Debra Milke (49) wurde verhaftet inmitten des Schocks und der Trauer um den Tod ihres Sohnes Christopher (†4), der am Vortag von ihrem Freund erschossen worden war. Am 3. Dezember 1989 klickten die Handschellen bei der 25-Jährigen  Frau. Präsident war damals der erste Bush, in Milkes Geburtsstadt Berlin  gerade die Mauer gefallen.

Es folgten 23 Jahre und  neun Monate Haft, 22 davon im notorischen Staatsgefängnis in Perryville, Arizonas „Death Row“. Einmal wäre sie beinahe exekutiert wurden, Berufungsgerichte stoppten die Hinrichtung in letzter Sekunde , nachdem sie bereits ihre Henkersmahlzeit  ausgewählt hatte.

8678 Tage dauerte Milkes Martyrium hinter Gittern. Am Freitag 15 Uhr Ortszeit, fuhr sie in die Freiheit. Mit weißen Haaren saß sie am Rücksitz eines Lexus, ihre nimmermüden Anwälte, denen sie die Freiheit verdankt, neben ihr im Wagen. Die Stahltore des „Maricopa County“-Frauengefängnisses in Phoenix (Arizona) hatten sich geöffnet.

In sengender Hitze (42 Grad) wartete ich mit einem Dutzend Lokal-Reportern auf den Moment. Doch für eine erste Stellungnahme ist es für Milke noch viel zu früh: Das Auto fährt zügig zur Hauptstraße, verschwindet im Stoßverkehr. Anwälte und Unterstützer hatten die Kaution von 250.000 Dollar hinterlegt, ihr eine Wohnung verschafft. Die Adresse: Geheim. Die sonst aggressiven US-TV-Stationen respektieren Milkes Schutzbedürfnis bei ihren ersten Schritten zurück in ein halbwegs normales Leben. „Wir hätten einen Helikopter dem Wagen hinterher schicken können“, erzählt mir ein NBC-Reporter: „Wir haben verzichtet, wir respektieren ihre Privatsphäre“.

Die Akte Milke ist ein Justizskandal: Milkes damaliger Freund James Styers hatte den Buben drei Kugeln in den Kopf gejagt. Der korrupte „Detective“ Armando Saldate glaubte jedoch, Milke hätte Styers und einen Kumpanen angestiftet, da sie 5000 Dollar Versicherungsprämie kassieren wollte. Lästig soll der Bengel auch gewesen sein.

Saldate behauptete, Milke hätte ihm alles gestanden, dass sie den brutalen Mord angestiftet hatte. Es gab aber weder Tonband-Aufnahmen noch ein unterschriebenes Geständnis.  Doch Saldate schien beim Prozess überzeugend, die Geschworenen verurteilten Milke zum Tod. Erst später wurde bekannt, dass der korrupte Cop auch in anderen Fällen gelogen hatte, eine lange Liste an Verfehlungen wurde zusammengetragen. Im März verwarf ein Berufungsgericht das Urteil.

Die Staatsanwaltschaft will den Mordprozess zwar wiederholen, doch Milke hat gute Chancen auf den endgültigen Freispruch.

Seit Freitag ist sie frei auf Kaution. „Oh mein Gott“, sagt sie zu ihrer Anwältin, als sich die Zellentüre öffnete. Milke wäre ängstlich gewesen, welche Welt sie draußen erwarte. Ihre krebskranke Mutter Renate Janka ist am Weg in die USA. Nun kann sie Debra erstmals drücken, ohne dem Panzerglas zwischen ihnen bei den vielen Besuchen.

Der Horror nimmt dennoch kein Ende. Debras Ex-Mann Arizona Milke, der Vater des getöteten Buben, strengte einen Zivilprozess gegen Milke an. „Zu ihrer eigenen Sicherheit und der aller anderen hätte sie hinter Gittern bleiben sollen“, sagte der jähzornige Mann, der zuvor Verhandlungen mit Schimpftiraden störte.