Im angeblichen Skandal „Bergdahl-Gate„, dem Tausch des seit 2009 von den Taliban in Afghanistan gefangen gehaltenen US-Soldaten Bowe Bergdahl (28) gegen fünf in Guantanamo Bay inhaftierten Top-Taliban, gibt es in den US-Medien und im Kongress kein Halten mehr: Obama wird das „Verhandeln mit Terroristen“ vorgeworfen, gar Gesetzesbruch, da der Kongress wie gesetzlich verlangt nicht vorab über die Freilassung der Taliban informiert worden war.

Bergdahl wird von Ex-Kameraden als „Deserteur“ verdammt, der – desillusioniert vom Afghanistankrieg – von dem Posten abhaute, „um eine neues Leben zu beginnen“, wie er in einer Abschiedsbotschaft festhielt. Doch am brutalsten der Vorwurf: Bis zu acht Soldaten seien bei der Suche nach Bergdahl zwischen Juli und September 2009 gestorben, deren verbitterte Angehörige sind nun Dauergäste in den Studios von „Fox News“ oder CNN.

Doch jetzt hinterfragt die New York Times nach einer Durchsucht der von „Wikileaks“ einst veröffentlichten „Kriegs-Logs“ die bisher blindlings übernommene Annahme, dass die Todesfälle der Soldaten tatsächlich im Zusammenhang mit der Suche nach Bergdahl standen.

Kritiker attestieren, dass die Taliban durch der „Ablenkung“ der Amerikaner wegen der Suche nach dem GI eine Chance witterten für eine Offensive und militärische Mittel von den Kampftruppen abgezogen worden wären. Für diese Annahmen gäbe es laut NYT aber keine echten Beweise: Unabhängig vom Bergdahl-Drama hatten sich die Kampfhandlungen in Afghanistan wegen einer von Obama angeordneten „Surge“-Offensive erhöht: 122 GIs starben in dieser Periode in ganz Afghanistan (verglichen mit 58 im gleichen Zeitraum in 2008), in der Paktika-Provinz, wo Bergdahl verschwand, waren es acht (verglichen mit fünf im Vorjahr).

Zwei Soldaten starben Anfang Juli während der intensivsten Phase der Suche, doch sie waren nicht auf Such-Patrouille, sondern wurden in einem Posten angegriffen. Sechs Soldaten kamen Ende August und Anfang September ums Leben. Argumentiert wird von Bergdahl-Kritikern, dass deren Tod auf eine lückenhafte Luftaufklärung zurückzuführen gewesen sei, da Ressourcen für die Suchaktion abgezogen worden wären. „Die gesamte Luftaufklärung in der Gegend erhielt einen neuen Auftrag: Findet Bergdahl!“, behauptet Ex-Kamerad Nathan Bradely Bethea in der „Daily Beast„.

Doch auch hier widerspricht die NYT: Die Armeeführung hätte für die Bergdahl-Suche zusätzlich Ressourcen herangezogen, die Kampftruppen nicht entblößt.


Video der Übergabe von Bergdahl an US-Truppen

Der Druck auf Obama wird mit dem ersten Relativierungen der Skandal-Rhetorik durch liberale Medien nicht wesentlich geringer. Dennoch könnte es eine Wende in der Berichterstattung darstellen: Stimmen, die Bergdahl verteidigen, kommen erstmals zu Wort. Der Webdienst Mashable berichtet auch, wie jetzt kritische Republikaner Tweets löschten, wo sie die Freilassung des Soldaten zuerst gepriesen hatten.

Immer mehr wird die politische Propaganda gegen Obama offensichtlich.