Interviews 2002


# 2. Dezember: Irak-Ex-Inspektor Richard Butler: „Guter Start?“


Sind die angelaufenen Waffeninspektion im Iraq eine Farce?
Butler: Es ist ein guter Start, wenn man es als Strategie versteht, die Inspektionen langsam und nicht zu provokant anlaufen zu lassen. Man könnte aber auch das Gegenteil argumentieren: Wenn man glaubt, da gibt es ein Gebäude mit einer Atombombe – warum soll man dort nicht sofort hin? Ich akzeptiere, das es ein denkbarer Weg ist, vorsichtig zu starten und sich zu den härteren Brocken hochzuarbeiten. Ich teile jedoch keineswegs die zweite Annahme, die anscheinend lautet: Es ist o.k., wenn jedes Team von 50 Journalisten verfolgt wird – und alles eher einer schwarzen Komödie gleicht. Ich glaube an die freie Presse: Doch im Namen Gottes, die Bilder sind lächerlich! TV-Teams, die in Fabriken marschieren und den Manager filmen, der stolz lächelt: “Sehen sie? Ich habe nichts zu verbergen!”
Das Irakische Regime nützt das aus…
Butler: Natürlich. Der Irak hat immer mit Propaganda um die Weltmeinung gebuhlt, um den Tag hinauszuzögern, wo er seine Massenvernichtungswaffen aufgeben muss. Und der Irak hat Massenvernichtungswaffen, keine Frage! Wenn die sagen, das stimme nicht, dann lügen sie.
Wie sehr überschattet das Ziel der UNO, einen Krieg zu verhindern, die Nachhaltigkeit der laufenden Waffeninspektionen?
Butler: Das Kernziel der Resolution 1441 ist die Verhinderung des Krieges. Und wenn die Iraker sagen, es sei nur ein Vorwand für einen US-Angriff gegen den Irak, dann liegen sie komplett falsch. Es ist genau das Gegenteil. Es gibt viele in der US-Regierung, die nicht an die UNO glauben und Saddam lieber gleich militärisch entfernt hätten. Doch die USA ist, dank Colin Powell, vor die UNO getreten – und es hat fünf Wochen gedauert und dreier Entwürfe bedurft, um Frankreich und Russland an Bord zu bekommen. Und die wollen alle keinen Krieg. Die Hoffnung bleibt aufrecht, dass man den Job der Irak-Entwaffnung komplettieren kann, ohne Militärschläge. Die Iraker sind dumm: Wenn die Amerikaner Saddam Hussein weghaben wollten, brauchen sie keinen neuen Vorwand – davon gibt es schon in der Vergangenheit genug. Die Resolution 1441 wird funktionieren, wenn der Irak kooperiert – und keine dummen Spiele mehr spielt.
Wie groß ist die Gefahr, dass die Amerikaner letztendlich doch ohne UN-Genehmigung losschlagen?
Butler: Die Gefahr ist tatsächlich groß und alles bisher beobachtete unterstreicht das. Vor allem die Spiele der Iraker, alles vor den Medien austragen zu wollen, erhöht die Kriegsgefahr! Und auch die eines US-Alleinganges! Die Zeit für Games ist vorbei. Hat denn niemand dem US-Präsidenten zugehört? Man kann halten von ihm was man will, aber er ist der Präsident. Und der wiederholt fast täglich das Statement: Wenn die UNO den Irak nicht entwaffnet, werden es die Amerikaner tun. Er hat damit seine ganze politische Glaubwürdigkeit in die Waagschale geworfen – wenn er einen Rückzieher macht, ist er politisch erledigt. Finished! Die Iraker sollten ihn wirklich ernst nehmen.
Wird es Krieg geben?
Butler: Ich meine nicht, wie viele Leute sagen, dass ein Waffengang unvermeidlich ist. Aber es ist absolut sicher, dass die Amerikaner losschlagen, wenn der UNO-Prozess nicht funktioniert. Die Kernfrage ist eher der Auslöser: Wer beurteilt, dass die UNO versagt hat? Und wird es ein Urteil sein, dass die Menschen dieser Erde akzeptieren – oder werden sie es als amerikanische Manipulation sehen. Der Krieg kann abgewendet werden. Doch die Iraker müssen ihre Position verstehen: Sie werden entwaffnet, entweder von der UNO oder den USA. Sie leben am gleichen Planeten wie wir, und die Lage ist kristallklar.
Wie hilfreich sind Jörg Haiders Treffen mit Saddam Hussein?
Butler: Diese Reise war das Letzte, wirklich das Allerletzte. Da ist der von der Spitze seiner Partei zurückgetreten, um den internationalen Druck abzuschwächen, um zu sagen: Die Sanktionen gegen Österreich waren falsch, ich bin nicht diese verrückte, rechtsextreme Figur, für die ihr mich haltet. Und was macht er dann? Eine persönliche Visite beim größten Massenmörder seit Hitler? Saddam Hussein ist wahrscheinlich für den Tod von einer Million Menschen verantwortlich. Die Österreicher haben ihm bei den Wahlen jedenfalls die Rechnung präsentiert und ihm die Tür gezeigt.

# 4. April: Salaman Rushdie: „Ich vermisse den 10. September…“

Rushdie
Salman Rushdie beim Fotoshoot in Midtown Manhattan

Heute vor einem halben Jahr krachten Jumbo-Jets in das World Trade Center – wo waren sie in diesen bitteren Stunden?
Rushdie: Meine Novelle „Wut“ hatte als offizielles Erscheinungsdatum den 11. September – ich war auf Buch-Tour in Houston, Texas. Ein Produzent rief mich an: „Dreh den Fernseher auf!“ Ich sah den zweiten Jumbo in den Tower krachen, den Kollaps der Türme, das Chaos. Ich bin vor dem TV-Gerät gestanden, gebannt, habe mich kein einziges Mal hingesetzt. Es schien unangebracht, zu sitzen. Dann saß ich dreieinhalb Tage fest in Houston, was ich niemandem wünsche….
Warum hat niemand das tödliche Potential des islamischen Fundamentalismus – sie wurden selbst Opfer davon – erkannt?
Rushdie: Man hat es erkannt, doch ignoriert! Das ist die größte Lehre aus dem 11. September. Und niemand dachte, dass eine Attacke in diesem Ausmaß möglich ist. Durch frühere Anschläge, auch auf das Trade Center 1993 wussten wir, was diese Leute wollen. Auch die Geheimdienste haben versagt, weil sie in ihrer Struktur noch in der Welt des Kalten Krieges gefangen sind.
Hat es sie selbst überrascht – immerhin sind sie nach den „Satanischen Versen“ auf der Todesliste dieser Fanatiker?
Rusdhie: Die pervertierte Brillianz der Attacke war überraschend, diese Low-Tech-Brillianz, der Einsatz von Teppich-Messern, Jumbos als Bomben…
Wut spielt im New York das Jahres 2000, reich, am Höhepunkt seiner Macht, oft obszön, ein wenig arrogant, voller Yuppies – wundern sie sich heute über ihre eigene Novelle?
Rushdie: Es wirkt eigenartig, natürlich. Mein Lieblings-Cartoon-Charakter sagte kürzlich: „Ich vermisse den 10. September…“ So denken viele: Die Unbekümmertheit, die vielen Dinge, an die wir nicht denken mussten, jetzt aber sehr wohl. Ich wollte zweierlei erreichen: Mein Portrait New Yorks sollte den Lesern Freude durch den unmittelbaren Wiedererkennungswert bringen, aber auch – langfristig – ein Zeugnis dieses einzigartigen „goldenen Zeitlaters“ abgeben. Ich hatte diesen Drang, den Instinkt, diesen Höhepunkt-Moment der Metropole niederzusschreiben. Wenn man am Gipfel ist, kann es nur mehr bergab gehen – die Dramatik konnte ich jedoch nicht voraussehen.
Die Macht New Yorks wird mit der Roms während des Römischen Reiches verglichen…
Rushdie: Es gibt heute nur eine große Macht in dieser Welt (die Chinesen teilen diese Meinung vielleicht nicht…) seit dem Ende des Kalten Krieges. New York ist das Zentrum der Welt – wie einmal Paris, oder London, oder auch Wien. Jede Epoche hat eine bestimmte Stadt als Radachse.
Wie gefährlich ist jedoch eine derartige Machtfülle der USA – militärisch, wirtschaftlich, kulturell?
Rushdie: Imperien beeindrucken mich generell nicht, wuchs ich doch auf im gerade vom britischen Empire befreiten Bombay, Indien. Letztendlich setzen sich die Völker zur Wehr. Doch der Kollaps der Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges waren ein gute Sache, zurück blieb aber nur eine wahre Supermacht. Außerdem sind es jetzt gerade mal 12 Jahre, historisch betrachtet ein Augenzwinkern.
Löste der 11. September einen Krieg der Kulturen aus?
Rushdie: Dazu bräuchte man zwei homogene Kulturen, zwei geschlossene Hemisphären. Doch Debatten gibt es in der westlichen Welt, besonders angeregt zwischen den USA und Europa, als auch innerhalb der Moslemstaaten. Welcher Staat etwa hasste die Taliban am meisten? Der Iran. Und der Iran hasst den Irak, und der Irak hasst Syrien, und Saudiarabien alle anderen. Das ist keine homogene Front, die mit einer anderen zusammenkrachen könnte. Die Konflikte innerhalb der Kultur-Sphären sind interessanter als die gegeneinander. Osama bin Laden wollte ja den Kulturen-Krieg und hat sich verspekuliert: Es gab keinen Dschihad gegen den Westen, keine Revolutionen in der moslemischen Welt.
Dafür erregen sich die Gemüter in Europa umsomehr…
Rushdie: Das ist wohl auch die Angst der Europäer, kulturell zum US-Bundesstaat zu verkommen. Für mich ist das Unbegründet: Ein paar MacDonalds-Buden machen einen Österreicher ja nicht zum Amerikaner. Europas Staaten sind zu fest verwurzelt, um aus der Bahn geworfen zu werden, wenn ihre Bevölkerung „Gap“-Klamotten trägt. Wichtiger sind die Fragen der Globalisierung, denen wir uns stellen müssen: Dashalb ist die Anti-Globalisierungs-Lobby am Holzweg, weil sie die Globalisierung zurückdrehen möchte, was ja nicht mehr geht. Die Frage ist, wie Ressourcen fortan gerechter verteilt werden können. Die Debatten in der moslemischen Welt passieren auf viel niedrigerem Niveau. Auch weil die Medien oft geknebelt sind und es einen viel höheren Grad an Disinformation gibt. Und dann gibt es die Paranoiden, die für alle eigenen Fehler außerhalb nach Sündenböcken suchen – allen voran die USA. Ich bin sehr pessemistisch: Kritiker, die ich wegen ihres Mutes bewundere, finden meist kaum Zuhörer.
Günther Grass, und andere europäsische Künstler kritisieren die Amerikaner wortgewaltig, sie teilen deren Meinung nicht.
Rushdie: Grass ist ein alter Freund, und ich respektiere seine Ansichten. Er war ein großer Kämpfer über eine lange Zeit, warum soll er sich jetzt zur Ruhe setzen? Ich jedoch begrüße die Aktionen in Afghanistan, weil es mit, etwa dem Fall der Taliban, nicht wegzudebatierende Erfolge gibt. Und es wurden uns auch die Augen geöffnet, wie sehr das Land in ein Terror-Zentrum verwandelt worden war. Das war ja kein Hafen für Al-Qaida, sondern die regierten das Land. Und der Bevölkerung Afghanistans scheint, trotz aller Vorbehalte von Europas Intellektuellen, das Ergebnis zu gefallen. Skeptischer bin ich jedoch bei der zweiten Phase des Terror-Krieges: Ich bin kein Feind der „Achse des Bösen“, natürlich. Politiker sollten keine absoluten moralischen Konzepte verwenden – wie „evil“. Ein Krieg gegen das Böse ist auch nicht zu gewinnen. Die Frage ist mehr: Gibt es andere Staaten auf dieser Erde, die zu Terror-Zentren werden können wie Afghanistan? Und wie können wir uns künftig gegen derartige Attacken schützen? Zur Zeit haben wir für beide Fragen keine brauchbaren Anwtorten – und bis wir die haben, bin ich dagegen, weitere Schlachten zu suchen.
Wer ist Osama bin Laden, ein Monster, ein neuer Hitler, ein Vorwand für amerikanische Machterweiterung?
Rushdie: Er ist kein Vorwand, sicherlich. Und für einen neuen Hitler ist er zu wenig mächtig. Er ist ein Massenmörder, jemand der über dem Tod von 3.000 Leuten, inklusive seiner eigenen, lacht. Und es geht ihm nur um seine eigene Macht, um das Schicksal der Palästinenser kümmert sich der einen Dreck.
Wie wichtig ist es, ihn zu fassen?
Rushdie: Sehr wichtig – und sie werden ihn kriegen. Wir leben in einer ungeduldigen Zeit: Wenn was nicht in zwei Wochen klappt, dann ist es bereits ein Versagen.
In einer Episode in „Wut“ wird der Hauptdarsteller, Professor Solanka, aus einem „Wiener Kaffeehaus“ in New York geworfen – und er freut sich sogar über die „ehrliche Unfreundlichkeit“ eines Österreichers. Sie haben viele Freunde dort…
Rushdie: Die Szene spielt im „Cafe Mozart“, einer perfekten Kopie eines Wiener Kaffeehauses, außer, dass bis auf die Besitzerin alle Angestellten Hispanics sind…
Sie wurden dort aber nicht rausgeworfen?
Rushdie: Nein, natürlich nicht. Ich lernte den damaligen Kunstminister Scholten kennen, und wurde herumgereicht und machte rasch Freunde, wie Heller, Turini. Und dann durfte ich teilnehmen an einem der wichtigsten Momente der Wiener Stadtgeschichte am Heldenplatz. Faszinierend an Österreich ist seine gespaltene Gesellschaft: Der Aufstieg der extremen Rechten hat die liberale Gegenbewegung gezwungen, dem mehr leidenschaftlich Paroli zu bieten. Weil es plötzlich einen „richtigen Feind“ gab. Um es schlicht auszudrücken: Weil die „Bad Guys“ so „bad“ sind, wurden die „Good guys“ „better“ – kanalisierten ihre Leidenschaften. Deshalb machte ich dort viele Freunde.
Sie erwähnen Jörg Haider in ihrem Buch…
Rushdie: Die Lage in Europa ist unterschiedlich: Le Pen in Frankreich, etwa, ist am Abstellgleis, dafür gibt es Erfolge der Rechten in Italien. Doch am gefährlichsten ist es in Österreich, weil sie am dichtesten zur Macht sind, als Teil der Regierung. Deshalb sehe ich Österreich mit größter Sorge, da dieses krypto-faschistische Bewegung in der Lage ist, Entscheidungen auf Staatseben zu treffen. Die Frage ist nur, ob das Einspannen in eine Koalition deren Benehmen moderieren wird.
Jörg Haider ist gerade von einem Treffen mit Saddam Hussein zurückgekehrt…
Rushdie: Da haben sie es…
Sie haben einmal gesat, die „Fatwa“, Khomeinis Todesurteil, ist wie das Gefangensein in einem schlechten Roman. Wie „normal“ leben sie jetzt?
Rushdie: Die Fatwa ist nicht mehr Teil meines Lebens, das existiert jetzt mehr in den Köpfen anderer Leute. Ich führe das normale Leben eines Schriftstellers: Ich gebe Lesung, sitze hier mit ihnen zum Interview.
Werden sie ihre Erfahrungen niederschreiben?
Rushdie: Einerseits schiebe ich es vor mir her und es fließt immer wieder in meine Bücher ein – und das ist faszinierender, oppulenter als es einfach auf- und wegzuschreiben. Vielleicht veröffentliche ich eine Kollage all der Dinge, die ich während dieser langen Jahre niedergeschrieben habe.
Wie viel der Wut Solankas über New York ist die ihre?
Rushdie: Nicht sehr viel. Solanka kommt nach New York, um vor sich selbst davonzulaufen. Doch man kann nicht davonlaufen, ohne sich selbst mitzubringen. Ich hingegen bin vor nichts davongelaufen, sondern wollte hierherziehen. Solankas Kritik an Amerika ist härter, als ich sie sehe. Er ist ein alter Griesgram.
An was erinnert sie New York?
Rushdie: An meinen Geburtsort Bombay. Beide Städte sind auf Halbinseln, dicht gedrängt, Skyscraper, kosmopolitisch – und Teile New Yorks erinnert mich an die Dritte Welt. Wir sitzen hier in diesem Büro in Midtown, alles ist schön und wohlhabend – doch bereits am Dach sieht es aus wie in Bangladesch, samt der vergammelten Infrastruktur anderswo, aber ich liebe es.
Tuen einige der weniger wohlwollenden Kritiken weh?
Rushdie: Niemand mag schlechte Kritiken. Aber ich habe mich nun endlich von den Buch-Kritiken befreien können. Ich schere mich einen Dreck darum. Das war nicht immer so, vor drei Jahren habe ich mich noch in den guten und schlechten Beurteilungen emotionell verstricken lassen. Jetzt brauchen mir die Verleger nicht einmal mehr die guten Kritiken zusenden…
Das Internet spielt eine Rolle in Wut – wie hat und wird es ihr Leben als Autor verändern?
Rushdie: Ich verwende es enthusiastisch als Recherche-Instrument. Jetzt gehe ich zur „Google“-Suchmaschine, anstatt in die Bibliothek oder Buchhandlung. Viele Autoren haben ausprobiert, wie man das neue Medium verwenden kann – bisher alles nicht überzeugend. Es ist ein neues Medium, dem man keine alten Konzepte aufsetzen kann. Im Internet kann man etwa, wie Solanka in Wut, eine Geschichte auch via Hyperlinks seitwärts erzählen, anstatt dem linearen durch Durchblättern der Seiten eines Buches. Stephen King wollte Ideen des 19. Jahrhunderts umsetzen, Folgen im Monatsrhytmus zum download bereits stellen. Die richtigen Konzepte werden von jungen Leuten kommen, die mit dem Medium aufgewachsen sind. Ich bin bereits steckengeblieben mit meinen gebundenen Büchern.

# 12. März: Joe Klein: „Na der braucht reden!“


Sie stellen in ihrem jüngsten Buch “The Natural” Ex-Präsident Bill Clinton ein gemischtes Zeugnis aus.
Klein: Wir kennen alle seine negativen Seiten, sein Skandale, sein zögerliche Aussenpolitik. Man vergisst aber leicht seine innenpolitischen Erfolge, die man vor allem gegenüber Europäern hervorheben sollte, besonders vor dem EU-Treffen über ökonomische Liberalisierung: Clinton war Präsdient für acht Jahre und hat nur eine einzige neue Bürokratie geschaffen, ein Hilfsprogramm namens “Americorps”. Seine Erfolge mit der “Working Poor” oder bessere Ausbildung für die Mittelschicht erreichte er ausschließlich mit “Tax Credits”, Steuer-Erleichterungen. Das war die ursprüngliche Intention des nun berühmten “Dritten Wegs”, der Verwendung konservativer Methoden zum Erreichen liberaler Ziele.
Wie erfolgreich wurde das in Europa kopiert?
Klein: Gar nicht. Europa ist nachwievor gefangen in seinen anachronistischen Industriezeitalter-Wohlfahrtsstaaten. Clinton realisierte, dass sich die Globalisierung nicht mehr aufhalten ließ, und an sich eine gute Sache ist. 1992, als es den Deutschen und Japaner echt gut ging, und uns nicht, wurde vermittelt, dass uns unsere ethnische Vielfalt benachteiligen würde. Clinton hat stets darauf gepocht, dass die ethnische Diversität eine Stärke und keine Schwäche ist. Und er hat recht beahlten.
Wie sehr hat er seine eigene Präsidentschaft durch die Dauerskandale selbst ramponiert? Sogar Michael Gorbatschow hat jetzt über vergeudete Chancen bei der Etablierung einer neuen Weltordnung lamentiert…
Klein: Na, der braucht reden, der hatte selbst eine Riesenchance und konnte seinen eigenen Marxismus nicht überwinden… Erstens wurde Clinton durch etwas gebremst, für das er nichts kann: In Zeiten von Frieden und Wohlstand ist es sehr schwer, dramatische Entscheidungen der Regierung durchzusetzen. Was ihn selbst frustrierte – er ist ja der mit Abstand talentierteste Politiker, den ich kenne. Er konnte diese Talente durch das Fehlen nationaler oder internationaler Krisen nie ausspielen. Und zweites gab es die Skandale, die jedoch mehr wegen der Wucht der Strafverfolgung als der schwere der Verbrechen in Erinnerung bleiben werden. Dazu war er natürlich auch bemerkenswert dämlich und unbekümmert.
Wie sehr hat der 11. September sein Polit-Erbe demoliert?
Klein: Da spielte der Lewinsky-Skandal direkt hinein. Das FBI war in einem derart desolatem Zustand, dass er Direktor Louis Freeh eigentlich feuern hätte müssen – jedoch wegen der Untersuchungen nicht konnte. Deshalb hatten es vielleicht einige der Terroristen leichter. Und Clinton war zu abgelenkt, um wirklich gegen Osama bin Laden loszuschlagen.

911-Gedenken
Patriotismus am 9/11-Jahrestag: Gore hätte man bloß 48 Stunden gegeben…

Gelten ähnliche Konsequenzen auch für den Nahen Osten?
Klein: Viele denken, die beste Politik war die Illusion eines Friedenspozesses: Ein sehr langsames Vorgehen nach dem Oslo-Plan mit sehr kleinen Schritten – bis sich beide Seiten derart an ein relativ friedliches Zusammenleben gewöhnt haben, bis mehr geht. Clinton habe zu sehr gedrängt, um noch in seiner Amtsperiode einen Deal zu erhalten. Er hat vor allem Arafat überfordert, dessen Ablehnen dann die rechten Kräfte in Isreal beflügelte mit ihrem Argument, die Palästinenser würden niemals Frieden wollen und die Isrealis ins Meer treiben.
Welche Zukunft hat Clinton und die Clintons, als mysteriösestes Ehepaar des Planeten?
Klein: Er wird jetzt mal seine Memoieren schreiben, und das wird hart genug, weil er immer vier Sachen gleichzeitig machen will. Man kann kein Buch schreiben und gleichzeitig ein Kreuzworträtsel lösen. Er ist der veilleicht unterbeschäftigste Mensch der Erde, und das könnte leicht zu weiteren Skandalen führen. Er macht immer Blödsinn wenn ihm langweilig ist. In Sachen Clinton-Ehe glaube ich alles: Ich glaube, er geht fremd, ich glaube, sie streiten wie Hähne, ich glaube, sie sind verrückt nach einander, im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt politisch keinen Grund mehr, warum sie noch zusammen sind. Und trotzdem sind sie ein Paar. Hillary muss es gelingen, auch bei Arbeiterinnen gut anzukommen und nicht nur Power-Frauen.
Wie bewährt sich George Bush?
Klein: Ebenfalls eine gemischte Bilanz: Er ist sehr erfolgreich in Afghanistan, aber extrem provokant gegenüber unseren Verbündeten. Es gibt keinen Grund für diese Rhetorik und den ganzen “Wir-machen-das-alleine”-Kram, den wir hören. Hingegen gibt es viele Gründe, den Kampf gegen den Terrorismus weiterzutreiben, trotz vieler Bedenken der Europäer. Innenpolitisch hat er bisher versagt: Er hat den Budgetüberschuss durch Steuersenkungen für die Reichen vergeudet, anstatt unser Pensionssystem zu reparieren. Seine Energie- und Umweltpolitik ist weniger als wertlos, besonders in einem Moment, wo die Amerikaner bereit wären, Opfer zu bringen, um weniger abhängig vom Öl des Nahen Ostens zu sein. Und seine Entscheidung für Stahl-Zölle zeigt uns, wie sehr wir der Clinton-Ära nachweinen sollten.
Die Europäer sind nicht besonders happy mit der Vorgangsweise der Amerikaner im Anti-Terrorkrieg und im Allgemeinen dieser Tage…
Klein: Europa hat seine eigenen Troubles: Da gibt es all diese ethnisch puren Länder, die von oben und unten bedroht werden – von oben aus Brüssel, in Sachen Aufgabe der Souveränität, von unten in Sachen Immigration, die sich jeder dort so gerne wegwünscht. Und wenn man sieht, wie gut wir in den USA Heteriogänität gemeistert haben, sind vielleicht viele neidisch und zorning – wie auch über unsere Prosperität. Der Durchschnittsamerikaner produziert immerhin 64 Prozent mehr an Bruttsozialprodukt. Dem wird oft begegnet mit Lamentieren über die Armen in den USA. Nun ja, wir sind vielleicht ein wenig roher, dafür aber auch um einiges vitaler.
Was wäre passiert am 11. September unter Präsident Al Gore?
Klein: Es wäre viel härter gewesen, den Kongress hinter sich zu bringen. Die Republikaner sind um so viel intoleranter gegenüber den Demokraten – bis ins echt unpatriotische. Die Demokraten hingegen stellten sich sofort hinter den Präsidenten und gaben ihm drei Wochen für das Darlegen seiner Strategie. Al Gore hätte nicht mal 24 Stunden bekommen, bevor man auf ihn eingetrommelt hätte: “Du Feigling! Wann bombardierts du endlich Afghanistan!”

# 7. März: Raimund Abraham: „Gebe mein Geburtsrecht auf“

Sie haben aus Protest die österreichische Staatsbürgerschaft zurückgelegt. Könnten sie ihre Beweggründe erläuern?
Abraham: Da gibt es nichts zu erläuern. Ich habe vor zwei Jahren, als die Regierung gebildet wurde, gesagt, dass das ein Verrat an der Würde der Republik ist und ich meine Staatsbürgerschaft zurücklege – bis die Freiheitliche Partei aus der Regierung verschwunden ist. Es hat nur so lange gedauert, bis ich die amerikanische bekommen habe…
Sie haben gleich nach der Regierungsbildung um die US-Staatsbürgerschaft angesucht? War das schwierig?
Abraham: Keineswegs, es dauert halt sehr lange.
Muss mein beim Antrag einen Grund einführen, warum man Amerikaner werden will?
Abraham: Ich bin seit 38 Jahren hier in Amerika. Das klingt plausibel genug.
Hat die österreichische Republik eine Chance, sie wieder zurückzubekommen?
Abraham: Sobald die FPÖ aus der Regierung ausscheidet, werde ich sie wieder zurückverlangen…
Ist das technisch möglich?
Abraham: Das ist technisch möglich! Ich gebe ja auch nicht mein Geburtsrecht auf, nur weil ich einen anderen Pass habe und nicht mehr Österreicher bin.
Wurden sie durch die jüngsten Aufregungen über Haider, Beispiel Saddam-Hussein-Treffen, bestärkt in ihrem Beschluss, ihre Staatsbürgeschaft an den Nagel zu hängen?
Abraham: Es hat sich seither nichts geändert. Ich habe damals gesagt, mich interessiert eigentlich der Haider nicht, aber seine Partei in die Regierung zu nehmen, war ein Verrat an der Würde der Republik.
Dass sie gleichzeitig hier in New York das von Staat finanzierte “Austrian Cultural Forum” errichtet haben, ist kein Widerspruch.
Abraham: Das ist ja nicht ein Gebäude der Regierung sondern der Republik Österreich. Und meine Position ist für Österreich und nicht gegen Österreich. Aber mein Österreich besteht aus der absolut heroischen Vergangenheit des Liechtenstein und Freud und Schönberg und Berg und Nietsch. Das ist mein Österreich. Und für dieses Österreich habe ich dieses Gebäude errichtet.
Die Regierung ist das Resultat einer demokratischen Wahl und einer Koalitionsbildung.
Abraham: Mein erster Bauherr war der damalige Aussenminister Mock, der im politischen Spektrum auf der absoluten Gegenseite von mir steht – und wir hatten ein absolut respektables und professionelles Verhältnis. Das ist eine persönliche Stellungnahme von mir, mein eigenes Gewissen: Nachdem ich der Architekt der Republik bin für dieses Gebäude, musste ich eine Stellungnahme abgeben.
Bundeskanzler Schüssel kam dennoch in den Genuss einer persönlichen Führung durch das Gebäude…
Abraham: Ja, natürlich. Das habe ich bewusst gemacht. Ich habe ihm aber auch klar gemacht, dass sich meine politische Position nicht geändert hat. Das war ein Zeichen des Respekts für den Bundeskanzler der Republik Österreich, die auch den Mut hat, dieses Gebäude zu bauen.
Wie fühlt man sich als frischgebackener US-Bürger?
Abraham: Ich wollte das ja nicht so auf die große Glocke hängen, das hat die “New York Times” getan.

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