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Supersturm Sandy ist nicht mehr täglicher Aufmacher der TV-Newssendungen, doch selbst gut eineinhalb Monate nach der großen Flut kommt selbst Manhattans Finanzbezirk nur langsam auf die Beine. Und die Skandale häufen sich: 50 Mieter eines Luxusgebäudes wollen ihre Mietverträge stornieren, nachdem sie der Landlord in ein praktisch unbewohnbares Gebäude nach einmonatiger Evakuierung einziehen ließ: Es gäbe kaum Heizung, so Bewohner, immer wieder würden die defekten Liften samt Insassen feststecken. Und nachdem die Flut im Keller Öl-Tanks losriss, klagen Bewohner in den Apartments (One-Bedrooms ab $3500 immerhin…) über Atembeschwerden und beißenden Gestank.

Der Hausbesitzer ist die „Moinian Group“, für uns ein besonderes Déjà-vu: Denn wir wohnten nach 9/11 in einem Moinian-Gebäude – und es war der gleiche Albtraum: Putztrupps verbrachten zur „Reinigung“ nur fünf Minuten in unserer Wohnung, der Billigstaubsauger führte den Giftstaub der zermalmten Twin Towers bloß einer Umverteilung zu. Ich putze damals das meiste selbst, da meine Frau Estee schwanger war. Nachdem das Management eine professionelle Entseuchung beharrlich verweigerte und sogar Mietpreise anhob (unser Bezirk hatte als praktische Kriegs- und Katastrophenzone ja offenbar viel an Attraktivität dazugewonnen…) zogen wir vor Gericht – und später natürlich um. Jetzt zeigte Sandy, dass Moinian immer noch ganz der alte Horror-Landlord ist.

Unsere Hausverwaltung managte die Katastrophe zwar weit professioneller, dafür schnalzten sie uns eine deftige Mieterhöhung für die Vertragsverlängerung auf den Tisch. Makaber eigentlich: Gerade erst konnten wir während den zwei Wochen als Sandy-Flüchtlinge im Hotel besonders ausführlich darüber nachdenken, dass unser Apartmentgebäude definitiv in einer Flutzone liegt…

Die Imme-Firmen hier tun so, als ginge alles in Downtown einfach so weiter. Dabei sind große Teile des Finanzbezirkes um die Wall Street immer noch eine einzige Baustelle: Entlang der Water Street brummen Dieselgeneratoren 24/7, die verpestete Luft führt Anrainerprotesten. Kleinbetriebe stehen wegen bürokratischer Hürden ohne Finanzmittel zur Renovierung ihrer weggespülten Betriebe da, mehrere Subway-Sationen sind weiter geschlossen. Es fehlt sogar an Telefon- und Internet-Verbindungen, Restaurants und Läden müssen Kunden ausschließlich Bargeld-Zahlungen zumuten.

Downtown schaffte nach dem 11. September ein erstaunliches Comeback, vor allem Familien zogen wegen den attraktiven Parks und Uferpromenaden nach Süd-Manhattan. Doch Sandy, Irene im Vorjahr, sowie das Bangen vor weiteren Monsterstürmen führen in einem Bezirk – umgeben vom steigenden Meeresspiegel, wo bisher nichts in Schutzmaßnahmen investiert wurde und selbst nach Sandy nur vage Versprechen herumgeistern – langsam zu einer Abwanderung: Lokalblätter zitieren „Downtowner“, die erschöpft von den Dauerkrisen in „stabilere“ (trockenere) Bezirke nordwärts ziehen.

Politiker und Stadtplaner müssen rasch zumindest das Vertrauen der Bewohner wiedergewinnen. Dass der Sandy-Weckruf die Schlummerei nun wirklich beendete und endlich in den Schutz gegen drohende Sturmfluten investiert wird. Sonst droht hier eine der ersten Geisterstädte des Klimawandels.