Im vielleicht größten Lausch-Skandal aller Zeiten flog in den letzten Tagen auf, dass der US-Geheimdienst NSA praktisch alle Telefonate in den USA und große Teile der Internet-Kommunikation weltweit überwacht.

Ein Informant war mit Geheimdokumenten nach Hongkong geflogen, hatte sie dort dem „Guardian“-Reporters Glenn Greenwald übergeben. Der lässt seit Tagen neue Bombe platzen in dem ausufernden Spitzelskandal.

Der Informant und neuer Staatsfeind Nr. 1 der US-Geheimdienste ist Edward Snowden (29), der für die NSA in Hawaii werkte. Snowden brach die High School ab, trat der Armee bei, wurde wegen gebrochenen Beinen entlassen. Er arbeitete danach als Wachebeamter für die NSA, später für die CIA als Computerspezialist, zuletzt für den Subunternehmer des US-Verteidigungsministeriums „Booz Allen Hamilton“. Der setzte ihn als Leiharbeiter im Hawaii-Büro der NSA als System-Administrator ein. Jahres-Gage: 200.000 Dollar.

Sonntag ging Snowden an die Öffentlichkeit. Er wolle nicht in einem Land leben, wo ein im Schatten operierender „Big Brother“ Bürger belausche, sagte er. Schockierend vor allem Snowdens Behauptung: Er selbst konnte auf jede beliebige Email, jedes Telefonat zugreifen, sogar jene von US-Präsidenten Barack Obama, hätte er seine Emailadressen und Nummern gehabt.

Der Skandal schlägt bereits internationale Wellen: Auch Britische Spione hätten die NSA-Datenbanken verwendet und damit Gesetze gebrochen.

Die USA macht nun Jagd auf den berühmtesten „Whistleblower“ seit Bradley Manning („Wikileaks“), Daniel Ellsberg („Pentagon Papers“) – und natürlich „Deep Throat“ Mark Felt, der Bob Woodward die Watergate-Geheimnisse in einer Tiefgarage zuspielte. Ein Auslieferungsverfahren gegen den Amerikaner wird erwartet. Hardliner und Kongress-Abgeordneter Peter King verlangte die „maximale strafrechtliche Verfolgung“. Andere verdammten ihn sogar als „chinesischen Spion“, da er sich nach Hongkong absetzte.  Snowden hat sich in einem Hotel verschanzt. Er bat Staaten um Asyl.

Die Enthüllungen der letzten Tage führten zu einer Welle weltweiter Empörung:
# Bekannt wurde, dass die NSA die Handy-Gespräche aller Amerikaner protokolliert: Nummern, Dauer der Telefonate und Aufenthaltsorte der Gesprächspartner sind erfasst.
# Im Programm PRISM (Prisma) greift die NSA direkt auf die Server der größten Internetfirmen (Apple, Google, Facebook etc) zu. Laut dem ebenfalls enthüllten Spionageprogramm „Boundless Informant“ werden in nur 30 Tagen drei Milliarden Überwachungseinträge angefertigt.

Snowden zog am 1. Mai mit seiner Freundin aus einem schlichten Haus in einem stillen Vorort von Honolulu aus, am 20 Mai flog er nach Hongkong. Seinem Arbeitgeber hatte er erzählt, dass er sich „für ein paar Wochen“ wegen Epilepsie behandeln lassen wollte.

Komisch ist nur: Bereits letzten Mittwoch, genau am Tag, wo der Guardian die erste Enthüllungsstory publizierte, tauchten Polizisten bei der Immobilienfirma auf und erkundigten sich nach dem Aufenthaltsort von Snowden. Die Ermittlungen gegen ihn müssen da im geheimen bereits gelaufen sein.