Ist er der neue Bob Woodward? Blogger Glenn Greenwald hatte für das Britenblatt „The Guardian“ am Mittwoch einen der größten journalistischen Scoup seit Jahren geliefert: Publiziert wurde ein streng geheimer Richterbefehl, der den Telekom-Giganten „Verizon“ anweist, Telefondaten aller seiner Kunden täglich an die „National Security Agency“ (NSA) zu übergeben. Nicht den Inhalt der Telefonate, doch Nummern, Zeit, Dauer, den Aufenthaltsort beider Gesprächspartner. Verizon geriet ins Rampenlicht, da das Greenswald zugespielte Gerichtsdokument spezifisch an den Telekom-Giganten adressiert ist. Niemand bezweifelt, dass es ähnliche Richterbeschlüsse für andere Handy-Anbieter gibt.

Dass im Namen der Terrorabwehr und nach der Verabschiedung des „Patriot Acts“ unter Bush in Telefondaten herumgeschnüffelt wird, dämmerte den US-Bürgern freilich seit längerem. Doch das Ausmaß kommt als totaler Schock: Dass die NSA Daten über alle Telefonate aller Handy-Besitzers an allen Tagen seit vielen Jahren observiert, erinnert eher an George Orwells düstere Visionen eines Abhörstaats als jenen „Leuchtturm der Freiheit“, als den sich Amerika gerne sieht.

Und prompt brachen die Dämme: Nur Stunden später wurde enthüllt, dass die NSA und auch das FBI direkten Zugriff auf die Server der wichtigsten Internet-Firmen (Apple, Google, Facebook, Yahoo, Skype, Microsoft etc.) haben. In Echtzeit können Emails, Videos, Chats und Fotos observiert werden.

Journalist Greenwald hat damit das größte Geheimnis der US-Regierung im Anti-Terrorkrieg enthüllt: Washington belauscht seine Bürger im großen Stil und bisher unbekannten Ausmaß. Mit geheimen Befehlen, ausgestellt von einem geheimen Gerichtshof. Die Programme laufen seit Bush, doch der Skandal trifft Obama mit voller Wucht: Der hatte eine „offene Regierung“ versprochen, stattdessen Bushs finsterste Anti-Terror-Programme sogar massiv ausgeweitet – samt einem Krieg gegen Reporter und Informanten, die seine Taktiken hinterfragen.

Nun hat ihn ein Mann als Heuchler enttarnt. Die Story des Glenn Greenwald ist auch sonst faszinierend und ungewöhnlich: Geboren in Florida arbeitet der 44-Jährige zunächst als Anwalt. 2005 startete er seinen Blog „Unclaimed Territory“. Er schrieb gegen die Exzesse der Bush-Regierung beim Aushebeln der „Civil Liberties“ an. Er wechselte 2007 als Blogger und Kolumnist zu „Salon“, das Internet-Magazin gewährte ihm totale Unabhängigkeit bei seiner Aufdeckerarbeit. Im Vorjahr warb ihn der Guardian ab. Das brisante „Verizon-Dokument“ sei ihn von einem Leser zugespielt worden, der ihm vertraute, sagte er zur New York Times.

Im Vergleich zu Woodward, dem Informant „Deep Throat“ in einer Parkgarage Watergate-Geheimnisse zuspielte, passt Greenwalds Charakter gut in unsere Zeit: Er ist Blogger und kein „traditioneller Reporter“. Der redegewandte Aufdecker, der sich eher als Aktivist versteht, arbeitet dazu hauptsächlich von Brasilien aus. Dort lebt sein Partner, der nicht in die USA darf, da die Einwanderungsbehörden gleichgeschlechtliche Paare nicht anerkennen. Die Medien-Interviews nach dem Losbrechen des Skandals gab er von Hongkong aus.

Er habe keine Angst, sagte er, doch wolle nun selbst seine Daten von Profis vor Zugriffen schützen lassen. Der Mann, der Obama entzauberte, plant weitere Enthüllungen.