Da stehe ich und halte die heiß begehrteste Süßspeise der Welt in Händen. Schon die Verpackung ist edel, eine goldfarbige Kartonfaltschachtel. Drinnen zwei „Cronuts“, jene legendären Kreuzungen aus Croissant und Donat, von denen zuerst ganz New York, jetzt der gesamte Erdball redet.

Kreiert hat das Kultgebäck der in New York lebende Franzose Dominique Ansel in seiner winzigen Bäckerei im schicken SoHo. Seither stehen dort täglich Menschen in einer längeren Schlangen an als jene, die sich vor Apples New Yorker Flagshipstore an der Fifth Avenue beim Verkaufsstart neuer „iPhone“- oder „iPad“-Modelle sammelten.

Gut zehn Zentimeter ist der Durchmesser des „Cronut“, rund ist er, nicht exakt, man erkennt die Handfertigung, Er ist bräunlich fast wie ein Krapfen, in der Mitte das für Donuts so charakteristische Loch. Oben drauf eine dünne Schicht Creme. Deren Geschmacksrichtung ändert Ansel jeden Monat – um den Hype am Leben zu erhalten. Im August wird das frittierte Gebäck mit Kokosnuss-Geschmack vollendet. $5 verlangt er für das Stück, wenigstens ist die Edelverpackung inklusive. Eine Postkarte mit dem Aufdruck „I got a Cronut“ können Souvenierjäger um $1 mitnehmen. Die preist der clevere Bäcker an mit: „Besser als ein Instagram!“

Der erste Biss: Der „Cronut“ ist drinnen luftig und knusprig wie ein Croissant, aber sehr süß, viel trägt dazu auch die Cremeglasur oben drauf  und die Füllung drinnen bei. Das Gebäck bietet tatsächlich ein einzigartiges Geschmackserlebnis.

Ob das wirklich den globalen Hype rechtfertigt, ist gar nicht mehr die Frage. Längst geht es um den Kult: Wartezeiten bis drei Stunden im Morgengrauen ziehen eher an als sie abschrecken. Ich selbst komme im Halbdunkel um 5:40 Uhr in der Spring Street an. 45 Menschen warten bereits. Ganz vorne gleich vor der Türe: Die inzwischen berühmten „Cronut Hustlers“, Obdachlose, welche die Nacht vor der Bäckerei verbringen und die erstandenen „Gebäckhybride“ dann um bis zu 100 Dollar am Schwarzmarkt verkaufen.

Der Durchschnittspreis der über Craigslist angebotenen Cronut (ohne drei Stunden Warten im Morgengrauen) liegt bei $35. Ein „Dealer“ singt sogar, wenn er das Kultgebäck abliefert. Ganz reibungsfrei geht es – auch das ist typisch New York – natürlich nicht immer: Zwei der „Hustlers“ sind angetrunken, einer brüllt Chef Ansel an: „Fuck you!“ Die Polizei fährt vor.

IMG_1736Die meisten in der Schlang trieb aber die Neugierde: „Alle redeten über die Cronut“, sagt Hillary Cook (21), die den Sommer über als Praktikantin bei einem Hedgefonds arbeitet: „Ich hätte mir nie verziehen, sie nicht zu versuchen“. Insgesamt stehen eher jüngere Leute an. Der Hype sei eben so eine typische New Yorker Sache, finden viele. Liz Forman (28) nützte die freie Zeit zwischen zwei Jobs: „Ich war einfach so neugierig“, sagt sie: „Und außerdem möchte ich meinen Freund überraschen“.

Als der Kultbäcker um 8 Uhr die Pforten öffnet, windet sich die Schlange bereits um den Häuserblock. Sie dürften alle belohnt werden: Ansel hat wegen des enormen Erfolges die tägliche Produktion von anfänglich 50 auf 200, zuletzt auf 500 Stück erhöht.

Der französische Bäcker hat sich das Original per Trademark schützen lassen, sogar auf der Tafel über der Theke ist mit Kreide das Symbol „TM“ hinzugefügt. Die einzig echten „Cronut“ gibt es daher weiter nur in der New Yorker Spring Street. Ansel hat sicher lukrative Angebote für eine Lizenz zur Massenfertigung in der Schublade. „Ich will es klein halten wie bisher“, sagt er, während er Mitarbeitern beim Auftragen der Creme über die Schulter blickt. Nachsatz: „Vorerst…“