# 16. Dezember: Julia-Roberts-Biograf Spada: „Tristesse ihrer Jugend“


Was waren die überraschendsten Ergebnisse ihrer Roberts-Recherchen?
Spada: Vor allem die Tristesse ihre Jugend. Mutter und Vater ließen sich scheiden als sie vier Jahre alt war, es gab schlimmen Streit, ihr Vater war ein sehr komplizierter Mann, er hatte jungen Schauspielern in einem Workshop geholfen, war, und das hat bisher noch niemand veröffentlich, bisexuell – und machte sich an die jungen Schauspieler heran. Die Mutter wollte nicht, das er die Kinder jemals wieder sieht, und er musste um jeden Besuch kämpfen. Selbst seine Geschenke behielt sie zurück, Julia dachte deshalb, dass ihr Dad sie nicht liebe und als er an Krebs starb, hatte ihnen die Mutter niemals mitgeteilt, dass er krank war und Julia hatte ihn nicht einmal im Spital besucht. Ihr Stiefvater misshandelte ihren Bruder Erik – und wahrscheinlich auch Julia. Sie hat niemals ein Wort über ihren Vater verloren, eine Indikation, dass ihr Verhältnis zu ihm mehr als unangenehm war.
Haben ihre desolaten Familienverhältnisse ihre Karriere beeinflusst?
Spada: Es machte sie, besonders zu Beginn ihrer Karriere, enorm unsicher und wenig selbstbewusst. Und sie zeigt teils regelrecht wirres Verhalten. Und sie war richtig Boycrazy. Eine Zimmerkollegin während sie einen ihrer erste Filme drehte sagte, dass sei eine Nacht mit einem der Szenen-Beleuchter verbrachte, die nächste mit einem Soundtechniker. Und dann hatte sie natürlich eine Serie von Liebschaften mit führenden Hollywood-Männern, Liam Neeson, Kiefer Sutherland, wo sie bereits verlobt kurz vor der Hochzeit kalte Füße bekam. Der Grund dafür könnte in ihrer Furcht vor zu viel Intimität in einer Beziehung liegen, etwas, dass sie in ihrer Familie niemals zu sehen bekam. Ihr wurde niemals gezeigt, dass Beziehungen gut und lang andauernd sein können. Und dann hat sie echte Probleme mit ihrem Selbstbewusstsein, und das ist niemals gut für eine Beziehung.
Sind diese Probleme, wie wenig Selbstbewusstsein, immer noch auffällig?
Spada: Sie hat vieles überwunden. Doch ganz verliert man so etwas nie. Ich hatte geglaubt, dass sie mit Benjamin Bratt ihr wahre Liebe gefunden hatte, es war ihre längste Beziehung – und er war anders, als ihre Boy-Friend-Vorgänger, kein „Bad Boy“-Image. Doch dann kam natürlich ihre Affäre mit dem Kameramann Danny Moder, ihrem heutigen Gatten, ein Zeichen, dass die „alte Julia“ wieder zugeschlagen hatte.
Damit zerstörte sie gleich zwei Beziehungen, ihre eigene und die zwischen Danny und seiner Frau Vera.
Spada: Sie hat den ersten Schritt gesetzt. Sie sah ihn ohne T-Shirt am Set, verschwitzt, und er ist ein gut gebauter, gut aussehender Mann. Und sie sprach ihn an, danach, erzählt er, hinterließ sie eine eindeutige Nachricht in ihrem Drehbuch an ihn…
So funktioniert das Anbandeln am Drehset?
Spada: … sie ist offensichtlich nicht scheu! Und ein Freund von Danny erzählte, dass er sich niemals hatte vorstellen können, eine Affäre am Drehset zu haben – und schon gar nicht mit einer der Stars. Das heißt, hätte sie nicht angebandelt, wäre es niemals zu dieser Beziehung gekommen.
Hat sie seine Ehe zerstört?
Spada: Die Details darüber sind widersprüchlich. Er habe ihr erklärt, dass seine Beziehung praktisch gescheitert sei, doch zur gleichen Zeit schenkte er Vera einen Ring und schwor ewige Liebe. Die Frage ist, ob eine gesunde Beziehung durch jemand anderen zerstört werden kann? Wahrscheinlich nicht.
Wie lange hatte die Affäre gedauert?
Spada: Ein Jahr lang. Und sie wurde natürlich rasch zum Top-Thema in den Tabloids. Und da nutzt Julia die Medien für sich, obwohl sie sich sonst immer so bitter beschwert über Journalisten: Als Vera eine Scheidung hinauszögerte, trug Julia das berühmte T-Shirt „AlowVera“, doppeldeutig für den Namen einer Pflanze oder „eine tiefe Vera“ für die Taktik von Dannys Frau. Vera musste das als Warnung verstanden haben: Da kämpft dieser mächtige, reiche Hollywood-Star gegen mich, die mich in der Öffentlichkeit fertig machen kann.
Wie gut kann ein Beziehung sein, die mit Untreue beginnt?
Spada: Dannys Freunde haben ihn gewarnt, dass ihm rasch das gleiche Schicksal wie ihre Vorgänger ereilen könnte. Und er fortan eine Gattin habe, der er nicht vertrauen könne. Doch, so seine Bewohnerin des Apartmentkomplexes, wo sie sich während der Affäre trafen, sagt, Julia schien ihm völlig ergeben zu sein, regelrecht süchtig nach ihm. Sie würde ihn anstarren, mit einem Blick des Verlangens! Als sich die Frau und Danny beim Mistkübelausleeren zufällig trafen und kurz plauderten, erschien fünf Minuten später Julia um zu sehen, was los ist. Es scheint als misstrauen sie sich beide ein wenig. Aber ich habe nichts über eine immanente Krise in deren Ehe gehört, theoretisch könnten sie für immer zusammen bleiben. Er ist ein attraktiver Mann, aber sie hatte einige der attraktivsten in Hollywood und es hat nicht gehalten.
Wann wir mit „Pretty Baby“ rechnen?
Spada: Ich habe keine Beweise, dass sie unfruchtbar ist, aber es scheint wahrscheinlich. Sie ist jetzt fast 37 Jahre alt und hatte, trotz mehrmals geäußerten Babywunsch, niemals eine Schwangerschaft. Ein Frau die zweimal verheiratet ist und andauernd den Wunsch nach einer Familie äußert, lügt entweder oder ist unfruchtbar.
Was macht Julia Roberts zum Superstar?
Spada: Ihre Persönlichkeits-Trademark scheint zu sein, dass sie sich als das „nette Mädchen von Nebenan“ ausgibt. Nett, lustig, feiert gerne, ist ein echtes Party Girl. Die Leute bewundern sie! Besonders Leute, die sie kennen – aber auch ihre Fans, die mögen was sie sehen. Eine enorm gut aussehende Frau, mit perfekter Figur, fantastischen Haaren, wie ein perfektes Abbild eines Menschen – doch gleichzeitig wirkt sie nahbar, einfach, jemand mit dem man ein Bier haben kann als Freund.
Viele ihrer Fans wissen das nicht, aber sie macht sich in Interviews oft einen Spaß daraus Journalisten zu erniedrigen…
Spada: Viele glauben, dass sie generell den Umgang mit der Presse scheut, ihr misstraut, weil sie oft nicht gut behandelt wird. Doch das trifft für viele Stars zu – und die rächen sich auch nicht an der Filmpresse. Es könnte auch Unsicherheit sein. Doch sie kann die Presse auch für ihre Zwecke nützen, wie man am Beispiel ihres Krieges gegen Dannys Frau gesehen hat. Zuletzt trat sie auf zur Bewerbung ihres Filmes „The Mona Lisa Smile“ in Wellesley, Massachusetts, und machte abfällige Bemerkungen über die Stadt. So was tut man nicht, es ist ungezogen und widerspricht den Attributen einer Hollywood-Göttin, wie sie ihre Fans verehren. Aber sie ist eine widersprüchliche Person.
Wohin kann sie ihre Karriere noch führen?
Spada: Sie scheint zusehens ernstere Filme zu machen. Erin Brockovic, Mona Lisa Smile etwa. Damit will sie wohl von der Serie der Popcorn-Filme wegkommen. Aber sie hat ihr Potential als Schauspielerin noch nicht voll entfaltet – und das muss sie, wenn sie in die Liga der unsterblichen Hollywoodgöttinnen aufsteigen will, wie Betty Davis, die alle Arten von Charaktären spielte. Julia ist einer bestimmten Formel treu geblieben, sie spielt immer praktisch sich selbst. Als sie das erstmals bei Erin Brockovic nicht machte, waren alle so erstaunt, dass sie gleich einen Oscar bekam… Sie muss als überzeugende Schauspielerin noch den Beweis antreten. „Pretty Woman“ wird nicht mehr lange klappen.

# 16. Dezember: Ex-CNN-Anchor Bernie Shaw: „Keine Befriedung des Irak“

Sie haben Saddam Hussein interviewt – was ging durch ihren Kopf, als sie diese unglaublichen TV-Bilder eines zerzausten, verwahrlosten Mannes in einem Erdloch sahen?
Shaw: Ich erinnerte mich sofort an meine damaligen Eindrücke, was für eine eitle, stets auf sein Aussehen bedachte Person er als Diktator war. Er verstand, mit seiner Kleidung zu beeindrucken. Wie ein stolzer Pfau, jede Haarsträhne in Position, seine Fingernägel manikürt. Die Bilder vom Sonntag waren natürlich ein brutaler Kontrast.
Wird seine Festnahme einen Einfluss auf den Guerilla-Krieg haben? War er ein Symbol oder geht es eher um die Besatzung?
Shaw: Es ist wohl eine Kombination vieler Faktoren. Saddam hat sicher hohen Symbolwert. Doch den hatten auch seine Söhne, und dessen Ausschaltung – trotz ihrer sogar strategischen Rolle innerhalb der Aufständischen – hat den Irak keinesfalls befriedet. Wenn wir in den nächsten Wochen jedoch tatsächlich eine Abnahme der Terror-Aktivitäten sehen, dann war Saddams Verhaftung tatsächlich der Wendepunkt. Trotzdem wird die Gewalt für Jahre weitergehen, und es sind nicht nur die Amerikaner als Besatzer – auch der interne Konflikte zwischen den Volksgruppen und die Tradition der Iraker als Jäger und stolze Waffenbesitzer tragen zur Unstabilität bei.
Saddam zeigt in erste Verhören keine Reue. Was kann die Welt von ihm in einem Prozess erwarten?
Shaw: In seinem Ego ist eine Atombombe eingeschlagen. Und er wird versuchen, sich vehement zu verteidigen. Er ist immer noch am Leben und er sieht sich als großer arabischer Held – er wird versuchen, dieses Image zu retten. Sofort hat er die Ermordung seiner Gegner verteidigt, gesagt die wären alle Diebe gewesen.
Wie wichtig ist es, dass die Iraker ihm den Prozess machen?
Shaw: Monumental wichtig. Idealerweise sollte er vor ein öffentliches Geschworengericht, wahrscheinlicher ist es jedoch, das ihn ein Gremium auserwählter Richter aburteilen wird. In den Köpfen der Iraker lebt Saddam als dominante, bedrohende Figur weiter. Und es ist wichtig für sie, einen symbolischen Teil dieses Mannes zu bekommen.
Hat die Festnahme Saddam Husseins die USA sicherer gemacht, wie Präsident Bush behauptet?
Shaw: Keinesfalls. Es gibt immer noch hunderte Zellen in den USA, die auf das Zuschlagen warten – und ich bin überzeugt, dass wir wieder angegriffen werden.

# 25. März: Hans Blix: „Türe ins Gesicht geschlagen!“

Blix

Stars in Österreich und Deutschland schlagen sie bereits für den Friedensnobelpreis vor…
Blix: Ich fühle mich geehrt. Aber es ist doch nur natürlich, nach einer friedlichen Lösung zu suchen. Und ich bin enttäuscht, dass wir nicht länger bleiben und unsere Arbeit zu Ende führen konnten. Wir bekamen die Türe vor unseren Nasen zugeschlagen, nach einer zu kurzen Zeit.
Sie standen monatelang im globalen Rampenlicht. Jetzt sind die TV-Teams abgezogen, es ist ruhig in ihrem Büro – was machen sie jetzt?
Blix: Wir haben immer noch unser Mandat. Unsere Operationen sind suspendiert, doch wir bewahren unsere Bereitschaft, jederzeit wieder altiv werden zu können – falls uns der Sicherheitsrat wieder braucht. Gleichzeitig machen jetzt die US-Truppen Jagd nach Massenvernichtungswaffen, und können Dinge tun, die uns verwehrt blieben – Interviews mit Wissenschaftlern ohne Regierungsdruck zum Beispiel. Vielleicht finden sie was. Wir verfolgen das natürlich mit Spannung. Oder vielleicht bittet uns jemand, als unabhängige Gruppe Ergebnisse zu verifizieren. Und wir haben noch einige Reports fertigzustellen, füttern unsere Datenbanken mit Informationen.
Hat die US-Regierung um Informationen gebeten?
Blix: Nein. Ich hatte sogar, kurz vor der Entscheidung, in den Kreig zu ziehen, das Gefühl, dass sie unsere Arbeit irritierte. Sie haben versucht, von uns Wunschresultate zu erhalten. Wenn immer wir das nicht tun konnten, gab es Kritik. Wir hatten immer versucht, ehrlich zu sein, und ein repräsentatives Bild der Realitäten zu geben. Und viele haben unsere Glaubwürdigkeit auch anerkannt.
Hat es die USA jemals ernst gemeint mit der Chance einer friedlichen Entwaffnung des Irak?
Blix: Die USA ist ein großes Konzept: Es ist klar, dass es wichtige Leute innerhalb dieser Administration gibt, die Waffeninspektionen als unnotwendigen Umweg sahen. Verantwortlich ist jedoch der Präsident – und ich glaube, er war ehrlich, als er seine Rede vor der UNO hielt, meinte es ernst, als die erste Resolution verabschiedet wurde. Und sie haben auch geholfen, indem sie ihre Macht hinter uns stellten. Doch nach dreieinhalb Monaten ließ man durchklingen, dass der Prozess nicht zu den gewünschten Resultaten führt. Doch das ist ein ziehmlich kurze Zeit.
Gab es Druck auf Sie seitens der US-Regierung?
Blix: Kommt darauf an, was man unter Druck versteht: Jeder versucht, sich Gehör zu verschaffen – wie auch die Russen, oder Franzosen. Mein Mandat erhielt ich vom Sicherheitsrat: Ich höre mir gerne andere Meinungen an, doch handle dann meinem eigenen Gewissen folgend. Wenn der Druck zu groß wird, kann ich mich zurückziehen – ich mache diesen Job ja nicht aus existenziellen Gründen.
Stellen Sie sich, während Bomben auf Bagdad fallen, manchmal selbstkritische Fragen: Was hätte ich anders machen können, um den Krieg doch zu verhindern?
Blix: Wir hätten die Irakern früher wachrütteln sollen, wie ernst die Lage ist. Die glaubten zu lange, dass sie ihre alten Spielchen fortführen können: Ihr erster 12.000-Seiten-Report war ein Zusammenstückeln alter Berichte, kaum neues. Wir hätten ihnen vielleicht mehr verständlich machen müssen, dass sie sich auf offene Fragen konzentrieren sollen: Wenn ihr die Waffen habt, legt sie auf den Tisch – das ist zwar peinlich, aber es gibt mehr zu gewinnen, als zu verlieren. Oder gebt uns besser Beweise, dass Bestände nicht existieren oder vernichtet wurden. Erst gegen Ende wurden sie kooperativer. Da war es wohl schon zu spät.
Sie hätten ihren Job in Monaten zu Ende bringen können?
Blix: Eine irakische Kooperation vorausgesetzt, ja. Zumindest hätten wir einen sehr detaillierten Bericht vorlegen können, als fundierte Grundlage für weitere Entscheidungen in Sachen Irak.
Warum war der Irak nicht kooperativer angesichts des massiven Truppenaufmarsches?
Blix: Vielleicht glaubten sie, sie seien so geschickt beim Verstecken der Dinge, dass man nie etwas finden werde – oder sie haben all diese Waffen tatsächlich nicht. Bald werden wir es genau wissen.
Haben sie in den ersten Kriegstagen Meldungen in Sachen Massenvernichtungswaffen gehört, die sie überraschen?
Blix: Ich höre Meldungen von “illegalen Scuds”, deren Einsatz sich nicht bestätigen ließ, dann gab es Berichte über schwer bewachte Chemiefabriken. Nichts konkretes bisher.
Ihr Vorgänger Richard Butler hält es für sicher, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt?
Blix: Seine Meinung basiert auf seiner Erfahrung im Umgang mit dem Regime. Nach dem Motto: Die haben Dinge in der Vergangenheit versteckt, die sind böse – und deshalb kann es nur den einen Schluss geben. Ich bin vorsichtiger. Ich will lieber eher wie ein Anwalt in einem Gerichtssaal agieren und aufgrund von Beweisen urteilen.
Aussenminister Colin Powell hat eine lange Liste von Anklagepunkten vorgelegt…
Blix: Da gab es wohl auch einige Punkte, wo wir seine Beurteilung nicht teilen – wir hinterfragen mögliche Beweise auch wesentlich kritischer. Doch es war mutig, dass er seinen Fall vor der UNO dargelegt hat.
Haben ihnen die US-Geheimdienste bei ihrer Suche geholfen?
Blix: Von allen Orten, zu denen man uns geschickt hatte, gab es nur drei, wo wir Waffen fanden – und auch die waren keine illegalen Massenvernichtunsgwaffen. Das ist ein ärmliches Resultat, muss ich sagen! Ich hoffe, die Amerikaner haben uns alle Örtlichkeiten gegeben, die sie hatten. Wäre interessant zu beobachten, ob sie jetzt Orte untersuchen, über die uns nichts gesagt wurde…
Die USA hat sie attackiert wegen der Drone, die sie nicht in ihrer mündlichen Präsentation erwähnt haben…
Blix: So ein Unsinn, die waren weder illegal noch gab es Beweise, dass sie zur Verteilung von biologischen oder chemischen Stoffen verwendet werden sollen. Die waren wohl zu sehr beschäftigt, die sechs unentschlossen UN-Sicherheitsratsmitglieder zu überzeugen.
Wird der Irak Massenvernichtsungswaffen einsetzen?
Blix: Er würde die gesamte Weltöffentlichkeit gegen sich aufbringen. Für ihn ist das Image enorm wichtig. Er sieht sich als arabischer Held. Seine Reputation ist ihm wichtig – sogar angesichts des Todes.
Welchen Eindruck hatten sie von ihren Irakischen Verhandlungspartnern?
Blix: Anders als meine Vorgänger, die sich Dreistunden-Lektionen von Tarik Azis anhören mussten, basierten unsere Verhandlungen auf professionellem Niveau. Ob sie ehrlich zu uns waren, ist eine andere Frage. Ärgerlich sind jedich Headlines wie “Die Diplomatie ist vorbei, jetzt schlägt die Stunde der Wahrheit”. Diplomatie ist nicht des Verbreiten von Lügen, ich sicherlich würde das niemals tun. Manchmal kann man nicht alles sagen. Die Iraker verloren ihre Glaubwürdigkeit 1991, als sie über ihr Atomwaffenprogramm logen – sie haben sich davon nie wieder erholt.
Als sie die Maschine mit ihren Inspektionen in Bagdad abheben sahen – was ging durch ihren Kopf?
Blix: Ich bin froh, dass alle rauskonnten, die Iraker hatten ihnen auch geholfen. Wir haben in kürzester Zeit ein sehr effektives, internationales Inspektions-Regime etabliert – dreieinhalb Monate waren jedoch zu wenig Zeit. Und ich glaube auch nicht, dass das in der UN-Resolution 1441 so gemeint war…
Was bedeutet der Irak-Krieg ohne ausdrückliches Mandat für die UNO?
Blix: Der 11. September verdeutlichte die Gefahren internationaler Terrorgruppen – und überzeugten die US-Regierung davon, dass man nicht werten könne, wie Condolezza Rice es formuliert, ein Pilzwolke in den Himmel steigt. Doch mein fester Glaube ist es, dass die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zuerst durch Sicherheitspolitik unterbunden werden sollte.

# 19. März: CNN-Anchor Bernie Show: „Die Erde wankt“


Wie kann die erste Bombennacht auf Bagdad aussehen. Welche Erinnerungen sind von ihrem Einsatz 1991 geblieben?
Shaw: Es sind niederschmetternde Eindrücke: Die Erde wankt, die Luft ist verschmutzt mit Partikel zerstörter oder brennender Ziele. Dein Gehirn ist durchsetzt mit Angst, der Angst getötet zu werden. Im Krieg bist du einen Moment am Leben, den nächsten tot.
Wie schützen sich die Zivilisten dieser Millionenstadt, besonders angesichts des schlimmsten Bombardements der jüngsten Menschheitsgechichte?
Shaw: Sie ducken sich so nahe zum Boden wie möglich. Niemand geht auf die Straße. Sie hoffen, dass die Bomben nicht auf ihre Häuser fallen sondern auf militärische Ziele.
Was haben sie vor zwölf Jahren an Kolleteralschaden gesehen?
Shaw: Unsere Bewegungsfreiheit war enorm eingeschränkt. Das habe wir auch stets berichtet. Wir hatten kaum die Möglichkeit, nahe zerstörter Ziele oder Nachbarschaften zu gelangen.
Die meisten US-Medien haben ihre Reporter aus Badgag abgezogen – war das die richtige Entscheidung?
Shaw: Keine Story ist den Verlust eines Journalistenlebens wert. Doch die Entscheidung ist enorm schwer: Einerseits soll über diesen Krieg berichtet werden, anderseits wird das Leben deiner Leute gefährdet.
Was sind die Hauptgefahren von Reportern, die in Bagdad zurückbleiben?
Shaw: Die tatsächlich größte Gefahr ist der Zusammenbruch von Recht und Ordnung. Vergessen Sie nicht: Wenn der Krieg beginnt, esaklieren in den Menschen Emotionen und Ängste, Wut, Sucht nach Rache. Bagdad ist eine Stadt mit sechs Millionen Einwohnern. Die meisten sind bewaffnet. Dazu kommt eine kulturelle Passion für Gewehre, einer Tradition des Schießens und Jagens – und die Iraker sind exzellente Jäger. Und wenn Polizisten und Soldaten sich Sorgen um ihr eigenes Leben machen und ihre Posten verlassen, dann bricht blankes Chaos aus. Das wird das Leben der Journalisten enorm gefähreden, die auf den Schutz der irakischen Autoritäten angewiesen sind. Meine größte Angst ist, dass aufgebrachte Bürger Westerners lynchen. Australier, Amerikaner, Briten auf den Straßen von Bagdad? Mit keinerlei Schutz ihrer eigenen Regierungen? Und die irakische Regierung kämpft ums Überleben. Die Sicherheit von Ausländern hat keine Priorität.
Was wird diesen Krieg vom ersten Golfkrieg unterscheiden?
Shaw: Die Intensität der Bombardierungen, der sofortige Einsatz von Bodentruppen – damals war ja ein Sturm auf Bagdad nie geplant.
Glaubt Saddam Hussein, dass er auch diesemal irgendwie überleben kann?
Shaw: Der Mann ist ein Überlebenskünstler. Doch diesmal ist alles anders, keine Frage. Seine Strategie wird sein: So lange am Leben zu bleiben, wie irgendwie möglich.
Die USA hat es nicht geschafft, eine Mehrheit im UN-Sicherheitsrat für eine explizite Autorisierung des Irak-Krieg zu erhalten…
Shaw: Einige der fünf permanenten Mitglieder haben das mit ihren Veto-Drohungen verhindert. Leute vergessen, dass durch die einstimmige Mehrheit für die erste UN-Resolution 1441 die Anwendung von Gewalt authorisiert worden war.

# 9. Februar: Holocaust-Verhandler Stuart Eizenstat: „Professionelle Verhandler“

Sie haben mit einem halbem Dutzend Staaten in Sachen NS-Wiedergutmachung verhandelt – wie haben sich die Österreicher geschlagen?
Eizenstat: Österreich hatten sich offenbar geschworen, auch über Dinge, die im deutschen Vergleich hart umkämpft waren, hinauszugehen: Sie boten Zahlungen in neuen Kategorien im Sklavenarbeitervergleich an, wie Kinder von Sklavenarbeitern oder Schwangere. Die schwierigeren Verhandlungen waren über die Restitutionsforderungen wie Immobilien, weil Österreich glaubte, dass das durch sechs Nachkriegsgesetze schon gelöst worden wäre. Aber die Beziehung zu den Verhandlern war immer professionell und auf gegenseitigem Respekt beruhend. Mit den Schweizern haben wir ja nicht einmal mit der Regierung verhandeln dürfen…
Was wären ihre Wünsche an eine neue österreichische Regierung?
Eizenstat: Ich hoffe, die Holocaust-Ausbildung wird Teil des Schulsystems, und dass die Regierung die Indentifizierung von Kunstgegenständen vorantreibt, sodass mit der Ausbezahlung begonnen werden kann. Weiters wünsche ich mir die Anerkennung der erstaunlichen Fakten der Jabloner-Kommission – und dass man Geld findet, um den Erhalt der kleinen jüdischen Gemeinde in Wien zu sichern. Österreich soll an diesem fröhlicheren Kapitel seiner Geschichte während der Verhandlungen anschließen um all diese Dinge vorantreiben.
Kann es neue Verhandlungsrunden geben?
Eizenstat: Nein, keinesfalls. Der Sinn war, ein Ende aller NS-Ansprüche herbeizuführen.
In New York liegt noch eine Klage auf, durch die der Restitutionsdeal auf Eis liegt…
Eizenstat: Das ist eine nicht akzeptable Verzögerung! Die US-Regierung und die österreichische wollen, das dieses Verfahren niedergeschlagen wird.
Das Verfahren wird auch von der Kultusgemeinde unterstützt…
Eizenstat: Dadurch werden die Zahlungen für so viele andere aufgehalten. Aber es liegt auch an Österreich, seinen Verpflichtungen gegenüber der Kultusgemeinde nachzukommen. Nicht als Kondition für die Niederschlagung des Verfahrens, sonder aus moralischen Gründen.
Was ist ihre Position bei dem Verfahren in Los Angeles bezüglich der Klimt-Bilder?
Eizenstat: Ich hoffe, dass es hier einen Vergleich gibt, der beide Seiten zufriedenstellt. Flexibilität auf beiden Seiten ist gefragt und ein Engagement der höchsten Regierungsstellen.
Welche Rolle haben die Anwälte in den Verhandlungen gespielt…
Eizenstat: Sie waren sicher Schlüsselspieler, trotz interner Streitereien. Enige spielten eine konstruktive Rolle, doch die, die ihre Klagen immer noch fortführen, agieren destruktiv. Und die Anwälte haben erlaubt, ihre Kosten auf bloß ein Prozent der Gesamtsumme festzusetzen – ein sehr geringer Anteil, da in vielen Verfahren bis zu 30 Prozent ausbezahlt wird.
Sie haben sechs Jahre verhandelt und acht Milliarden Dollar insgesamt erhalten – was waren die härtesten Momente?
Eizenstat: Überrascht hat mich das Ausmaß mit dem Deutsche und Österreicher mit Sklavenarbeitern ihre Fabriken in Gang gehalten haben, um ihre eigenen Arbeiter an die Front zu schicken. Dann die Rolle der Schweizer als Banker des Dritten Reiches samt dem Akzeptieren des geraubten Goldes, das indirekt wieder der deutschen Wirtschaft zu gute kam. Und dann haben sie nur einen kleinen Teil des Goldes zurückgegeben. Ich habe vier internationale Konferenzen initiiert, an denen 40 Staaten teilnahmen, es wurden Historikerkommission in 21 Ländern eingesetzt – nach 50 Jahren ist es uns gelungen, Nazi-Verbrechen in das Gewissen der Welt zurückzurufen.
Ihr Verhandlungspartner Wolfgang Schüssel hat zuletzt die Wahlen in Österreich gewonnen…
Eizenstat: Das überrascht mich keineswegs. Sein Verhandlungsgeschick war herausragend, einer der besten Staatenführer, mit denen ich zu tun hatte, und das waren sehr viele. Dieses kleine Land kann froh sein, ein derartigen Weltklasse-Politiker zu haben – zielstrebig, ein cleverer Verhandler, der sein Karten immer bis zuletzt verdeckt hielt. All das machte ihn zu einem formidablen Gegenspieler.

# 30. Jänner: Peter Arnett: „Krieg in den Städten“

Während sich die Medien für einen möglichen Irak-Krieg vorbereiten, erinnert sich die Welt an ihre Eindrücke vor 12 Jahren…
Arnett: Das war tatsächlich ein einzigartiger Moment: Zum ersten Mal konnte eine TV-Station eine globale Audienz erreichen. Und dann war das Irak-Regime schlau genug, den Wert der Medienberichte über den Krieg zu erkennen: Die Welt sollte wissen, dass Bagdad bombardiert wurde, die Bomben neben Militärinstallationen auch Zivilisten treffen. Deshalb erhielten wir auch einzigartigen Zugang. Wir hatten eine Weltaudienz und ein angegriffenes Land, das die Berichterstattung zuließ – das war ein einzigartiger Moment in der Mediengeschichte!
Ein einzigartiger Moment für die Medien, wohl auch ein angsteinflößender für Sie persönlich und ihrer Crew?
Arnett: Niemand konnte sich ausmahlen, wie die angekündigte „Bombardierung Bagdads“ aussehen konnte. Und dann waren wir im Al-Rasheed-Hotel, Downtown, ganz nahe an den Regierungsgebäuden, die dann alle von Bomben zerstört wurden. Es war ohrenbetäubend, nervenzerfetzend. Wir wussten: Das Pentagon würde das Hotel nicht direkt ins Visier nehmen. Aber wir hatten doch Angst vor dem, was man später als Kolleteralschaden bezeichnet hätte… Und einmal ist ja das Hotel auch tatsächlich irrtümlich getroffen worden. Wir waren in der Schusslinie, erst nach ein paar Nächten gewöhnten wir uns daran, dass 2000-Pfund-Bomben im Nebenblock einschlugen und nicht bei uns. Und dann wussten wir um den historischen Moment und machten einfach weiter: Wir saßen mitten im größten Bombardement der Geschichte und konnten live senden – sicher der aufregenste Moment in meiner Karriere.
Sie haben auch Saddam Hussen damals interviewt – was mag in ihm vorgehen?
Arnett: Das war sicher das wichtigste Interview meines Lebens, zehn Tage nach Kriegsbeginn, wo er sagte: Ich werden nicht aufgeben, ich werden keine Massenvernichtungswaffen einsetzen, ich will Frieden. Was denkt er jetzt? Er sieht es wohl als Pokerspiel: Er will, dass die Welt Präsident Bush derart unter Druck setzt, dass ein Krieg verhindert wird. Und er glaubt wohl auch, an der Macht bleiben zu können. Wir werden in den kommenden Wochen auch mehr Kooperation sehen: Er wird die Wissenschaftler reden oder die U2-Spionage-Fllugzeuge fliegen lassen. Er will den Krieg so unpopulär wie möglich machen.
Wie akkurat ist Kriegsberichterstattung mit all der Zensur der Militärs und des „Gastlandes“?
Arnett: In den letzten 25 Jahren wurden von allen Armeen der Welt, besonders der amerikanischen, derart strikte Reglements installiert, dass eine wirkliche Berichterstattung unmöglich geworden ist. Im Golfkrieg wurde sie praktisch ausgeschlossen auf der amerikanischen Seite, so auch in Afghanistan, Kosovo. Die Isrealis erlauben kaum Berichterstattung, sogar in Afrika wollen Rebellen-Armeen keine Reports – und auch nicht die Russen in Tschetschenien. Kriegsreporter ziehen deshalb auf eigene Faust los und geraten zwischen die Fronten. Deshalb sterben heute so viele Journalisten! In Vietnam, oder in Weltkrieg Eins und Zwei begleiteten sie die Truppen, fuhren mit in Lastwagen, in Panzern. Die Militärplaner wollen heute keine peinliche Geschichten – die Einschränkungen gibt es keinesfalls wegen „nationaler Sicherheitsbedenken“, das ist Unsinn! Regierungen wollen keine Reports über Übergriffe, gar Kriegsverbrechen.
Das Pentagon hat jetzt mehr Zugang versprochen…
Arnett: Die geplante Einbettung der Reporter in die Truppen ist ein erster positiver Schritt, das angebotene Training für den Kriegseinsatz ebenfalls. Das alles funktioniert jedoch nur, wenn das Pentagon den Journalisten erlaubt, zu berichten was sie sehen: Wenn es keinen unmittelbaren Zugang zu Kommunikationseinrichtungen gibt, können später nur „alte Hüte“ berichtet werden – Stories, die eine Woche alt sind, helfen nur Buchautoren.
Ist die amerikanische Presse zu unkritisch gegenüber der US-Regierung?
Arnett: Es ist inzwischen ausgewogener als gleich nach dem 11. September, wo in Sachen Patriotismus wohl übers Ziel geschossen wurde. Doch „Nine-Eleven“ passierte in New York, wo praktisch alle Medien ihre Zentralen haben, vor dessen Redaktionsgebäuden die Twin Towers zusammenkrachten. Und diese Emotionen waren monatelang zu spüren: Es ist schwer neutral zu bleiben, wenn eigene Freunde in deiner eigenen City ermordert werden. Journalisten waren wütend. Doch jetzt wird auch wieder ausführlich über Friedensdemos oder die europäische Unzufriedenheit berichtet. Und auch über die enormen Gefahren eines Irak-Angriffes.
Was wäre bei einem neuen Golfkrieg anders?
Arnett: Durch den beabsichtigten Regimewechsel muss der Krieg in die Städte getragen werden, die müssen rein nach Basra, Mosul, Bagdad. Das wird ein Mann-zu-Mann-Krieg, Block für Block. Einige irakische Militäreinheiten werden vielleicht schnell aufgeben, andere werden kämpfen. Und die Iraker werden sich im Keller verschanzen und keinesfalls zum Sturm auf Saddam ansetzen, weil sie Angst vor dem Chaos danach haben. Es wird ein enormes Blutvergießen geben. Und die Welt wird es sehen: Es sind ja jetzt viel mehr Medien im Irak als damals – ein paar hundert, und alle können live senden!
Kann auch Al-Dschasira diesmal einen Unterschied machen?
Arnett: Kaum. Die arabischen Networks haben ja bisher bereits unser Material übernommen und es mit eigenen Kommentaren eingefärbt. Al-Dschasira ist sicher antiamerikanischer als westliche Stationen, aber so ist auch jede andere TV-Station von Kairo bis Beirut.
Was ist mit Osama bin Laden passiert, den sie 1997 als erster westlicher Journalist interviewt haben?
Arnett: Es scheint klar, dass er das US-Bombardement in Afghanistan überlebt hat und sich wohl jetzt in der Grenzregion in Pakistan aufhält, nahe Quetta vielleicht, in einer Provinz mit einer Al-Qaida-freundlichen Bevölkerung, die ja auch als Geburtsstätte der Taliban gilt. Er verhält sich still, weil er nicht getötet werden will. Die Jagd gegen Al-Qaida ist ja sehr effizient, und die Gefahr seiner Festnahme groß. Die Amerikaner suchen ihn, die Pakistanis auch. Seine Führerrolle ist deshalb auch limitiert. Er könnte jedoch bald wieder auftauchen, per Videoband oder Anschlag – und er bleibt eine enorm gefährliche Person.
Kommt es zum Krieg im Irak?
Arnett: Keine Frage. Außer Saddam und seine Regierung treten zurück und gehen ins Exil. Aber selbst dann, werden US-Truppen in das Land einmarschieren, um die Stabilität zu garantieren.

# 14. Jänner: Naom Chompsky: „Einschränkung der Bürgerrechte als Doktrin“

Gibt es Krieg im Irak?
Chomsky: Präsident Bush arrangiert Dinge so, dass es keine Alternative zu geben scheint. Es soll der Eindruck entstehen, dass ein Rückzug sehr schwer möglich ist. Obwohl sie wissen, wie unpopulär dieser Krieg ist – besonders in der Region, in Europa, aber auch hier in den USA.
Hat Bush den Amerikanern überhaupt bereits ausreichend erklärt, warum Bagdad angegriffen werden soll?
Chomsky: Er hat ihnen sicherlich Angst gemacht. Nach dem Motto: Wenn er nicht durch uns zerstört wird, dann wird er uns zerstören. Wir sind ja tatsächlich des einzige Land der Erde, das wirklich Angst vor Saddam Hussein hat. Überall sonst wird er gehasst, aber es fürchtet sich niemand. Und je näher zum Irak desto geringer scheint die Sorge: Niemand in Europa hat schlaflose Nächte darüber, dass Saddam eine Atombombe dort abwerfen könnte. Hier spricht die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice von einer „Pilz-Wolke“ – um Leute zu schrecken. Die Verantwortlichen sind ja meist recykelt von der Reagan-Regierung: Und das ist deren Natur, das ist, was sie während der Achtziger gemacht haben – mit Slogans wie „die nicaraguianische Armee marschiert in Richtung Texas“ oder „die Sowjets werden uns von Basen in Grenada aus bombardieren“. Alles zur Ablenkung von innenpolitischen Programmen, die in der Bevölkerung recht unpopulär waren. Und genau das gleiche passiert jetzt auch.
Geht es im Irak nur um Öl?
Chomsky: Wenn immer es um diese Region geht steht drüber Öl geschrieben. Wir wollen die Kontrolle wiedererlangen über die zweitgrößten Ölreserven der Welt. Was das Timing betrifft, ist der 11. September wohl nur der Vorwand für diese aggressive Politik unter dem Deckmantel des Krieges gegen den Terror, nicht nur durch die USA, auch von Russland in Tschetschenien etwa. Und dann begann letzten September plötzlich das Getrommle einer unmittelbaren Bedrohung durch den Irak – zwei Monate vor den Midterm-Kongresswahlen. Und es hat gut funktioniert: Sicherheit triumphiert über andere Sorgen wie die Wirtschaft.
Ist die Friedensbewegung in den USA angeschlagen?
Chomsky: Keineswegs. So eine Ausmaß des Widerstandes hat es in der ganzen Geschichte der USA noch nicht gegeben! Der Protest ist ja bereits massiv, bevor der Krieg überhaupt begonnen hat. Beispiel Vietnam: Jahrelange Bombardierungen inklusive C-Waffen der US-Militärs in Südvietnam interessierten hier zunächst niemanden – erst später formierte sich eine mächtige Bewegung gegen den Krieg.
Wann ist Krieg gerechtfertigt? Als Reaktion auf den 11. September etwa in Afghanistan?
Chomsky: Zu Beginn der Bombardierungen kündigte der Präsident an, dass die Afghanen so lange bombardiert werden, bis sie die mutmaßlichen Verantwortlichen für die Tragödie preisgeben. Monate später gaben Geheimdienste zu, nur zu glauben, dass der Plot in Afghanistan ausgebrütet worden war und dann in Deutschland weiterentwickelt. Aber das gilt bis heute nur als Vermutung: Und das soll einen Krieg gegen ein Land rechtfertigen?
Wie wäre Ihre Reaktion gewesen?
Chomsky: Verbrechensbekämpfung, wie das Ausheben der Al-Qaida-Zelle in Deutschland. Die Anschläge waren kriminelle Akte und sollten auch als solche verfolgt werden: Ermittlungen, Ausforschung der Schuldigen und deren Verhaftung – auch mit Gewalt natürlich aber in Übereinstimmung mit internationalem Recht. Danach ein faires Gerichtsverfahren. Der Effekt auf Al-Qaida in Afghanistan war ja nicht besonders groß, anders das Ausheben der Zelle in Deutschland mit Polizeimethoden. Und dann bleiben natürlich immer die Hintergründe für diese Verbrechen. Das haben die Briten in Nordirland gelernt: Solange sie mit Gewalt angekämpft haben, erhielten sie mehr Gewalt retour. Erst als die Hintergründe des Hasses adressiert wurden, gab es Fortschritte.
Wie stark werden unter dem Namen Terrorbekämpfung die Bürgerrechte in den USA eingeschränkt im historischem Kontext?
Chomsky: Einzigartig ist, dass die Bush-Administration die Einschränkung der Bürgerrechte als Doktrin ansieht. Nicht das es Rückschläge zuvor gegeben hätte, wenn man denkt an den „Red Scare“ nach dem ersten Weltkrieg etwa. Aber es ist zum ersten Mal, dass die Regierung sich das Recht auf eine Einschränkung der Bürgerrechte herausnimmt. Noch niemand hat bisher jemand ohne Anklage, unendlich und ohne Zugang zu Anwälten verschwinden lassen. Der Grund dafür hat nichts mit dem Krieg gegen den Terror zu tun: Das ist eine enorm reaktionäre Regierung, die die Bevölkerung disziplinieren und kontrollieren will, um ihre aggressiven innenpolitischen Programme durchzusetzen.
Überrascht es Sie, dass viele US-Liberale ins Lager der Kriegstreiber übergewechselt sind?
Chomsky: Intellektuelle unterstützen stets mehrheitlich den Krieg, dass war immer so – im ersten, im zweiten Weltkrieg, in Vietnam. Der Widerstand kommt meist aus der Bevölkerung oder aus Wirtschaftskreisen, wenn es pragmatische Argumente gegen einen Krieg gibt.

# 15. Jänner: Interview Zbigniew Brzezinski: „Im Fadenkreuz des Terrors“

Wie gefährlich ist ein Alleingang der USA gegen den Irak?
Brzezinski: Ein Alleingang bedeutet, erstens, eine weitere Schwächung der internationalen Zusammenarbeit und ist sehr ungesund für das ganze internationale System. Zweitens würde ein Anstieg der Ressentiments gegen Amerika es noch weiter ins Fadenkreuz des Terrorismus bringen. Drittens drohten unvorhersehbare Konsequenzen für den ganzen Nahen Osten. Und obendrein könnte der Widerstand der Irakes stimulieren werden, da es Symphatien unter den Staaten der Region sowie europäischen Kritikern amerikanischen Unilateralismus orten. Ein Alleingang der USA würde alle diese Risiken maximieren. Der ist nur dann unumgänglich, wenn sich das Irakische Regime widersetzt und die UN paralysiert ist.
Wie sehr geht es hier wirklich bloß um Öl? Oder sind es geo-strategische Interessen?
Brzezinski: Bei jeder Polit-Strategie ziehen innerhalb jeder Administration viele Interessensgruppen in viele Richtungen, mit unterschiedlichen Motiven für jedes Argument. Eine Erklärung, die auf einem Einzelfaktor basiert, ist deshalb nicht möglich.
Sollte der Krieg gegen Al-Qaida nicht zu Ende geführt werden, bevor man neue Ziele anvisiert?
Brzezinski: Damit stimme ich nur bedingt überein. Die Wahl neuer Ziele hängt davon ab, wie gefährlich sie letztendlich sind. Ich bin wie Mr. Bush der Ansicht, dass es Probleme mit dem Irak gibt und er sich über UN-Resoultion bisher hinwegsetzte. Dem muss man die Stirn bieten, auch wenn es kollektiver militärischer Gewalt bedarf. Ich glaube nur nicht, dass das einen US-Alleingang rechtfertigt.
Wie läuft der Krieg gegen Al-Qaida?
Brzezinski: Der Krieg gegen die Taliban ist gut gegangen, und wenige würden sagen, dass der Krieg selbst so schlecht verläuft. Die Frage ist mehr: Wie engagiert sind wir wirklich und für wie lange? Ich denke, wir werden etwa sehr lange in Afghanistan bleiben müssen und der Stabilisierungprozess des Landes wird lange und kompliziert werden.
Sie haben argumentiert, dass Amerika die Hintergründe für den Hass vieler in den Moslemstaaten adressieren sollte…
Brzezinski: Man muss sich ernsthaft fragen: Was sind die politischen Motive für den Hass gegen Amerika? Die “Washington Post” veröffentlichte kürzlich eine sehr detaillierte Meinungsumfrage im Nahen Osten. Die Headline war, dass die US-Politik den Hass kreiert – und die Story behandelte die Ergebnisse mit einem hohen Maß an Überraschung. Das ist ein Beweis des Grades des Unwillens hier, einfache Realitäten zur Kenntnis nehmen zu wollen. Und Amerika wird besonders gehasst wegen dem Mangel an Engagement, einen dauerhaften Frieden zwischen Israelis und Palästinensern herbeizuführen. Die US-Medien sprechen das auch nur sehr sporadisch an. Die gängigste Erklärung ist: “Die Moslems hassen uns, weil sie Freiheit hassen”. Oder unsere westliche Kultur. Oder andere vage Abstraktionen. Tatsächlich ist es natürlich die starke Rolle der USA in einem Polit-Konflikt im Nahen Osten.