Boston ist nicht der 11. September, das natürlich gleich einleitend: Fast 3000 Menschen starben, als sich drei Jumbos in die Twin Towers und das Pentagon bohrten, ein vierter in einem Acker zerschellte. Der Einsturz der WTC-Türme ließ Lower Manhattan im Inferno versinken. Dennoch: Boston kam trotz weit geringerer Opferzahl als veritabler Schock: Zwei Splitterbomben explodierten, wie bei 9/11 an einem strahlenden Tag, noch dazu am „Patriots Day“, den höchsten Feiertag von Massachusetts. Der Horror kam bei einem friedlichen Sportfest, wo sich 26.000 Menschen aus aller Welt selbst überwinden. Beine und Arme von Zusehern wurden von den Nägeln und Metallkugeln der Schnellkochtopf-Bomben zerfetzt, die berühmte Boylston Street im Herzen Bostons blieb als Schlachtfeld zurück.

Und: Es war der erste Terror-Anschlag seit elfeinhalb Jahren in den USA.

Doch die Reaktion Amerikas blieb – trotz dem Entsetzen, der Abteilnahme mit den Opfern und der Faszination mit der Jagd auf die Terror-Brüder  – generell besonnen. Das liegt auch an Barack Obama, der – anders als sein Vorgänger George W. Bush – kein politisches Kapital aus der Terrorangst zu schlagen braucht. Obama ist kein „Kriegspräsident“ wie Bush, er sucht „Change“ innerhalb Amerikas. Nach „Zero Dark Thirty“, der Tötung Bin Ladens, prallen alle Vorwürfe ab, er sei „soft“ in der Terrorabwehr.

Deshalb ließ er das Getöse der alten Terror-Garde unaufgeregt abprallen: Die Hardliner John McCain und Lindsay Graham verlangten, dass der überlebende Dschochar Zarnajew als „Enemy Combatant“ nach Guantanamo und vor ein Kriegstribunal kommen sollte. Kühl richtete das White House aus, dass Dschochar Amerikaner sei und es für Militärtribunale keine rechtlich Grundlage gäbe. Dazu verzichtete die US-Regierung auf jegliche Terrorpanik: Kein „roter Alarm“, keine Mobilisierung der Polizeikräfte oder Nationalgarde in anderen Metropolen (außer New York in den Stunden nach dem Anschlag). Selbst das Medien-Getrommel über die nach Anschlägen übliche Serie an falschen Alarme hielt sich in Grenzen. Und in Sachen neuer Sicherheitsmaßnahmen beobachtete ich bisher nur begrenzten Unfug, wie das Verbot von Kühltaschen beim „Kentucky Derby“.

Den Amerikanern ist nach einer Dekade Post-9/11-Terrorangst klar: Anschläge dieser Art, wo zwei Selfmade-Dschihadisten gebastelte Bomben in Rucksäcken in eine Menschenmenge tragen, sind schwer zu verhindern. Außer wir schleusen 500.000 Menschen am Rand einer 42 Kilometer langen Marathon-Strecke durch Metalldetektoren, durchsuchen jede Tasche in jeder U-Bahn, jedem Zug, jedem Bus, jedem Büroeingang, jeder Schule und Uni. Das ist allein finanziell ruinös. Und wer will so leben?

Amerika zeigt sich beim Boston-Horror in Sachen Terror als reifere Nation. Eine „Washington Post“-Umfrage bestätigte, dass die US-Bürger ein gewisses Terror-Risiko akzeptieren – und skeptischer sind, persönliche Freiheiten der Terrorabwehr zu opfern. Makaber zugespitzt: Es wird ab und wann krachen, doch wir wollen nicht in ständiger in Angst leben. Der von Bush ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ ist zu Ende: Anschlägen wird wieder als Verbrechen von Polizei und Justiz begegnet. Das zornige Terror-Kriegsgetrommel der Rechten verpufft.