Mamma mia! Die ersten Runden des Showdowns zwischen der italienischen Justiz und der US-Studentin Amanda Knox waren blamabel genug für die Ankläger. Jetzt verordnete Italiens Höchstgericht sogar eine Nachspielzeit: Das Kassationsgericht genehmigte einen neuen Mordprozess gegen Knox (25) und ihren ehemaligen Freund Raffaele Sollecito (29) wegen angeblicher Verwicklung in den Messermord an der Britin Meredith Kercher (†21), mit der sie 2007 als Austauschstudentin ein Zimmer in Perugia teilte. Die Höchstrichter folgten den Argumenten der Staatsanwaltschaft, wonach in 16 Punkten „mögliche Gesetzesverstöße“ neuerlich überprüft werden sollten.

Das Urteil schockte in den USA: Hier ist das Rechtsprinzip „Double Jeopardy“ heilig: Wer in einem Strafverfahren freigesprochen wird, kann nicht nochmals angeklagt werden. Offenbar sind die Rechtsstandards in Italien andere. „Enttäuscht“ zeigte sich Knox, die in Seattle (US-Staat Washington) jetzt zur Uni geht, in einer ersten Reaktion. Die „Wahrheit“ werde sich durchsetzen, ist sie überzeugt. Das neue Verfahren wird natürlich in ihrer Abwesenheit stattfinden. Ihre Präsenz ist rechtlich nicht erforderlich. Und eine Auslieferung würde die US-Justiz ohnehin nie gestatten.

Was ein Rätsel bleibt: Warum ist Italiens Justiz so stur? Noch dazu in einem Verfahren, das durch schockierende Unfähigkeit der Kripo und Besessenheit des Staatsanwaltes Giuliano Mignini Italien wie eine Bananenrepublik erscheinen ließ.

In einem Skandalprozess war Knox – vorverurteilt in der Britenpresse als „Foxy Knoxy“ oder sexversessenes Luder in italienischen Medien – wegen Mordes zu 26 Jahren Haft verdonnert worden (Sollecito erhielt 25 Jahre). Samt U-Haft saß Knox 1427 Tage im gefürchteten „Capanne“-Gefängnis: Sie berichtete über Anzüglichkeiten, fälschlich wurde ihr mitgeteilt, dass sie HIV-positiv sei.

Ein Berufungsgericht sprach sie 2011 frei. Während des Verfahrens wurde die schockierend dilettantische Arbeit der Polizei enthüllt: Zeugen wurden beeinflusst, DNA-Beweise kontaminiert, das Tatmesser nie gefunden. Und vor allem: Mit dem Vagabunden Rudi Guede war Kerchers Mörder längst überführt. Der hatte die Studentin bei einem Einbruch vergewaltiget, schnitt ihr die Gurgel durch. Seine blutigen Fingerabdrücke wurden am Tatort gefunden.

Doch der fanatische Staatsanwalt Mignini fantasierte weiter, dass Kercher bei einer Sexorgie mit Knox, Sollecito und Guede starb. Knox, die in der Mordnacht mit Sollecito zusammen war, hatte sich in Verhören komisch verhalten, küsste ihren Freund nahe des Tatorts, während die Spurensicherung ermittelte. Durch Marihuana-Konsum war ihr Erinnerungsvermögen getrübt.

Ein Anwalt der Knox-Familie, Theodore Simon, gab sich nach dem Spruch der Höchstrichter vorerst gelassen: „Wir haben nichts zu befürchten, es gibt keine Beweise, kein Motiv, Amanda hatte mit dem Mord nichts zu tun“.

Knox dürfte sich auch nicht von der Publikation ihrer Memoiren und einer PR-Tour abbringen lassen: Im April erscheint ihr Buch „Waiting to be Heard“ (sie erhielt kolportierte vier Millionen Dollar Gage). Davor packt sie erstmals über ihr Haftdrama in einem Interview mit ABC-Star Dianne Sawyer aus…