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Das Team des amerikanischen Klimawandel-Fotografen James Balog hatte am Rande des gigantischen „Ilulissat“-Gletschers in Grönland TV-Kameras und Fotoapparate aufgebaut für die Dokumentation der immer dramatischeren, sommerlichen Eisschmelze in der Arktis. Die Kamera zoomt auf die bizarre Märchenwelt bläulich schimmernder Eistürme, gleißender Schneeflächen, bizarrer Mustern aus Schlagschatten und dem Labyrinth dunkler Spalten. Es ist totenstill.

Balog, der mit der umfassendsten Gletscherstudie aller Zeiten in 2007 weltberühmt wurde, telefoniert mit seinem Team am Gletscher. Nichts zu berichten gäbe es, teilt ihm Kameramann Adam mit. Nur ein paar Windstöße. Sein Kollege unterbricht ihm. „Adam, ich glaube es geht los…“ Es kracht im Eis, ein durchdringendes, hallendes Knacken. „Hey Jim, something is happening“, sagt Adam angespannt: „Ich ruf dich gleich zurück…“

Ein Eisturm kollabiert, Schneefelder rutschen ins Wasser. Sekunden später beginnt ein regelrechtes Inferno: Gigantische Eischollen bis zu 60 Meter hoch, heben und senken sich, sie tanzen fast in dem sich plötzlich auftuenden Meer, einige schießen 200 Meter in die Höhe. Überall stürzen jetzt Eistürme ein, das durchdringende Knacken und Krachen des abbrechenden Riesengletschers bietet die schaurige „Begleitmusik“.

Balogs Team wurde zu Augenzeugen des größten jemals auf Film festgehaltenen Gletscherbruchs, als ein Stück so groß wie die Insel Manhattan abbrach. Die Szene ist ein Höhepunkt der Freitag in amerikanischen und britischen Kinos angelaufenen Doku „Chasing Ice“. Kaum ein Film jemals rüttelte so auf über die dramatische Eisschmelze an den Polen: Die Fläche des arktischen Seeeises erreichte mit nur mehr 3,5 Millionen Quadratkilometern im August einen neuen Tiefststand, die Schmelzrate ist laut einer jüngsten Studie der ESA um 50 % größer als bisher angenommen.

In den dramatischen Filmminuten werden wir Augenzeugen des Klima-GAUs, der gerade „größten Story mit Auswirkungen auf die ganze Menschheit“, so der Film-Teaser. Supersturm Sandy war ein tödlicher und teurer Vorgeschmack auf das kommende Extremwetter und die Bedrohung der Küsten. Die Schmelze an den Polen war in den letzten Jahren bereits zu 40 Prozent für die steigenden Meeresspiegel verantwortlich.

Fotograf Balog, der drei Jahre lang durch die unwirtlichsten Regionen der Arktis hetzte, um das Klimadrama zu dokumentieren, sagte fassungslos:  „Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass derart gigantische Gletscher so rasant verschwinden“.