Die grauenhaften Eindrücke, der bestialische Gestank, das unfassbare Leid, der Tod Tausender: Die Welt weint mit der Stadt Tacloban City, ernst ein florierender Ort mit 220.000 Einwohnern in den Philippinen. Jetzt ist die Stadt ausradiert durch Todes-Zyklon Haiyan.

Ich stehe in einer apokalyptischen Mondlandschaft. Wieder einmal. Doch diesmal scheinen sich die Eindrücke verschiedener, vorher gecoverter Desaster zu einer einzigen riesigen Kalamität aufzuaddieren. Das Ausmaß der Zerstörung erinnert an den Haiti-Beben (2010), die Asien- (2004) und Japan-Tsunami (2011) und den Oklahoma-Tornado (Mai 2013) – nur alles zusammen.

Monstersturm Haiyan zerschredderte die Stadt nach einem Volltreffer in der Vorwoche mit Winden um über 300 km/h. Es ist keine Schneise der Verwüstung, das ganze Stadtgebiet liegt in Trümmern: Stahlträger sind um entrindete, geknickte Palmstümpfe gewickelt, Wellblechdächer und Autos verknüllten die Windböen zu bizarren Knäueln zusammen, dazwischen liegen tonnenschwere Stahlschiffe hunderte Meter von der Küste entfernt.

Die Sturmflut riss mehrstöckige Häuser aus den Fundamenten. Beim Flug über den Katastrophenort ist die ganze Wucht sichtbar: Das weggeschwemmte Erdreich hinterließ eine braune Zunge bis weit in das sonst türkis-glitzernde Meer.

Schreckensszenen gleich beim Airport! Hunderte drängen sich in der Ruine des Terminals: Auf einer Holztafel wurde “Arrival” gesprüht, auf eine andere “Tickets”.
Die verzweifelte Masse drängt nach vorne. Nichts wie weg aus diesem Albtraum.
Ein paar Beamte heben die Schlagstöcke: “Zurück! Zurück!” Im Hintergrund dröhnen mächtig die Rotoren der V22-Osprey-Militärmaschinen.

Überall am “Ground Zero” der philippinischen Zyklon-Tragödie liegen noch die Toten, selbst so viele Tage noch nach dem Durchmarsch des Sturminfernos. Einige sind nur notdürftig mit Fetzen bedeckt, Händen ragen heraus, Füße. Aufgedunsen, halb verwest in der schwülen Hitze. Der Anblick ist grässlich, der Gestank entsetzlich.

Die Hunderten durch die Trümmerlandschaft irrenden Bewohner halten sich notdürftig die T-Shirts vor den Mund. Doch der süßliche Gestank legt sich auf die Lungen. Helfer mit Gummihandschuhen stecken die Toten in schwarze Leichensäcke, legen sie an Sammelpunkten in Reihen auf. Kaum Zeit wird zur Identifizierung der Toten bleiben: Taclobans Behörden überlegen bereits Massengräber. Denn schon drohen Seuchen. Auch Hundekadaver liegen überall verstreut.

Doch mittendrinnen geht das Leben in der Ruinenstadt weiter: Kinder spielen Fußball, Halden werden nach brauchbarem durchwühlt, Kräne richten Strommasten auf. Aber das Anlaufen der internationalen Hilfswelle wirkt vor Ort mickrig: Kaum Hilfsgüter sind am Flughafen zu sehen, nur wenige Zeltstädte für die Obdachlosen. Wenigstens einige Wasserabgabestellen wurden eingerichtet.

Die ausgezehrten Gesichter der überlebenden Typhoon-Opfer addieren sich zu einem Hilferuf: Sie sind hungrig, durstig, traumarisiert.

Die Gewalt und Verzweiflung hatte in den letzten Tagen dramatisch zugenommen, doch schien am Dienstag den Zenit erreicht zu haben. Viele der Polizisten waren bei Haiyan ums Leben gekommen, nun muss die Armee Plünderungen und Raubüberfälle unterbinden. Von 963 Cops in einem Bezirk, kamen nach dem Sturm nur 34 zur Arbeit, so der Philippine Star.

Überlebender Mars Briones (21) aus Taclopan City erzählt mir, wie er den Horrorsturm überlebte. Er hatte mich mit meiner Familie im Haus verschanzt. „Der Wind röhrte so laut, als würde man den Kopf bei einem Jumbo beim Fenster raushalten“, sagt er. Rasch bemerkten sie, dass das Haus die Kräfte nicht aushalten wird. Sie rannten ins Erdgeschoss. Bald war das Obergeschoß weggeblasen. „Wir dachten zuerst, es hätte uns am schlimmsten erwischt“, sagt Briones: „Dann ging ich nach draußen und realisierte: Meine geliebte Stadt gab es nicht mehr!“

Stattdessen lief eine weinende Mutter mit einem toten Kind durch die Straße . Der Schock sitzt tief.