, existiert freilich nicht mehr. Da konnte  Agitator Bill O´Reilly auf „Fox News“ noch so den Verlust des „traditionellen Amerikas“ bejammern. Jahrelang hatte sich die GOP in ihrem Bubble derart arg der Realität verweigert, dass Fox-Oberpundit Karl Rove  am Wahlabend fast eine halbe Stunde lang Obamas Wahlsieg nicht glauben wollte.

Jetzt folgen ab und wann zwar zerknirschte, sanftere Töne über eine „offenere Partei“, Latino-Kandidaten wie Marco Rubio oder Moderate wie Chris Christie oder Jeb Bush gehen für 2016 in Stellung.

Doch in der wirklichen Welt ist kaum ein Kursschwenk zu bemerken. Im Gegenteil:

# Zuerst führte John McCain (weiß, alt, männlich) einen verbissenen Kleinkrieg gegen Obamas Wunschkandidatin für das State Department Susan Rice (schwarz, jung, weiblich) wegen der Bengasi-Affäre.
# Im Showdown um das für den 1. Jänner drohende Mega-Sparpaket „Fiscal Cliff“ wollen sie weiter verbissen Millionäre vor einer moderaten Steuererhöhung bewahren, würden den Sturz Amerikas in die Rezession dafür offenbar in Kauf nehmen.
# Und den Kongress – mit zehn Prozent Zustimmung wegen der republikanischen Nein-Sager-Politik beim Volk verhasst wie noch nie – führen sie in immer neue Tiefpunkte: Zuletzt vereitelten 38 Republikaner-Senatoren aus schierem Hass und Paranoia auf die UNO (UN-Invasoren in schwarzen Helikoptern lassen grüßen….) die Ratifizierung eines Abkommens, durch das Behindertenrechte weltweit durchgesetzt werden sollen – und in dem Amerikas Standards sogar ausdrücklich als vorbildlich gelobt werden (auch das Reinrollen von Parteilegende Bob Dole im Rollstuhl nützte nichts). Tage später filibusterte GOP-Senats-Minderheitsführer Mitch McConnell seine eigene Initiative, nachdem die Demokraten seinen Bluff durchschauten. Unbekannte Dimensionen an Tragikomik seien erreicht, ätzten die „Dems“.

Vielleicht ist es nur ein letztes Aufbäumen der alten Garde einer Partei, die völlig außer Tritt geriet. Obama lässt sie fast genüsslich beim Finanz-Showdown zappeln: Er hat die Wahl gewonnen, über 60 Prozent er Amerikaner wollen ein faireres Steuersystem durch höhere Raten für Top-Verdiener. Das White House weiß, dass „Speaker“ Boehner die Nation nicht über die Steuerklippe stürzen lassen kann. Seine Rundumschläge erinnern an Kinder-Tobsuchtsanfälle: Da beklagt seine dröhnende Stimme den „Mangel an Fortschritten“. Dann schickte er schon am Mittwoch seine Abgeordneten ins Wochenende, da es nichts konkretes zu verhandeln gäbe (wie sehr die Amerikaner den Abgeordneten die freien Tage gönnen, darf geraten werden…). Keines der alten Druckmittel scheint mehr zu greifen. Boehner wirkt machtlos.

Die Krise der Rechten erfasst auch ihre früher so gut geölte Propagandamaschinerie: „Fox News“ lässt Rove als Kommentator auf der Reservebank schmoren, kramt sogar wieder den fiktiven „Krieg gegen Weihnachten“ (gähn…) aus der Schublade. Der Internet-„Drudge Report“ kritisierte Obama unterdessen wegen Verschwendungssucht, da er 48 Weihnachtsbäume im White House aufstellen ließ.

Die Rechten sind führerlos, fragmentiert, zerstritten. Sie haben auf die Zerstörung Obamas gesetzt – und verloren. Obama hat die Chance, in Amtszeit II doch noch den versprochenen Wandel herbeizuführen.