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Eigentlich war der Arbeitstag schon fast vorbei, als ich einen Blick auf meinen Laptop werfe und in dem Fenster, in dem CNN läuft, die “Breaking News”-Signatur sehe. Das ist nichts Außergewöhnliches: Bei dem ständig hyperventilierenden News-Kanal ist schon der Sonnenaufgang Grund genug für Aufregung.

Doch jetzt lese ich fast wie in Zeitlupe: Trump hat Comey gefeuert! Ich rekapituliere: Der Präsident setzt Amerikas Top-Cop vor die Türe, der gegen ihn in der Causa “Kremlgate” ermittelt? Das sah kaum wer kommen: Jeder normal denkende Beobachter hätte das für politisches Harakiri gehalten. Was aber ist noch normal seit dem 20. Januar?

Nach dem ersten Schock rasen wilde Gedanken durch meinen Kopf: Ist dieser Moment – Dienstag, der 9. Mai 2017, kurz vor 18 Uhr (Ortszeit) – der Beginn einer Diktatur in den USA, der ältesten Demokratie der Welt? Ein dreister Coup eines “Strongman”, so wie man das von autokratischen Regimen von Moskau bis Manila kennt? Oder hat der Wüterich im Oval Office diesmal den Bogen überspannt: Ist es der Anfang vom Ende der Trump-Präsidentschaft?

Vorerst einmal jedoch brauche ich ein paar Minuten zum Auskurieren einer leichten Panikattacke: Ein paar tiefe Atemzüge. Meine Frau dreht gerade CNN auf im Wohnzimmer. Meine Kids bekommen rasch mit, dass es diesmal heftiger ist als beim sonstigen Lamentieren über Trumps Eskapaden.

Ich mache mich am Weg zu einem Drink mit einem Fußballcoach-Kollegen aus der Liga, in der mein Sohn spielt. Als ich an einer “Sports Bar” vorbeikomme, glaube ich zuerst, dass im TV ein News-Sender läuft. Wow. Also doch. Ein Land in der Krise, eine Nation hält den Atem an… Ist das jetzt so dramatisch wie in den Watergate-Tagen, als Nixon aus dem Amt gefegt wurde? Ich habe mich natürlich geirrt: Es ist doch der Sender ESPN, diskutiert werden im Studio die Chancen der “New York Rangers” und nicht mögliche Perspektiven eines möglichen Trump-Impeachments.

Ich telefoniere noch schnell mit einem Freund und Landsmann in San Francisco: Wir tauschen uns immer aus, wenn es so richtig knallt in der Politik. Mein Tenor, vorgetragen reichlich aufgeregt: “This is it!” “He will not get away with this!”. Damit kommt er nicht durch. Mein Freund ist skeptischer: Teflon-Trump habe schon viel Krasses überlebt.

Und genau das zeichnet sich am nächsten Tag natürlich ab: Der Skandalsturm fegt zwar durch Washington, das Weiße Haus wirkt belagert. Doch Trumps Republikaner reihen sich hinter den Hardliner: Der Präsident habe jedes Recht, den FBI-Direktor abzusetzen, wird betont. Und: Warum regen sich die oppositionellen Demokraten eigentlich auf? Die hassten Comey doch auch wegen der Hillary-Ermittlungen.

Zur Kleinigkeit für die Konservativen wird offenbar ein Aspekt, der nichts mit Parteipolitik zu tun hat: Dass die amerikanische Demokratie in ihren Grundfesten erschüttert ist, wenn ein im Visier von Ermittlung stehender Präsident die Untersuchungen abwürgen will durch das Feuern des Chefermittlers, bleibt vorerst nur Diskussionsgegenstand in den “CNN Panels”.

Und was macht Trump am “Day After?” Er trifft den russischen Außenminister Sergei Lawrow und lässt sogar Russen-Botschafter Sergei Kisljak ins Oval Office. Der ist natürlich eine Schlüsselfigur im Skandal “Kremlgate” und Moskaus Top-Spion in den USA. Dass Trump den durchs Oval Office spazieren lässt, muss Geheimdienstler mit offenem Mund zurückgelassen haben. Die Szene erinnert fast an Stanley Kubricks Kultfilm “Dr. Stangelove”, als der General brüllt: “Sie lassen den russischen Botschafter in den War Room? Der sieht ja alles! Der sieht unsere große Tafel!”

Und by the way, warum wissen wir eigentlich, dass Kisljak bei Trump war? Genau, von russischen Fotografen, nachdem das Weiße Haus die US-Presse ausgesperrt hatte. Später trifft Trump noch einen im Sessel versinkenden Henry Kissinger – offenbar nur für den Fall, dass es nicht bereits genug Echos aus der Nixon-Ära gerade gebe.

Unterdessen tischt Trumps Kommunikationsteam eine weitere Version auf, warum Comey wirklich gefeuert wurde.

Viele sind jetzt überzeugt: Das ist Watergate – mit Dilettanten…

Am Donnerstag geht dann der Chef selbst ran. Es soll endlich Klartext geben: In einem NBC-Interview stellt Trump fest, dass natürlich er alleine es war, der den Entschluss zum Comey-Rauswurf fasste und dann in voller Niedertracht exekutierte. Comey wäre ein Angeber gewesen,  sagte Trump.

Er wollte das Image eines nicht lange fackelnden „Decider“ verbreiten. Immerhin; Mit der Phrase “You are fired!” wurde Trump zum TV-Star.  HBO-Komödiant Bill Maher sollte den Eklat in seiner Show am Freitag auf den Punkt bringen: “The Apprentice, Nuclear Edition!”

Dann verplapperte sich Trump auch noch derart unbedarft, als würde er selbst die Anklagepunkte eines Amtsenthebungsverfahrens formulieren. Als er Comey feuerte, dachte Trump an die ganze “Russensache”, die nur eine Erfindung der wegen Hillarys Wahlniederlage frustrierten Demokraten sei. Übersetzt: Er gesteht ein, dass er mit der Absetzung des FBI-Chefs die “Kremlgate”-Ermittlungen abwürgen will. Juristisch übersetzt: Justizbehinderung.

Die Washington Post schrieb bereits resignierend: “Eines steht fest, dieser Präsident schert sich nicht um die Gesetze”.

Alle dachten schon, TGIF, Thank God it´s Friday, als Trump mit einem morgendlichen Meltdown auf Twitter in neue Frontiers des Wahnsinns vorstieß: Er suggerierte, dass er ein Treffen mit Comey abhören habe lassen und “Tapes” existieren würden. Dann drohte er dem Ex-FBI-Chef noch unverhohlen, sollte der nicht die Klappe halten. Das freilich wäre gleich der nächste Punkt bei der „Akte Impeachment“; Zeugeneinschüchterung.

(Dass Trump bei der Twitter-Tirade auch überlegte, die Presse-Briefings abschaffen, wurde zur Nebensache).

Erinnert wurde jedenfalls neuerlich durch die morgendliche Serie an Postings: Im Oval Office sitzt ein Mann, der fernab jeglicher mentaler Stabilität anzusiedeln ist.

Und Trumps Partei? Die ist auf Tauchstation…

Dieser Kommentar drückt die persönliche Meinungen des Autors aus.