Es ist kein Wunder, dass Barack Obama im Rekordtempo ergraut: In der Syrienkrise scheint ihn die ganze Welt – und sein eigens Land – verlassen zu haben. Der Countdown zu Luftschlägen gegen Giftgas-Schlächter Assad ist längst ein Slalom zwischen ausgestreckten Beinen. In den USA läuft Obama in ein Sperrfeuer – vorangetrieben selbst von Politikern, die ihm zuerst Untätigkeit in der Syrienkrise vorwarfen.

Immer mehr Schlüsselfiguren am Capitol Hill aus beiden Parteien verlangen ein Kongress-OK, bevor die Tomahawks losfliegen. Ob Obama warten soll, bis die Abgeordneten in zwei Wochen aus ihren Ferien nach DC zurückkehren, ist dabei unklar. Die Politiker fanden es nicht einmal der Mühe wert, für abhörsichere Telefonleitungen bei einem Briefing über US-Beweise gegen Assad am Donnerstag zu sorgen. Einige liefen mit Handys durch ihre Hausgärten.

Besonders hilfreich verhält sich John McCain: Gerade in den Stunden, als sich Obama zum Handeln entschloss, machte der 2008-Verlierer den US-Präsidenten indirekt für Assads Giftgas-Massaker mitverantwortlich, da er nicht bereits früher zuschlug und Assad ermutigt hätte. Wow.

Die US-Medien pflügen unterdessen lieber in  endlosen „Expertenrunden“ durch die lange Liste  schlechter Optionen in der Sryienkrise – und die ist wahrlich deprimierend. Über den Grund für Obamas Kriegspläne, Assads Massakern an seinem eigenen Volk, wird jedoch wenig berichtet: Denn kaum US-Reporter sind in Syrien unterwegs. Und welche Bilder es dort gibt, zeigte zuletzt ein mutigerer Reporter der BBC in einem Bericht über die Opfer einer Attacke mit Phosphor- oder Napalm-Brandbomben auf einen Schulhof. Halbverbrannte Opfer, viele davon Kinder, krümmten sich da vor Schmerzen in Spitalsbetten.

Wenige Sekunden dieser Schreckensbilder im US-Frühstücksfernsehen würden reichen, um eine Welle der Empörung über  Assads Gräuel zu entfachen. Stattdessen wurde Freitagmorgen aufgeregt berichtet, dass die Benzinpreise wegen der Syrienkrise um 4 Cent die Gallone gestiegen sind – und das vor dem langen „Labor Day“-Wochenende… Laut NBC-Umfrage sind 50 % der Amerikaner gegen eine militärische Intervention.

Insgesamt scheint es bedauerlich, dass die US-Medien nicht auch Bushs Irakkriegspläne einst so aggressiv durchleuchtet hatten. Apropos: Um den Fass den Boden auszuschlagen, meldete sich auch noch Donald Rumsfeld. Ja wirklich! Donald Rumsfeld! Bushs Irakkriegs-Architekt nannte Obamas Syrienpolitik „stumpfsinnig„. Nicht jeder kann so brillant und erfolgreich sein wie es „Rummy“ in Bagdad war…

Obama, zuletzt selbst sogar von den Briten verlassen, hat freilich kaum eine Wahl mehr. Die Konsequenzen eines Rückziehers, vor allem wegen des Glaubwürdigkeitsverlusts der USA, wären verheerend. Assad würde zu noch schlimmeren Massakern ermutigt, der Verbündete Iran sich beim A-Bomben-Bau  kaum mehr bremsen lassen. Obama wird sich wahrscheinlich vor US-Luftschlägen vom Oval Office aus an die Welt richten: Es werden seine einsamsten Momente sein…