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AmerikaReport bringt das “Irma-Tagebuch” von US-Korrespondenten Herbert Bauernebel, der vom Countdown zum Jahrhundert-Hurrikan ab sofort live aus Miami berichtet.   

Die berüchtigte “Rush Hour” bleibt in Miami diesen Freitagmorgen aus, die Freeways sind weitgehend leer, nur wenige Autos kurven auf den teils achtspurigen Stadtautobahnen.

Ich nehme Kurs auf South Beach, der weltberühmten Touristenmeile mit stilvollen Art-Deco-Hotels und coolen Bars. Die gesamte Urlauber-Destination jedoch wurde vor dem Eintreffen von Wirbelsturm Irma de facto zur Sperrzone erklärt. Der Bürgermeister Philip Levine verordnete Evakuierungsbefehle für die ganze Strand-Stadt. Mit schrillen Warnungen vor einem “atomaren Wirbelsturm” wollte er auch skeptische Bewohner zur Flucht bewegen.

In der Touristenmeile “Ocean Drive” befestigen Arbeiter Holz- und Wellblech-Platten an den Hoteleingängen. Man zeigt Galgenhumor: “Amigos”, wurde auf eine Speerholz-Platte gesprayt: “Wir sind nach Irma wieder geöffnet für Margaritas”.

Doch es herrscht immer noch Verwirrung: Drei deutsche Urlauber sitzen in der schwülen Hitze im Gras unter einer Palme inmitten ihrer Koffer und Gepäckstücke. Man habe sie wegen der Evakuierung einfach aus dem Hotel geworfen, jetzt warten sie auf den Sonder-Bus in die Notunterkünfte. Mehr wollen sie nicht erzählen. “Null Bock…” So hatten sie sich ihren Traumurlaub in Florida wohl nicht vorgestellt.

Scott Abraham jedoch will mit seiner Frau und zwei Kleinkindern während des Sturmes in seinem Apartment in South Beach ausharren. Er hätte das gemeinsam mit seiner Frau besprochen, erzählt er mir: “Unser Gebäude ist solide, wir wohnen in einer höheren Etage und haben genug Vorräte für ein paar Tage”. Angst habe er keine. Seine Frau jedoch sieht da weit besorgter aus.

Der breite, weiße Sandstrand am türkisfarbenen Atlantik ist komplett leer – sonst entspannen hier tausende unter bunten Sonnenschirmen.

Der “Life Guard” der “Ocean Rescue” macht gerade seinen hölzernen Aussichtsstand sturmfest. Er ist sich nicht sicher, ob er den nach dem Durchzug von Irma überhaupt noch vorfinden wird. “Bei der Flut kam das Wasser schon den halben Strand rauf”, sagt er.

Schlimmstenfalls könnte die Sturmflut wie ein Tsunami in Zeitlupe die ganze Miami-Beach-Halbinsel überfluten.

Eine Frau steht am Eingang zum Strand mit ihren zwei Dackeln, sie sieht verängstigt drein. Auch sie entschloss sich, zu bleiben: Doch sie scheint den Entschluss zu bereuen. Ihr Haus hat nur ein Obergeschoss, steigt die Flut höher, wäre ihr Leben akut in Gefahr. “Ich weiß nicht, was ich tun soll”, sagt die Frau. Sie sieht Hilfe suchend drein. Dabei müsste sie sich rasch entscheiden: Für eine Evakuierung bleiben nur mehr wenige Stunden. Am Horizont ziehen ominös die ersten Gewitterwolken auf.

Hinter mit fährt gerade ein weiterer Sonderbus mit dem Display “Evacuations” vor: Die gestrandete deutsche Familie steigt mit nun noch griesgrämigeren Gesichter ein. Sie wissen wohl: Die nächsten 40 Stunden im “Shelter” werden ein Albtraum sein.