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“Hat sie gewonnen?”, fragte meine Tochter Mia am Morgen. Sie hatte diesen hoffnungsvollen, neugierigen, aufgeregten Blick in den Augen, wie nur Kinder ihn haben. Lange war sie aufgeblieben an jenem Wahlabend des 8. November 2016, der als Zäsur in die US-Geschichte eingehen sollte – um es einmal so neutral wie möglich auszudrücken.

Sie war natürlich überzeugt, dass Hillary Clinton gewonnen hatte. Wer den sonst? Sie hatte sich im Wahlkampffinale anstecken lassen: Die erste Frau im Oval Office, das wäre für meine damals neunjährige Tochter schon ein Moment gewesen, an den sie sich für immer erinnert hätte.

Ich war gegen 5 Uhr nach Hause gekommen – müde, ausgelaugt, leer. Zuletzt wie in Trance hatte ich die Stunden davor miterlebt: Die ersten alarmierenden schlechten Resultate für die haushohe Favoritin, die plötzlich in die Höhe schnellenden Wahrscheinlichkeitsprognosen eines Sieges für den Außenseiter, seine Siegerrede, der Breaking-News-Banner auf CNN: „DONALD TRUMP WINS PRESIDENCY!”

“Nein”, sage ich zu meiner Tochter: “Trump hat gewonnen!”

Vielleicht hätte ich es ihr schonender beibringen sollen. “Was?”, ruft sie. Tränen kullern übers Gesicht. Fast verzweifelt fragte sie: “Wie konnte das passieren?” Ich habe keine Antworten. Niemand hatte die an diesem Morgen in Amerika. Wer wird diesen kollektiven Kater vergessen?

Ein Jahr ist es her – und es fühlt sich an, als wäre ein Jahrzehnt vergangen.

Als Journalist natürlich bescherte der Neue im Oval Office genug Stoff, keine Klagen hier.

Doch sonst waren die 365 Tage nichts als Dauerstress, eine Achterbahnfahrt an Emotionen – von Unglauben, Frust bis Resignation. Und das alles in Zeitlupe. Zurück bleibt fast nur mehr Erschöpfung, ein politischer “Burn-out”: Die endlosen Skandale, haarsträubenden Pannen, schockierenden Kommentare, das permanente kindische Getwittere mit dem Niveau eines Schulhof-Bullys und das oft beängstigende Drama im Oval Office haben die Aufnahmefähigkeit des menschlichen Gehirns längst gesprengt.

Einfach ausgelaugt, so könnte man das Gefühl beschreiben. Festplatte voll.

Bei den ständigen Unterhaltungen mit Freunden, Bekannten und Verwandten mag ich mir eigentlich selbst kaum mehr zuhören. So richtig öde ist auch das konstante Händeringen und Wehklagen auf CNN inmitten einer „Breaking News“-Orgie ohne Ende, das Dozieren der inquisitorischen Studio-Runden, wie eines Präsidenten unwürdig und noch nie dagewesen das Verhalten von Donald J. Trump wäre. Yeah, no kidding.

Wir sind am Weg ins Koma hier zum Jahrestag der Trump-Wahl.

Zugegeben, wenn der Mann nicht den Finger am Atomdrücker hätte, könnte man einige Episoden ja durchaus Unterhaltungswert zuschreiben: Die Wahnvorstellungen des Weißen Hauses von Millionen Menschen, die ihm am Kapitol zugejubelt hätten beim Amtsschwur. Die selbstzerstörerische Angeberei, als er  in einem TV-Interview offen und stolz zugab, dass er FBI-Chef James Comey selbst feuerte wegen der Russensache – und damit die Bestellung von FBI-Sonderermittler Bob Mueller und Ermittlungen wegen Justizbehinderung zusätzlich zu den “Kremlgate”-Untersuchungen provoziert hatte.

Und als Trump wenige Tage später auch noch zwei Top-Russen im Oval Office empfing und stolz wie ein Schuljunge an sie rapportierte, dass er jetzt mit dem Feuern von Comey den „Druck von der Russensache” genommen hätte (mit der Aktion hatte er tatsächlich endgültig Neuland in der Geschichte amerikanischer Präsidenten betreten).

Unvergessen auch die kindliche Aufgeregtheit, als er dem starken Präsidenten Chinas, Xi Jinping, beim Humer-Essen in Mar-a-Lago stolz die Treffsicherheit von “Cruise Missiles” erklärte, selbst, wie er staunte, nach hunderten Kilometern Flugstrecke (das freilich ist für aufmerksame TV-Zuseher seit dem ersten Golfkrieg Anfang der Neunziger kaum mehr wirklich an Aha-Erlebnis). Oder die Erkenntnis das Oberkommandierenden, dass es sich bei dem Hurrikan-verwüsteten Puerto Rico um eine Insel handelt, die, kaum zu glauben, von Wasser richtig umzingelt sei und zu der man Hilfslieferungen nicht per Lastwegen-Kolonnen auf den Weg machen könne.

Zwischendurch gab es natürlich auch immer wieder weit bösartigere Bemerkungen, wie etwa die Mär von den vielen wohlmeinenden Geschichtsinteressierten, die sich inmitten eines Fackelzuges von Neonazi-Recken in Charlottesville nur für den Erhalt historischer Statuen eingesetzt hätten.

Klar: Der Amerika-Great-Macher, der im Wahlkampf fast wie ein politischer Santa Claus den Menschen dieser großen Nation Sicherheit, Reichtum und Schönheit versprach, hat bisher wenig durchgebracht von seiner ultrarechten Agenda. Wäre Trump nicht so ein Stümper, man müsste die Lage noch bedenklicher beschreiben. Auch bleibt er der unbeliebteste Präsident seit 70 Jahren, was immerhin beweist, dass nicht das ganze Land den Verstand verloren hat.

Aber gleichzeitig wird hinter den Kusinen dereguliert, abgeschoben und das Ansehen des Präsidentenamts ruiniert – wahrscheinlich permanent. Durch die vielen Lügen und wahnwitzigen Verschwörungstheorien, die Trump und sein Team absondern, fühlt man sich oftmals fast schon so abgetaucht in ein düsteres Paralleluniversum wie das “Upside Down” im der Netflix-Kultserie “Stranger Things”.

Trotzdem entmutigend: Die “Firewall” namens amerikanischer Demokratie hat bisher Trumps autokratischen Instinkten standhalten – deshalb agiert er auch immer so gefrustet, wenn man ihm nicht so walten lässt, wie er gerne möchte. So viel Macht, so viele Pomp, so ein großer Privatflieger – und dennoch kann man lästigen TV-Sendern nicht einfach die Lizenz entziehen, unabhängige Richtern gängeln oder die immer bedrohlicheren FBI-Untersuchungen abwürgen.

Richtig neidisch könnte man da werden auf Erdogan, Putin, Duterte & Co..

Dennoch schleichen sich die Auswirkungen der Trump-Präsidentschaft immer bemerkbarer in den amerikanischen Alltag ein: Gerade erhielt ich einen Brief mit der Mitteilung, dass meine Krankenkasse nicht mehr unter “Obamacare” erhältlich ist. Es war die beste, die ich seit Jahren hatte. Trump unterdessen hatte sich fast diebisch gefreut, dass die Gesundheitsreform seines Vorgängers “implodiert”. Anstatt sie zu reparieren mit überparteilichen Ouvertüren, wie ein echter “Leader”, schlug er sich auf die Seite der radikalen Republikaner-Ideologen, für die nur Wohlhabende das Anrecht auf Gesundheitsvorsorge haben sollen.

Das Klima ist vergiftet wie noch nie in meinen 18 Jahren in den USA. Anstatt zusammenzustehen nach der Terrorattacke der Vorwoche, genau wie nach 9/11 auch, beschimpften fanatische Trump-Unterstützter mit einem Schild “CNN is ISIS” TV-Anchor Anderson Cooper einen Block vom Tatort des Massakers auf dem Fahrradweg.

Auch ich selbst muss mir bei Debatten immer öfter anhören: “Go back to Europe!” Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die neue “Amerika-First”-Trumpelite mit ihrem geballten Intellekt will ihre U-S-and-A nun offenbar auch von naseweisen Europäern säubern.

So schwer es ist, wir versuchen, unser Leben so normal wie möglich weiterzuführen, uns von dem ganz normalen Wahnsinn jeden Tag zu distanzieren – auch unseren Kids und Seelenheil zuliebe.

Meine Tochter schüttelt ohnehin immer verschmitzt lächelnd den Kopf, wenn wir doch wieder über Trump reden. “Was hat er denn jetzt schon wieder gemacht?”

Ja, so geht es wohl der ganzen Welt.

Dieser Kommentar drückt die persönliche Meinung des Autors Herbert Bauernebel aus.