Vielleicht möchte der Chef der Waffenlobby NRA, Wayne LaPierre, bald in die 1300-Seelen-Gemeinde Nelson im US-Staat Georgia ziehen. Der Ort muss ihm wie ein Paradies vorkommen: Gerade beschloss der Gemeinderat – einstimmig noch dazu – eine Waffenpflicht für seine Bürger. Beachtlich. Noch dazu wenig mehr als 100 Tage nachdem Amerika wegen dem Newtown-Massaker in Schock und Trauer erstarrte. In Nelson hingegen soll nun in jedem Haushalt zumindest eine Schusswaffe und Munition verfügbar sein: Zur „Gewährleistung der Sicherheit“, so die Rathaus-John-Waynes.

Das Provinznest schaffte es mit dem Beschluss ins Rampenlicht: Noch kein Ort trieb den US-Waffenwahn so weit. Nach nationaler Verwunderung bemühten sich die Nelson-Pioniere um die Klarstellung, dass Gesetzesverweigerer nicht bestraft würden und die Verordnung natürlich nicht für Irre und Gauner gelte. Doch der Akt illustriert, wie sehr die US-Waffendebatte ins absurde abgleitet. Über einen historischen Meinungsumschwung wurde während den Trauertagen nach Newtown noch spekuliert.

Das Gegenteil traf ein: Die Waffennarren gewinnen die Oberhand in der Debatte. Dienstag präsentierte der von der NRA für eine Task-Force zur Verbesserung der Schulsicherheit eingekaufte Ex-Abgeordnete Asa Hutchinson einen 228-Seiten-Report. Kurz zusammengefasst: In jeder US-Schule solle sich zumindest ein bewaffneter Mitarbeiter aufhalten, auch die „freiwillige Bewaffnung“ der Lehrer wäre anzuraten. Empfohlen wurden Sturmgewehre der Newtown-Type AR-15. Und insgesamt stelle jede Form von Waffenverboten ein zusätzliches Sicherheitsrisiko dar.

Während der Report wie ein weltfremdes Pamphlet wirkt, sind viele der Ideen in der US-Provinz längst Wirklichkeit: South Dakota wurde der erste US-Staat, wo Lehrer in allen Schulbezirken Waffen tragen dürfen. Ähnliche Bestimmungen gelten in hunderten Schulbezirken in weiteren US-Staaten. Willfährig folgen gesponserte Lokalpolitiker den Argumenten der NRA nach jedem Massaker: Noch mehr Waffen ist die Antwort. 300 Millionen sind in den USA bereits um Umlauf: Mit 11.000 Erschossenen pro Jahr spricht das Ergebnis dieser Ideologe  für sich selbst.

Vor einem Triumph steht die NRA auch im Kongress: Obamas mit Fanfaren angekündigte Gesetzesinitiative für eine Verschärfung der laxen Waffengesetze scheint bereits gescheitert: Zuerst kippte im Senat das Verbot von Sturmgewehren, dann von großen Munitionsmagazinen, zuletzt wackelten selbst Personenüberprüfungen bei allen Waffenkäufen. Die NRA hatte offenbar genug Zeit, die Senatoren zu „bearbeiten“. Die Republikaner kündigten einen Filibuster an: Nun sind 60 von 100 Stimmen nötig. Wenn es um Waffen geht, kämpft die NRA sogar offenbar auch für Verbrecher: Der Lobby-Apparat rotiert gerade gegen „Senate Bill 54“, die Strafen für Waffenschmuggel erhöhen würde.

Angesichts des guten Drahtes der NRA-Lobbyisten in beide Kammern des US-Kapitols sowie Gouverneursbüros und Landesparlamenten der US-Staaten  wirken Obamas öffentliche Auftritte immer hilfloser, wo er um Waffenverbote appelliert, die allein der Hausverstand gebieten würde. Wie der in Teilen der USA aussieht, beweist das Beispiel der wackeren Stadtväter von Nelson.