Es war das größte Inferno an Falschmeldungen seit George Bush irrtümlich vom Sender „Fox“ im Jahr 2000 zum Wahlsieger ausgerufen wurde – bevor der Nachzählkrimi in Florida überhaupt erst losging. Es begann mit der CNN-Meldung am frühen Mittwochnachmittag, wonach das FBI einen Täter nach dem Bombenmassaker beim Boston-Marathon verhaftet hätte. Für CNNs John King, dem Quellen das zugesteckt hätten, gab es kein Halten mehr. Er sprudelte über eine Person mit „dunkler Hautfarbe“, der sonst besonnene Star-Anchor Wolf Blitzer entlockte ihm dazu immer mehr Details. Die amerikanische Öffentlichkeit habe immerhin, dozierte Blitzer mit Pathos, ein Recht, dass alles so schnell wie möglich zu erfahren. „Exklusiv“ war das ganze natürlich obendrein.

Der vom Quotenschwund geplagte Newskanal schien zu alter Höchstform aufzulaufen. Ein echter Scoup. King konnte sich sicherer nicht sein: „We got him“, hätte ihm sein Informant bestätigt. Wie eines Wunders gleich hatten plötzlich andere US-Medien die gleichen Infos, alle von „Sources“: Fox News war dabei, selbst die örtliche Zeitung „Boston Globe“. Die Agentur AP wusste sogar, dass der Täter schon am Weg zur Haftvorführung zum „Moakley“-Bundesgerichtsgebäudes sei. Tausende versammelten sich dort: Nach dem Schock und der Trauer in Boston wollte eine auch zornige Bevölkerung das Gesicht des feigen Bomben-Terroristen sehen.

Doch rasch stellte sich heraus: Es gab keine Verhaftung, keinen Transport zu Gericht. Nur entdeckte Aufnahmen, auf denen zwei verdächtige Männer zu sehen sind, wie das FBI klarstellte. Auf CNN, das sich als „most trusted name in news“ brüstet, traten nun andere Korrespondenten auf, deren Quellen eine Festnahme dementierten. Die verwirrten und verbitterten Zuseher rund um die Welt – vor allem aber in Boston – mussten nun auch noch erdulden, wie Falschmelder King alle Schuld seinen Informanten in die Schuhe schob. Das Medien-Debakel war perfekt.

Es passt in die rasante, aber nicht sonderlich verlässliche Berichterstattung seit Montag 14:50 Uhr, als die beiden Schnellkochtopf-Bomben beim Boston-Marathon drei Menschen töteten, 176 verletzten und verstümmelten. Besonders die „New York Post“ übertrifft sich täglich: Stunden nach dem Anschlag war von 12 Toten die Rede – und von einem Verdächtigen (20) aus Saudi-Arabien, der verletzt wurde und in einem Spital verhört werden würde.

Zuletzt verschmolz dann auch noch der reguläre Journalismus mit der irren Tätersuche im Web: Dort durchforsten Nerds und Verschwörungsfanatiker, verbunden über den Chat-Dienst „Reddit“, rund um den Globus Fotos und Videos – und markierten laufend neue Bomber mit roten Kreisen: Zuerst war da der Mann am Dach, dessen Silhouette wahrend der Explosion auszumachen ist. Dann die Gruppe an Afroamerikanern, die zuerst mit und dann ohne Rucksäcke auf Bildern zu sehen sind. Oder der Mann, der in kurzen Hosen durch die Rauchschwaden flüchtete – und das auch noch in die umgekehrte Richtung als alle anderen. Muss ja wohl der Täter sein.

Donnerstag prangte dann auf der Titelseite der „Post“ auch noch ein Foto von zwei arabisch aussehenden, jungen Zusehern. Sie tragen Sportkleidung, einer einen Rucksack, der zweite eine blaue Umhängetasche. Endlich: Die Täter! Never mind freilich, dass sie bereits um 12:30 Uhr ohne Taschen und Rucksack zu sehen sind. Damit hätten sie die Bomben 1:50 Stunden vor der Detonation abgestellt. Nicht sehr wahrscheinlich. Never mind auch, dass die vom FBI auf Aufnahmen entdeckten Verdächtigen kurz vor den Explosionen getrennt zu sehen sind, je einer an den beiden Explosionorten, als sie zwei schwarze Rucksäcke ablegen.

Die „Post“ wollte die Bilder von Emails haben, die Ermittler untereinander austauschen. Der Schwachsinn wurde dann – diesmal entfaltete das Web seine positive Macht – prompt enttarnt: Die abgebildeten „Bomber“ sind ein Marokko-stämmiger Highschool-Schüler, der gerne Fußball spielt, und ein Arbeiter bei „Subway“, der den Film „The Hunder Games“ mag, berichtete Gawker.