Print Friendly, PDF & Email

Es schien wie die Episode einer Reality-TV-Show: Immobilien-Tycoon und TV-Star Donald Trump kam im Juni 2015 die Rolltreppe im New Yorker Trump-Tower herunter und verkündete seine Präsidentschaftskandidatur. Er beschimpfte Mexikaner als “Vergewaltiger”, versprach, in der verkommenen US-Politik aufzuräumen.

Niemand, weder die Republikaner-Führung noch die Top-Medien, nahmen ihn erst: Der eitle Milliardär mit Riesenego, Spray-Tan im Gesicht und orange Haartransplantaten am Kopf wurde als “Polit-Clown” verlacht, sein Antreten als PR-Stunt abgetan.

Der Spuk werde – sicherlich – bald vorbei sein.

Am Dienstag stand Donald J. Trump (69) wieder im Trump-Tower, diesmal vor US-Flaggen und inmitten seines strahlenden Familien-Clans: Nach dem Triumph in Indiana ist er Sieger bei den Republikaner-Vorwahlen. Unter dem Slogan “Make America Great Again”, millionenfach auf Baseballkappen gedruckt, scharte er eine Protestbewegung weißer Frust-Bürger hinter sich. Er schimpfte 16 Gegner aus dem Rennen, darunter Hoffnungsträger wie Jeb Bush und Marco Rubio.

“Wir haben ihn alle unterschätzt”, gab der legendäre Umfrageexperte Nate Silver von der “New York Times” kleinlaut zu. Kaum wer wollte in den Redaktionen der Metropolen wahrhaben, wie wütend Bürger wirklich sind und wie sehr die Stimmung vor allem im ländlichen Amerika bereits gekippt ist: Trumps Hetze fiel “auf fruchtbaren Boden”, so US-Kommentatoren.

Jetzt bangt die Welt: Kann der pöbelnde Egomane mit den Instinkten eines Schulhof-Bullys – der eine Mauer an der Mexiko-Grenze bauen, ein US-Einreiseverbot für Muslime verhängen und die NATO abschaffen will – am 8. November tatsächlich 45. US-Präsident werden?

Gegenwärtige Umfragen geben ihm wenige Chancen gegen die wahrscheinliche Demokraten-Rivalin Hillary Clinton: Im Schnitt liegt sie mit 47,3 zu 40,8 Prozent weit voran. Laut Berechnungen der “New York Times” würde Clinton beim jetzigen Umfragestand mit 347 zu 191 Wahlmännerstimmen haushoch siegen.

Doch die sechsmonatige Schlammschlacht, die drei Milliarden Dollar verschlingen könnte, läuft gerade erst an. Trump beschimpft seine Rivalin schon als “crooked Hillary”, als Betrügern. In Camp Clinton herrsche wegen Trump bereits “DEFCON 1”, ätzte NBC-TV. So wird die höchste Alarmstufe bei einem drohenden Atomkrieg bezeichnet.

Trump will beim Sturm aufs White House nun vor allem wütende Wähler mobilisieren, die früher den Wahlurnen fernblieben. Mit einem möglichen sanfteren Stil möchte er bei Frauen und Minderheiten aufholen. Und er will bei frustrierten Demokraten nach Stimmen fischen.

Doch bei den entscheidenden Wahlgruppen (Frauen, Wechselwähler, Latinos, Schwarze) ist er unten durch. 67 Prozent der US-Wähler können ihn nicht leiden. Trumps Siegeschancen werden deshalb – derzeit – als gering bewertet.

Aber: Wer will ihn jetzt noch unterschätzen?