Niemand hatte von Senats-Mehrheitsführer Harry Reid viel an Rückgrat erwartet. Doch wie eiskalt und nebenbei er das von Obama nach dem Newtown-Massaker verlangte Verbot von Sturmgewehren aus dem gerade im Senat verhandelten Waffengesetz kippte, war trotzdem schockierend. Bei Amerikanern, die doch noch einen Funken an Hoffnung hatten, dass die 20 Portraits der von Psychokiller Adam Lanza massakrierten Erstklässlern doch in dem angesichts der Waffengewalt betäubten Land etwas bewirken hätten können, kochte das Blut in den Adern.

Es war weniger das WAS, sondern das WIE: Klar, kaum wer hält im bitter  gespaltenen Kongress ein echtes Waffenverbot mit Biss für derzeit durchsetzbar. Doch eine derart legere Aufgabe – ohne Kampfgeist, ohne Passion, ohne Herz – war selbst für die Mumm- und Rückgrat-befreiten Kongress-Abgeordneten bemerkenswert. Sorry, richtete Harry aus, wir haben nicht genügend Stimmen. Wäre ja nett gewesen. Vielleicht beim nächsten Mal… 300 Millionen Schusswaffen bleiben in den USA im Umlauf.

Und das Morden darf offenbar weitergehen. Eine Gesellschaft mit 320 Millionen Menschen lässt es zu, dass die Lobby-Gruppe der Waffenindustrie (NRA) und eine kleine Minderheit paranoider Waffennarren, die sich mit Kriegswaffen gegen Diktatoren (und schwarze UN-Helikopter) wehren wollen, weiter einen Grad an Waffengewalt aufrecht erhält, der jährlich über 11.000 Amerikanern das Leben kostet. An Beispielen fehlte es auch diese Woche nicht: Der Gefängnischef von Colorado wurde Dienstag vor seiner Haustür erschossen, Donnerstag starb ein 13 Monate altes Kleinkind im Stroller durch einen Kopfschuss bei einem Raubüberfall durch zwei Teenagern im US-Staat Georgia. Über 3000 Menschen starben in den 100 Tagen seit Newtown, mehr als bei 9/11.  Allein in der Zeit des Tippens dieses Textes, werden ein bis zwei Menschen ihr Leben lassen.

Am drastischsten brachte den Irrsinn Yoko Ono auf den Punkt: Auf Twitter postete sie ein Foto der blutigen Brillen ihres erschossenen Gatten John Lennon: „Über 1.057.000 Menschen wurden in den USA getötet, seit John Lennon am 8. Dezember 1980 erschossen wurde“, stand da.

Die Mehrheit der Amerikaner unterstützt – besonders nach Newtown – strengere Waffengesetze. Und tatsächlich ging nach der Tragödie ein Ruck durchs Land. Doch bisher sind Anhänger von Waffenverboten längst nicht so gut organisiert und finanziert wie die NRA. Doch dabei gibt es doch ein wenig Hoffnung: Einige Eltern der  Newtown-Opfer wurden zu mächtigen Fürsprechern. Und New Yorks Milliardär-Bürgermeister Michael Bloomberg, der heuer  aus der City Hall abtritt, macht sich den Kampf zu seinem neuen Steckenpferd. Der Druck durch Emails, Anrufe und vor allem TV-Spots auf Abgeordnete wächst. Die NRA soll hier mit den eigenen Waffen geschlagen – und die selten von Überzeugungen geplagten Politiker „umgedreht“ werden.