# 12. Dezember: Swanee Hunt: „Möchte die Hoffnung nicht aufgeben…“


Steuert Bush in den nächsten vier Jahren noch weiter nach rechts – oder wird er moderater regieren, um sich einen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern?
Hunt: Die Kernfrage ist, ob Bush selbst so konservativ ist wie seine Politik, oder ob er bisher den rechten Rand befriedigte, um wiedergewählt zu werden. So portraitieren es jedenfalls moderate Republikaner, mit denen ich zu tun habe und die selbst nichts gegen Schwulenehen haben oder das Recht der Frauen auf Abtreibung keineswegs in Frage stellen wollen. Vieles deutet auf einen Machtkampf innerhalb der Konservativen hin, mit bisherigen Etappensiegen gegen die extreme Rechte: Amerikas UN-Botschafter Danford hat gerade Kofi Annan unterstützt, obwohl die Rechten seinen Kopf forderten; der wegen seiner Unterstützung für Abtreibungsrechte ins Kreuzfeuer geratene Senator Arlen Specter konnte seinen Posten als Vorsitzender des Justizausschusses retten – und dann wurde die Revolte innerhalb der Republikaner abgewehrt und doch noch die Geheimdienstreform beschlossen. Ich persönlich wurde vom Außenamt zu einem Empfang mit Iraks Interimspräsidenten eingeladen, und durfte am Tisch sogar den Vorsitz übernehmen – trotz meiner bekannt linken Positionen. Das alles sind Anzeichen dafür, dass das Hofieren des rechten Randes, das ja so offensichtlich war während der ersten Bush-Amtszeit, zu einem Ende kommen könnte.
Condoleezza Rice, die mit dem Präsidenten ja einen „Mind Melt“, eine Gedankenverschmelzung, vollzogen hat, löst den offenen Irakkriegskritiker Colin Powell ab…
Hunt: Sie ist enorm intelligent, denkt rasch und präzise. In Sachen Moral wird sie jedoch kaum an Powell heranreichen – doch könnte sie durch ihre Nähe zu Bush die Gedanken des sehr professionellen Stabes des Außenamtes, von denen viele auch demokratische Karrierebeamten sind und einen Motor der Moderation innerhalb der US-Regierung darstellen, als Bindeglied besser transportieren, was Powell nie schaffte. Ich sage damit nicht, dass wir in einer perfekten Situation sind, aber ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben.
Wie geht es im Irak weiter?
Hunt: Im Irak gibt es zur Zeit keinerlei gute Optionen – die Wahl scheint immer zwischen kleineren Übelen, das gilt auch für die Parlamentswahlen. Sie werden wenig demokratisch sein, doch sie nicht zu haben, ist vielleicht noch tragischer. Damit würde man gegenüber den Aufständischen nachgeben. Doch sollte sich im Irak bei den Wahlen eine Mehrheit abzeichnen, die eine Theokratie á la Iran errichten will, werden die Kurden sicher nicht mitmachen – dann haben wir einen Bürgerkrieg.
Die Wiederwahl Bushs hat Amerikas Image in der Welt nicht wirklich geholfen, besonders nachdem viele nun denken, dass ist genau, was die Amerikaner wirklich wollen. Was sind die Konsequenzen?
Hunt: Ja, beim ersten Bush-Sieg konnte noch argumentiert werden, man sei in die Irre geführt worden – doch nun scheint Bushs Politik vom Wahlvolk bestätigt worden zu sein. Die Leute, mit denen ich zu tun habe, waren geschockt, doch jetzt hört man auch mehr Pragmatik: Die Karten sind ausgeteilt, wir müssen das Beste draus machen! Ich sehen bisher keinen Meltdown im internationalen System – vielleicht weil wir schon so viel Schaden angerichtet haben. Am tragischsten: Wir haben unsere globale Leadership völlig verloren. Man kann kein Leader sein, wenn einem niemand mehr folgt.
Was ist heute Amerikas größte Bedrohung?
Hunt: Amerikas größter Feind liegt im inneren: Wir haben unseren moralischen Kompass verloren. Ein derart reiches Land könnte so viel Gutes in der Welt erreichen. Und es gibt auch noch andere Bedrohungen als den Terrorismus: Unser Umwelt, die weltweite Armut und mit Afrika einen zerfallenden Kontinent, unsere Beziehungen zum aufstrebenden China. Bill Clinton hat Amerika einst als Motor der Hoffnung etabliert. Das alles ist jetzt Geschichte.
Wie können die Demokraten das White House zurückerobern?
Hunt: Zuerst müssen sie versuchen, 2006 den Senat zurückzuerobern. Dort können rechte Richter für den Supreme Court verhindert werden. Und insgesamt sollten sie versuchen, mehr ins Zentrum zu steuern, um moderate Wähler von den Republikanern zurückzugewinnen.
In ihrem jüngsten Buch lassen sie 26 Bosnische Frauen über ihre Erfahrungen während der Kriegswirren und beim Aufbau erzählen – was sind deren wichtigste Lehren, die sich auf aktuelle Konflikte umlegen lassen?
Hunt: Keine der Frauen führt den Krieg auf den angeblichen, Jahrhunderte alten Hass zwischen den Volksgruppen zurück, sondern auf reine Medienpropaganda von Milosevic: Jeden Tag stand da zu lesen, du musst deinen Nachbarn töten bevor er dich umbringt. Die Lehre daraus: So etwas kann überall passieren. Auch hier in den USA wurden vor dem Irakkrieg die Amerikaner in die Irre geführt, wenn auch die Dimensionen nicht vergleichbar sind mit denen in Bosnien damals.

# 29. September: Seymour Hersh: „Das wird das totale Chaos…“

Hersh

Sie wurden berühmt als Sie vor 35 Jahren das My Lai Massaker in Vietnam aufdeckten. Wie sehr ähnelt der Krieg im Irak dem Debakel in Vietnam?
Hersh: Wenn man sieht, wie Personen durch Kriege entmenscht werden, dann sind sich die Kriege sehr ähnlich. Wie konnten die in Vietnam diese grauenhaften Verbrechen begehen, wenn sie hinter dem Feind Menschen aus Fleisch und Blut gesehen hätten. Das ist wie jetzt beim Folterskandal: Die Iraker waren für die bloß Dinge, keine richtigen Leute. Es ist purer Rassismus natürlich.
Die GIs wurden zu Sündenböcken gemacht.
Hersh: Man macht ihnen den Prozess, jene sieben etwa, die wir auf den grauenhaften Fotos aus Abu Ghraib sehen. Die tragen sicher Mitverantwortung. Doch sie wüteten vier Monate lang in dem Knast, stoppten erst, als ein Soldat sie verriet. Wie viele wussten, was die trieben? Hunderte. Erst die letzten Untersuchungen graben ein wenig tiefer, doch alle untersuchen bloß innerhalb der Militärs und sind deshalb inadäquat. Die Verantwortlichen sitzen direkt im White House.
Ist der Irak-Krieg Bushs Vietnam?
Hersh: Schlimmer. Viel schlimmer. So furchtbar der Vietnamkrieg war mit 52.000 gefallenen GIs und all der Verwüstung, so war es ein taktischer Fehler. Zwei Jahre nach dem Abzug trachteten die Vietnamesen selbst wieder nach Annäherung. Der Irak ist hingegen ein strategischer Fehler: Wir stürmten in die Mitte der Arabischen Welt als Kreuzfahrer. Und mit einem Benehmen, wo das Leben der Iraker als weniger wert scheint als das der Amerikaner. Der generierte Hass wird uns für Generationen verfolgen.
War Bush die treibende Kraft hinter dem Irakfeldzug – oder ist er eine Marionette?
Hersh: Der Mann ist ein Mysterium für mich. Als es ein Treffen über das Thema Folter gab, erschien er nicht einmal. Er zeigt wenig Interesse. Er ist kein Intellektueller, der sich Entscheidungen nach langem Abwägen abringt. Doch die oft auftauchende Witzelei, er sei eine von anderen erschaffene Kreatur, ist so nicht richtig. Er ist sicher nicht dumm – ungebildet, ja, uniformiert, sicher, und ganz gewiss nicht wissbegierig, was er sicher als Präsident sein sollte. Aber er ist kein Idiot.
Wie ist das Ignorieren aller Warnungen vor einer Irak-Besatzung erklärbar?
Hersh: Bush ist zwar kein Neokonservativer wie etwa Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz, und die weiteren neun prominenten Figuren innerhalb der Bush-Regierung, die schon seit zehn Jahren glauben, die Beseitigung Saddams ist die Lösung für praktisch alle Probleme im Nahen Osten. Bush, wie auch etwa Cheney oder Rumsfeld sind eher Realisten. Und das große Rätsel für mich ist, wie sich diese neun Verrückten (Neokons – Red) so leicht durchsetzen hatten können. Es ist erstaunlich, wie erfolgreich sie ihren Unsinn an Militärs, die Regierung, den Kongress und die Medien verfütterten. Bush glaubte am Ende wohl tatsächlich, dass mit wenigen Truppen, ein paar Bomben und cleveren Geheimkommandos Saddam gestürzt werden kann, Soldaten in Bagdad von dankbaren Irakern mit Blumensträußen überhäuft werden würden. Dann würde sich eines Wunders gleich und ohne jegliche Planung eine neue Regierung etablieren – und die Demokratie sich wie ein Wasserstrahl aus einem Springbrunnen, über den Iran, Syrien, Libanon oder Saudiarabien ergießen. Und die glauben das immer noch: Sie lügen nicht einmal, die sind so verrückt! Ich sehne mich sogar zurück nach Henry Kissinger, der log zwar, war aber nicht geisteskrank. Jetzt sagen diese Irren: Die Demokratisierung braucht eben Zeit. Oder vielleicht finden wir doch noch Massenvernichtungswaffen. Sehr witzig.
Sie beschreiben eine Serie von katastrophalen Fehlern Amerikas, besonders im Nahen Osten.
Hersh: Amerikaner haben keine Ahnung über die kulturellen Unterschiede in dieser Region. Bush glaubt ja allen ernstes, die hassen uns, bloß weil sie eifersüchtig sind. Er sieht weder die religiösen Bruchlinien, noch die kulturellen oder auch sexuellen. Dafür scheint er sich nicht zu interessieren. Das Hauptproblem für unsere Geheimdienste war immer, keine Spione innerhalb der Gruppen zu haben. Das ist kein Vorwurf, es ist sehr schwer, die zu infiltrieren. Und dann wurde vor dem Irakkrieg die CIA auch noch das Opfer vor gefasster Meinungen: Die Bush-Administration war 2002 wie ein umgekehrtes Düsentriebwerk, dass alle den Irakkrieg unterstützenden Infos und Argumente aufsaugte wie ein gigantischer Staubsauger. In diesen Sog wurde auch die CIA gerissen, obwohl viele Agenten skeptisch waren in Sachen Massenvernichtungswaffen. Irgend ein Hinweis auf Atombomben, shhhhht – aufgesaugt, keine Analysen, kein Überprüfung der Fakten oder Quellen, nur ein lautes Sauggeräusch. Deshalb war auch Achmad Chalabi, der schmierige Oppositionsführer, so erfolgreich: Die suchten verzweifelt nach allem, was einen Feldzug rechtfertigt.
Hat die CIA im Vorfeld des 11. September besonders arg geschlampt – oder wissen wir durch die brutale Durchleuchtung der Versäumnisse einfach nur mehr darüber?
Hersh: In Vietnam wussten wir nicht mal, das Nordvietnam und China Spinne Feind waren. Diese Tatsache hätte die ganze Dominotheorie und letztendlich den Krieg in Frage gestellt. Man darf niemals unterschätzen, was man nicht weiß. Und jetzt wussten wir zu wenig über Al-Qaida – und haben einen Präsidenten, der schlechten Nachrichten kaum zugänglich ist. CIA-Direktor George Tenet filterte die Infos deshalb sorgfältig. Leider ist das nicht sein Job-Titel, der wäre, die gewonnenen Erkenntnisse seiner Agenten weiterzugeben.
Sie behaupten in ihrem Buch, dass Bush & Co nach dem 11. September das Signal zur Folter gaben, die letztendlich im Abu-Ghraib-Skandal endete.
Hersh: Nach meiner Serie von Artikeln im New Yorker erzählten mir Mitarbeiter des Bushstabes über ein Treffen mit Condoleezza Rice, wo sie über Grausamkeiten in Guantanamo Bay, Kuba, informiert wurde. Nichts geschah, und es ist eine Tragödie: Folter fördert keine guten Information zu Tage. Und dann will man ja, wie in der Genfer Convention vorgesehen, dass eigene Soldaten in Gefangenschaft ebenfalls gut behandelt werden. Stellen sie sich vor, wie amerikanischen Kriegsgefangenen künftig ergehen wird…
Warum argumentierte Rice in diesem frühen Stadium entstehender Foltertaktiken nicht dahingehend?
Hersh: Sie glaubt die Gabe zu habe, Bushs Laune gut deuten zu können. Und sie schloss, der Präsident wollte die Gangart mit den Terroristen verschärfen. Nicht umsonst polterte er mit Kraftparolen wie „ausräuchern“ und „Tod oder lebendig“. Viele Leute kommen heute zu mir, und beklagen sich, wie so eine wichtige Story unter den Teppich gekehrt wird. In Europa ist das anders: Die haben kapiert, wie verheerend diese Kursänderung der USA in Richtung mehr Toleranz gegenüber der Folter ist. Und Rumsfeld ist Bushs Exekutor, der auch als Art Schutzschild im Kreuzfeuer der Kritik steht. Deshalb habe ich geschmunzelt, als sein möglicher Rücktritt erörtert wurde. Er macht Bushs Dreckarbeit: Entführungen und Ermordungen von „Terroristen“ rund um den Globus, geheime Verhöre, Völkerrechtsbruch. Funktioniert zwar nicht wirklich, aber wenn kümmerts…
Der Bruch zwischen der zivilen Leadership im Pentagon und den Generälen soll ihre Arbeit als Enthüllungsjournalist erleichtern, sagt man…
Hersh: Die Militärs sind enorm besorgt über diesen Krieg und die Richtung, die er nimmt. Und das wird mir oft vermittelt. Ich trachte nach einer alternativen Geschichtsschreibung des Krieges. Die kommt von ganz Innen – und kann schwer geleugnet werden, deshalb werde ich persönlich diskreditiert.
Präsident Bush hat kürzlich die Prognosen des CIA über die Zukunft des Irak als „Kaffeesudlesen“ verniedlicht. Was sind Ihre?
Hersh: Bush mochte den Bericht nicht. Kein Wunder: Alle Szenarien im Irak sind furchtbar – es wird kein Happy End geben. Am wahrscheinlichsten ist die Balkanisierung, vielleicht Bürgerkrieg. Ich fürcht nur, dass Bush im Fall seiner Wiederwahl den Irak in eine Bombenhölle verwandeln wird. Á la Vietnam: Zerstört das Land um es zu retten! Die Spirale der Gewalt wird sich immer schneller drehen – und jetzt könnte man fast zynisch sagen: Vielleicht muss das alles in einer unfassbaren Katastrophe enden, bis die Amerikaner aus ihrer Lethargie erwachen. Der schlechteste Präsident aller Zeiten hat mit der Irak-Invasion den dümmsten, einzelnen Fehler der US-Geschichte begangen! Und wir alle bezahlen den Preis für eine sehr lange Zeit. Attacken gegen die Truppen werden eskalieren. Er hat nicht genug Soldaten, wird wohl wieder die Wehrpflicht einführen müssen. Und woher soll über Jahre hinweg bei explodierenden Budgetdefiziten das Geld kommen, das alles zu bezahlen? Nur für Korrespondenten wird das eine aufregende Zeit: Völlig verrückt, ein totales Chaos!
Sie behaupten, die Intensität mit der Bush & Co Bevölkerung und Kongress hinters Licht führen, ist bereits ein Testfall für Amerikas Demokratie: Warum fügen sich auch die Medien?
Hersh: Der 11. September hat alle eingeschüchtert. Das ist meine einzige Erklärung.
Hat John Kerry eine Chance?
Hersh: Wenn es ihm gelingt, das Irakchaos aus Bushs Antiterrorkriegs-Parolen herauszulösen, hat er noch Chancen. Aber sie verleumden ihn wegen der Kritik sofort als Nestbeschmutzer, eine dreckige Strategie, aber sehr effektiv.

# 23. Juli: „Moores“ Soldaten-Mutter Lila Lipscomb: „Wir sind es leid, angelogen zu werden“.

Sie führten ein ganz normales Leben vor dem Irakkrieg.
Lipscomb: Ich war eine Mutter, die so gut wie möglich vier Kinder großzog. Mein Mann und ich waren bitter arm, erhielten Wohlstandshilfe. Es war ein harter Kampf und ich wollte stets, dass es meine Kinder besser haben. Als sich meine älteste Tochter für das Militär entschied, musste sie mich vorerst zwar sechs Monate bearbeiten, denn der Gedanke machte mich verrückt! Doch ich war gleichzeitig happy für sie, da sich eine neue Welt für sie auftat: Das Militär ermöglichte ihr ein Studium. Wir hatten kein Geld. Das gleiche galt für Michael. Für arme Eltern stellt sich die Frage: Schickt man sie zum Militär und gibt ihnen die Chance, was konstruktives mit ihrem Leben anzufangen – oder belässt man sie in den Slums und verliert sie an Straßengangs.
Die Kids gehen zum Militär, weil ihnen Dinge verwehrt werden die in anderen Staaten selbstverständlich sind?
Lipscomb: So ist es. Und deshalb ist das für mich und viele Amerikaner ein derart brutales Erwachen. Viele bezahlen die Kluft zwischen den Klassen mit ihrem Leben. Nur weil jemand das Geld hat, sein Kind auf die Uni zu schicken, müssen sich die nicht in Lebensgefahr begeben? Das ist nicht fair.
Anfangs waren sie eigentlich recht patriotisch, US-Flaggen im Garten, volles Vertrauen in den Präsidenten…
Lipscomb: Meine Mutter hat mir stets eingebläut: Egal von welcher Partei der Präsident kommt, ob er konservativ oder liberal ist, welche Ansichten er vertritt, man muss ihm Respekt zollen. Der Patriotismus wurde mir eingeimpft.
Waren Sie anfangs für den Irakkrieg?
Lipscomb: Nein. Mein Sohn kam zu Weihnachten 2002 bereits mit dem Marschbefehl nach Kuwait in der Tasche nach Hause und vertraute mir an: „Mum, wir gehen nach Bagdad – ich habe Angst und bin wütend, weil ich keine Grund dafür sehe!“ Was hätte ich ihm als Mutter sagen sollen? Mein Sohn war ein erfahrener Soldat, er hatte sich gerade nach sieben Jahren für weitere sieben verpflichtet. Ich betrachtete meine Aufgabe, ihn aufzubauen und für seinen schwierigen Job aufzurichten. Und ich sagte: Ein wenig Angst ist gut, es schärft den Geist.
Wie hielten sie Kontakt zu Michael?
Lipscomb: Nach seiner Überfahrt nach Kuwait Ende Jänner nur mehr brieflich. Und die Militärpost ist sehr langsam: Oft dauert es Wochen.
Wie erfuhren sie von Michaels Tod?
Lipscomb: Ich saß am Abend des 2. April vor dem Fernseher und drückte durch die Kanäle. Zufällig landete ich am Newskanal MSNBC und hörte die Worte „Black Hawk down…“. Ich wusste, dass Michael mit den Black Hawks fliegt. Ich erstarrte vor Schreck. Auch weil er in einem Brief erzählte, den ich zufällig Stunden zuvor erhalten hatte, dass sie im Süd/Zentral-Irak eingesetzt sind, dort, wo der Crash vermeldet wurde. Die ganze Familie kam zusammen und wir durchsuchten TV-Kanäle, Internet und Radio nach Nachrichten. Ich betete: Bitte Gott, lass Michael irgendwo lebend auftauchen. Am nächsten Tag erhielt ich einen Anruf am Arbeitsplatz von meiner Schwiegertochter. Sie rief von uns zu Hause aus an. Im Hintergrund hörte ich meine Kinder schreien und weinen. Sie sagte: „Mum, die Armee ist hier… Sie wollen mit dir reden….“ Der Mann fragte: „Sind sie Lila Lipscomb, Mutter von Sergeant Michael Pedersen?“ Ich bejahte. Ich ließ den Telefonhörer fallen… Meine Chefin hob ihn auf und gab ihn mir wieder in den Hand, sie half mir, das Gespräch zu beenden. Der Armeemann bat mich, nach Hause zu kommen – er könne mit mir am Arbeitsplatz nicht reden, sagte er. Er brauchte die Worte nicht aussprechen: Die US-Armee ruft eine Soldatenmutter nicht am Arbeitsplatz an und bitte sie, nach Hause zu kommen, um ihr zu sagen, dass ihr Kind am Leben ist.
Eine Woche später erhielten sie eine Brief von Michael…
Lipscomb: Er schrieb, Mama, ich bin so verdammt wütend: Warum hat man uns in diese Wüste geschickt? Nur weil Baby-Bush seinen Daddy beeindrucken will, sagte er sinngemäß. Er hat uns hierher geschickt völlig grundlos!
Sie fanden Trost, die Bürger in Sachen Irakkrieg wachzurütteln und machen das White House für Michaels Tod verantwortlich.
Lipscomb: Der 3. April 2003 ist der Tag, an dem meine ganze Welt zum Stillstand kam. Es ist, wie wenn einem die Luft wegbleibt – nur das ganze wochenlang. Der Schmerz konsumiert jede Faser deines Körpers. Familie und Freunde mussten mir durch diese Zeit helfen. Ich brauchte drei Tage, um wieder ein Gespräch führen zu können. Monate später hatte ich gelernt, eine funktionierende, trauernde Mutter zu werden – und geholfen haben dabei vermehrt Gedanken an die politischen Verantwortlichen und Wut über diesen sinnlosen Krieg.
Was war ihre Reaktion, als sie Michael Moore kontaktierte?
Lipscomb: Ich fühlte mich geehrt. Ich bin ja bloß eine trauernde Mutter aus Flint, Michigan. Und ich habe immer gebetet: Lieber Gott, hilf mir, Antworten zu finden. Ich flehte ihn an: Warum kann mein Schmerz nicht heilen? Warum wird es nicht besser? Und dann schickte mir Gott Michael Moore! Er hat es geschafft, die Verhältnisse zwischen den Mächtigen und den Bürgern auszugleichen. Ich bin eine einfache Frau, ich habe keine Millionen, ich kann nicht durch Amerika ziehen mit einer riesigen Lobby-Kampagne. Michael Moore hat mir eine Bühne gegeben, um gehört zu werden!
Sie reisen dann, wie in Fahrenheit dokumentiert, zum Weißen Haus und versuchen, die Schuldigen zur Rede zu Stellen.
Lipscomb: Als ich davor stand, schoss mir sofort in den Kopf: Das ist der Ort, wo ich sein muss! Hier wurde die Entscheidung getroffen, die meinem Sohn Michael das Leben kostete! Hier wurde sein Todesbefehl unterschrieben! Und mein Lebensziel fortan ist, dass meine Fragen und die meiner Leidensgenossen gehört werden.
Was speziell macht sie so wütend?
Lipscomb: Bush hat uns angelogen: Wo ist etwa Bin Laden? Und wenn wir als Amerikaner wirklich sicher sind, dass er für den 11. September verantwortlich ist, warum jagen wir ihn nicht. Wie kam es zu diesem plötzlichen Schauplatzwechsel in den Irak? Von Bin Laden zu Saddam? Und wo sind die Massenvernichtungswaffen? Und wenn es um die Demokratisierung des Iraks, oder um Wiederaufbau und humanitäre Projekte gegangen ist, wie jetzt behauptet wird, dann hätte sich der Präsident damit vor der Invasion an die Bürger wenden sollen.
Soll Bush vor Gericht gebracht werden?
Lipscomb: Natürlich. Ich habe ein Recht zu erfahren, was wirklich vorgegangen ist. Und niemand steht über dem Gesetz.
Wurde der Krieg im Vorfeld nicht ausreichend hinterfragt – von ihnen, den Bürgern, Medien und Politikern?
Lipscomb: Ich wache jeden Morgen mit der schmerzhaften Frage auf: Habe ich alles unternommen, um mein Kind am Leben zu erhalten? Und es ist wirklich traurig, wie die Medien versagten. Denn mein Amerika lehrte mich stets, dass wir Meinungsfreiheit haben.
Wie erklären Sie sich den Erfolg des Filmes?
Lipscomb: Die Leute sind es leid, angeloben und übergangen zu werden. Und wir wussten bisher nicht, wie wir uns auflehnen sollen. Auf diesen Film haben alle gewartet – damit wir endlich aufwachen, die Courage haben, das zu tun, was notwendig ist! Das ist unsere Welt, sie gehört nicht den wenigen Reichen und Einflussreichen!
Haben sie ihren Patriotismus hinterfragt, ihre Einstellung gegenüber der Regierung im Allgemeinen geändert?
Lipscomb: Mein Sohn ist tot, und ich frage mich jeden Tag: Wäre er noch am Leben, wenn ich hinterfragt, gebrüllt, getreten, mich aufgelehnt hätte? Meine Botschaft ist: Was immer du nicht verstehst, du hast ein Recht, es zu erfragen! Gebt nicht auf, bis die Wahrheit ans Tageslicht kommt. Und die, die Michael Moore angreifen, sollten zumindest mal den Film sehen, bevor sie drauflos schimpfen. Zu verweigern, den Film zu sehen, zeigt nur, wie hohl diese Leute sind.
Jetzt sind sie selbst eine Berühmtheit – wie hat sich ihr Leben verändert?
Lipscomb: Ich habe Glück, meine Chefin ist auch meine beste Freundin. Und dann habe ich all meinen Urlaub aufgebraucht, um Interviews zu geben, bin nach London gereist, beantworte Briefe und Emails. Jetzt kann ich nur mehr wenige Stunden pro Tag freischaufeln, in der Mittagspause oder abends. Viele sagten, ich bin das Herzstück des Films, und ich hoffe, mit meinen wenigen Filmminuten, doch einen Meinungsumschwung bewirken zu können. Die Abwahl von Bush wäre ein guter Start.

# 26. Juli: Alfred Gusenbauer: „Bush loswerden…“

Gusenbauer
„Gusi“ beim Kerry-Parteitag in Boston mit Senatslegende Ted Kennedy

Der österreichische Herausforderer beobachtet hier in Boston den US-Herausforderer – was sind die Lehren?
Gusenbauer: Fast schockierend sind die enormen Sicherheitsmaßnahmen, die für österreichische Maßstäbe als völlig übertrieben erscheinen – es ist wohl die irrsinnige Angst vor dem Terrorismus. Wenn man hier vor dem Convention-Gebäude entlang geht, glaubt man sich rückversetzt an den Eisernen Vorhang. Hier werden Mauern zwischen der Politik und der Öffentlichkeit errichtet. Ich hoffe, dass solche Tendenzen bei uns nicht einreißen. Und dann ist die Wahlauseinandersetzung hier eine ganz andere, und nicht nur, weil die Wahl des US-Präsidenten global wichtiger ist als Urnengänge in Österreich: Es geht nicht darum, die Bürger zu überzeugen, dass man der bessere Präsident ist, sondern eine Mehrheit in ein paar Schaukelstaaten zu bekommen – und selbst in diesen geht es nur mehr um ein paar Unentschlossene. Und deshalb sind die ganzen US-Wahlen auf diese Bürger zugeschnitten.
Haben Sie trotzdem was für ihre nächste Wahlschlacht hier gelernt?
Gusenbauer: Hier wird auf die Conventions und die TV-Duelle fokussiert – das sind die wahlentscheidenden Events. Auch bei uns wird das Fernsehen bei jeder Wahl immer wichtiger. Und überall auf der Welt gilt, dass man als Herausforderer noch nicht beweisen konnte, dass man es kann.
Was halten Sie von John Kerry? Und wie sehr trimmt er die Demokraten wieder auf Linkskurs, nachdem Clinton mit dem „Dritten Weg“ eher den Erfolg in der Mitte suchte?
Gusenbauer: Als Ostküsten-Politiker gehört Kerry sicher zum liberalen Teil der Partei, doch nicht so links wie etwa Howard Dean: Deshalb hat er die Chance, alle Demokraten hinter sich zu bekommen – und auch die Wahlen zu gewinnen. Und auch Edwards Wahl als Vize hat Stärke gezeigt – da er seinen gefährlichsten Herausforderer aus den Primaries auswählte.
Wohin steuern die US-Demokraten?
Gusenbauer: Die Kooperation zwischen den US-Demokraten und der internationalen Bewegung hat sich bei der verstärkten Ausarbeitung einer globalen Agenda intensiviert – als Vorbereitung einer Machtübernahme der Demokraten in den USA. Und die könnte schneller kommen als wir dachten. Noch vor kurzem glaubte ja niemand, dass die Demokraten heuer eine Chance haben. Der Irak-Krieg hat ermöglicht, dass Kerry jetzt sehr wohl gewinnen kann – und dadurch bekommt diese Kooperation eine neue Brisanz. Die Konsistenz der Zusammenarbeit ist historisch, früher gab es bloß ab und zu Signale, so sehr sich Bill Clinton auch bemühte.
Ist das wegen inhaltlicher Nähe oder dem gemeinsamen Wunsch, Bush loszuwerden?
Gusenbauer: Dieser Wunsch ist natürlich weltweit sehr groß – aber es gibt viele Übereinstimmungen, bezüglich der Arbeitssituation der Menschen, Anstrengungen, die Globalisierung menschlicher zu gestalten. Es ist mehr als die einheitliche Ablehnung von Bush als Präsidenten.
John Kerry ist anders als Clinton gegen die Todesstrafe?
Gusenbauer: Das wäre natürlich ein Ansatz, an der Abschaffung zu arbeiten: Die Todesstrafe ist nach europäischen Verständnis unvorstellbar.
Wie sehr erleben sie hier ein durch den 11. September verändertes Land?
Gusenbauer: Es gibt keinen Vergleich mit vorher, die Veränderung ist fundamental. In der Außenpolitik wird nur mehr alles der Frage untergeordnet, was im Kampf gegen den Terrorismus notwendig ist, eine Generalformel zum internationalen Gewalteinsatz, eine sehr gefährliche Entwicklung. Und im Inneren triumphiert Security zur Abwehr terroristischer Gefahren längst über die Bürgerrechte. Wenn die Absicht der Terroristen war, die USA und die Welt weit weniger liberal zu machen, dann waren sie erfolgreich.
Mächtige Demokraten charakterisieren Kerry so, dass er als Präsident anderen Staaten sicher mehr zuhören will – doch auch mehr einfordert bei der Stabilisierung des Irak. Was könnte Österreich nach einem Neustart durch Kerry beitragen?
Gusenbauer: Es ist sicher gut, wenn die neue Regierung ihren Verbündeten zuhört, doch wenn deren Ideen vom Tisch gewischt werden und man erst recht tut, was Bush bisher machte, dann ist das eine Illusion. Der Krieg im Irak ist auf Basis falscher Annahmen durchgeführt worden: Und sie haben damit weniger ein Regime, als eine Gesellschaft zerstört! Und Länder ohne Gesellschaft sehen wir heute am ehersten in Afrika, wie Sierra Leone. Das ist nur mehr das Chaos. Und es ist eine völlige Illusion zu glauben, mit der Wahl einer Regierung das in den Griff bekommen zu können. Das kann sich nur langfristig wieder beruhigen.
Niemand will, dass der Irak völlig im Morast versinkt – was können kleine Länder wie Österreich tun, um zu helfen? Was würden Sie vorschlagen?
Gusenbauer: Österreich hat, wie die Skandinavier, die größte Expertise in der Entwicklungszusammenarbeit, dem „Nation Building“, dem Schaffen von Institutionen, die das Vertrauen der Bevölkerung genießen. Nur sie können aufbauen, was zerstört wurde. Das ist dreimal so viel wert, wie alle Waffen.
Das kostet ja alles Geld – sollen die österreichischen Steuerzahlen dafür zur Kasse gebeten werden?
Gusenbauer: Überhaupt nicht. Die Amerikaner haben der Welt diese Suppe eingebrockt, sie sollen sie auch auslöffeln. Und wenn sie alleine dazu nicht im Stande sind, dann werden sie die Dienste, die andere leisten sollen, auch bezahlen müssen. Kein einziger Cent österreichischer Steuermittel darf dafür verwendet werden. Das wäre absurd.
Wenn Kerry gewählt wird und um Hilfe bittet, was würden sie von der österreichischen Regierung erwarten?
Gusenbauer: Das wir unsere Dienste anbieten, aber nicht gratis. Die, die den Krieg geführt haben, die, die sich das Erdöl unter den Nagel gerissen haben, sollen für die finanziellen Lasten aufkommen: Es wäre ja absurd, wenn ein Teil der Welt den Nutzen aus dem Irakkrieg zieht und der andere bezahlt die Wiederherstellung der Gesellschaft. Bisher war die österreichische Irakpolitik ein wenig sibilinisch: Die Frau Außenministerin sagte bei Kriegsausbruch: Da gibt es den Irak und die USA, die in den Krieg ziehen – und wir stehen in der Mitte. Wie kann man da in der Mitte stehen bei der Frage, ob Krieg geführt werden soll oder nicht? Deshalb gehörte Österreich in Europa zu jenen Staaten, wo die Antikriegshaltung der Regierung eigentlich am wenigsten ausgeprägt war – ausgenommen der Länder, die den Krieg unterstützten. Gerade als neutrales Land hätte Österreich den Krieg ablehnen müssen, da es ja eine nicht völkerrechtlich genehmigte Aggression darstellte. Das Antikriegsprofil Österreichs seitens der Regierung war nicht sehr stark – und entspricht auch nicht der Mehrheitsmeinung der österreichischen Bevölkerung. In einem Fall, wo sich sogar NATO-Mitglieder gegen den Krieg stellten, ist es doch für ein neutrales Land sonnenklar, das auch zu tun.
Wie erklären sie sich das Phonomen des Filmemachers Michael Moore – und ist das ein Schritt zum Linkspopulismus?
Gusenbauer: Es gibt eine Rollentrennung mit den Demokraten: Er macht eine populäre oder populistische Opposition mit allen künstlerischen Mitteln. Das bereitet dann einen guten Boden, auf dem gute Oppositionspolitik gedeihen kann. Aber Michael Moore hat mehr Freiheiten, er kandidiert ja nicht.
Dient ihre Reise als Vorbereitung für eine mögliche Kanzlerschaft?
Gusenbauer: Es ist immer wichtig, Kontakte zu Menschen zu knüpfen, wenn sie noch nicht mächtig sind. Sind sie mal im Amt, drängen sich ohnehin alle nach vorne. Ich bin damit immer gut gefahren: Ich kannte Brasiliens Lula und Spaniens Zabatero, als noch kein Hahn nach ihnen krähte. Jetzt sind sie beide Premiers – und meine Kontakte sind bestens.

# 19. Juli: Teresa Heinz: „Wien ist eine feminine Stadt“

Ihr jetziger Mann hat österreichische Wurzeln.
Heinz-Kerry: Wir lieben Österreich, ich war mehrer Male dort auch mit meinem verstorbenen ersten Mann, und auch John Kerry hat mir erzählt, dass er Schifahren war in Österreich jedes Jahr so lange seine Eltern im diplomatischen Dienst in Oslo und Berlin waren.
Was war seine Reaktion als sein österreichisches Erbe enthüllt wurde?
Heinz-Kerry: Er hatte schon zuvor gewusst, dass sein Großvater aus Österreich war, doch viele Details waren neu – besonders über seinen Großvater, der starb als Johns Vater gerade fünf Jahre alt war. Dass sich sein Großvater umgebracht hatte, erfuhr es erst vor einem Jahr.
Würde er sich gerne auf Spurensuche nach Österreich begeben?
Kerry: Ich bin ganz sicher, das würde er sicher gerne. Er kann sogar Jodeln! Wenn man als kleiner Bub viel Ski fährt in Österreich lernt man das. Und dort hat er natürlich auch gelernt, so gut Ski zu fahren. Und dann liebt er auch noch Sacher-Torte und Schocklade. Ich selbst liebe Wien, das letzte Mal war ich bei einem Kongress 1987. Eine wundervolle Stadt, sehr feminin. Sehr elegant.
Was halten sie von Arnold Schwarzenegger?
Heinz-Kerry: Er ist ein persönlicher Freund von mir, auch Maria natürlich.
Er ist ein neuer Typus von Republikaner…
Heinz-Kerry: Er war zuvor ja nie Politiker, dass heißt man muss abwarten, als welche Art von Politiker er letztendlich endet. Ich meine, er ist nicht mehr der Republikaner der er gerne sein wollte – weil der gar nicht existiert. Er gleicht im Stil mehr meinem verstorbenen Mann – er sucht nach seiner Stimme in der Partei, doch ist es jetzt gerade eine sehr einsame Stimme.

# 12. Juli: Michael Moore: „Bush ist eine Schande für unser Land“

Neben dem Aufdecken von Bush-Lügen zeigen Sie mit Ihrem Film auch auf ein tieferes Problem in dem Land, der Kluft zwischen arm und reich – sehen sie eine Lösung für diese Missstände?
Moore: Jeder meiner Filme hat langfristige Ziele, wo ich hoffe, dass sie irgendwann mal erfüllt werden. Es gibt aber auch eine kurzfristige Mission: Und die ist die Beseitigung von George Bush aus dem White House! Wir brauchen einen Regime-Wechsel in diesem Land.
Gibt es Drohungen gegen Sie?
Moore: Ich weiß von keinen. Sie etwa? Ich bin o.k.. Das wäre natürlich ein tolles Statement für Sie, wenn sie mich nächste Woche im Fluss treibend finden…
Wie aktiv sind sie in der Präsidentschaftswahlkampagne?
Moore: Gar nicht so. Ich habe den Film gemacht, das ist alles. Leute haben Tische für die Wählerregistrierung vor den Kinos aufgestellt. Das ist wichtig in einem Land, wo 50 Prozent nicht wählen gehen. Es gibt ein erstes Feedback, wonach viele wählen wollen nachdem sie meinen Film gesehen haben.
Sie haben den US-Medien vorgeworfen, ihren Job nicht ordentlich zu machen.
Moore: Die ersten Reaktionen von vielen Kinobesuchern ist: Warum habe ich das nicht zuvor in den News gesehen? Das war gar nicht beabsichtigt, aber es stellt sich als einer der wichtigsten Eindrücke heraus: Die Medien mutierten zu Cheerleaders für die Regierung. Das großartige an unserer freien Gesellschaft ist, Fragen stellen zu dürfen: Warum hat niemand ernsthaft nachgefragt? Wo sind die Massenvernichtungswaffen? Ich kann mich erinnern, als ich als kleiner Bub JFK gesehen habe, als er uns auf einer Tafel zeigte: Hier sind die auf uns gerichteten Nuklearraketen. Diesmal hat Colin Powell eine Show mit Computer-Grafiken abgezogen, die einer Gymnasiumsklasse unwürdig ist. Niemand von der Presse hat das hinterfragt – und jetzt ist es ihnen peinlich. Deshalb ziehen sie mich so durch den Dreck. Wenn ich als schlichter Maturant mit einer Baseballkappe am Kopf der Bevölkerung vorführen kann, wie sehr unsere eigenen Soldaten gegen diesen Krieg sind, dann stellt sich die Frage: Warum sehen wir das nicht in den Nachrichtensendungen? Weil sie alle im Bett mit der Armee sind, nicht eingebettet, im Bett! Und dann gehören die TV-Networks natürlich auch großen Waffenfirmen, wie NBC eben General Electric. Sie haben die Bevölkerung im Stich gelassen, weil sie niemals harte Fragen stellten – und jetzt sind 870 Soldaten tot. Sie haben das Blut dieser Kinder an ihren Händen!
Was kann ihr Film im Ausland erreichen?
Moore: Die Bevölkerung soll ihre Führer stürzen, die mit George Bush gemeinsame Sache gemacht haben – wie die Spanier. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein aus dem Kino gehender Italiener nicht denkt: Was macht unser Premier bloß mit Bush? Das ist eine Schande für unser Land.
Viele bezeichnen ihren Film als Propaganda – und nicht als Dokumentation.
Moore: Es ist eine Dokumentation. Ich bediene mich den Methoden des Journalismus – nur verwende ich die der Meinungs-Seite. Es stelle meine Meinung dar und unterlege sie mit Fakten, die nicht widerlegbar sind. Meine Meinung kann ja auch falsch sein – ich bin froh über jede Debatte. Wenn die New York Times jemand als Präsidenten empfiehlt, sind sie deshalb keine Zeitung?
Die New York Times hat sich kürzlich beschwert, dass sie kein Interview von George Bush bekommt.
Moore: Wir sind an das Jammern der Liberalen in Amerika gewöhnt. Die haben kein Rückrat und lassen sich andauernd überrollen. Die Demokraten etwa verlieren sogar die Wahl wenn sie sie gewinnen! Auf die können wir nicht warten, bis sie ihren Job machen. Der Unterschied zu den Rechten ist: Die Glauben in etwas und sind bereit, dafür zu kämpfen! Ich habe die Schnauze voll von diesen jammernden, weinerlichen Liberalen, die nichts weiter bringen – deshalb gewinnt die andere Seite ja immer. Das ist besonders tragisch, da wir ja eigentlich in einem liberalen Land leben: Die Mehrheit der Amerikaner würde sich zwar nie als „liberal“ bezeichnen, doch unterstützen sie mehrheitlich Frauenrechte, wollen stärkere Waffengesetze. Was die Themen und Werte betrifft, ist die Mehrheit der US-Bürger liberal. Nur die liberale Leadership – fast ein in sich widersprechender Begriff – ist eine einzige Enttäuschung in den letzten zwei Jahrzehnten!
Wie groß ist der Schaden für Amerikas Image rund um die Welt?
Moore: Wir haben Freelancer engagiert, die in zahllosen Ländern Bürger nach ihrer Meinung gefragt haben. Bush sagt ja immer, die hassen uns, weil sie die Freiheit hassen! Mitnichten: Sie hassen nicht uns Amerikaner, sonder ihn und seine Bande aus Kriegsprofiteuren.
Ihre Kritiker sagen, Sie machen jetzt leichte Kohle mit der Unpopularität von George Bush.
Moore: Ich stand auf der Bühne bei den Oscars mitten im Krieg und sagte: „Schämen sie sich, Mr. Bush!“ War das damals populär? Alle haben gesagt: Endlich, das ist das Ende von Moores Karriere. Von der Oskar-Bühne gebuht! Ich bin oftmals in meiner Karriere Risiken eingegangen, um meine Meinung zu sagen – weil ich weiß, dass die Amerikaner ihre ändern werden, wie jetzt beim Irakkrieg. Und anders als in Vietnam, dauerte es diesmal nicht Jahre sondern Monate.
Es glauben aber immer noch viele, Saddam hatte was mit 9/11 zu tun?
Moore: Ja, so 45 Prozent, aber immerhin besser als 70 Prozent vor Kriegsausbruch. Die Zahl wird weiter fallen, je mehr meinen Film sehen. Die ganze Welt glaubt ja, dieses Land hier sei völlig durchgedreht. Doch die Mehrheit hat diesen Präsidenten nicht gewählt und seine Kriege nicht unterstützt. Ich hoffe, dass wir wieder zu dem Punkt zurückkehren können, wo die Welt wie nach dem 11. September ihr Mitgefühl gegenüber den USA ausgedrückt hat – diesen enormen Wohlwollen hat Bush ja in kürzester Zeit verschleudert.
Man wirft ihnen vor, in vielen Szene die Unwahrheit zu verbreiten.
Moore: Die Fakten sind korrekt. Ich fordere jeden heraus, mir einen Fehler nachzuweisen. Die Wertung der Fakten freilich basiert auf meiner Meinung. Und über die kann man debattieren. Aber wenn ich sage, 1,4 Milliarden Dollar flossen aus Saudi Arabien zur Bush-Familie und ihr Umfeld, dann ist das eine Tatsache. Ich werde alle Beweis-Dokumente auf meiner Website veröffentlichen.
Sie behaupten, der Afghanistan-Krieg wurde eher wegen einem Pipeline-Projekt geführt?
Moore: Wir wollen jeden, der für den Tod von 3.000 Menschen verantwortlich ist, gefangen genommen und vor einem Richter gestellt sehen. Doch darum kann es in Afghanistan wohl nicht gegangen sein. Sonst müsste ich sagen: „Mission verfehlt“. Wie Terrorzar Richard Clarke sagte, wurde 20.000 Elitesoldaten der Einsatz in jener Region verwehrt, wo man Bin Laden glaubte.
Was halten sie von der Idee, UN-Wahlbeobachter zu den Präsidentschaftswahlen zu entsenden?
Moore: In Florida muss wohl sichergestellt werden, dass sie nicht noch eine Wahl stehlen!
Was ist, wenn jemand nach ihrem Filmkonsum für Ralph Nader wählt?
Moore: Das sollten sie nicht machen. Ich habe selbst versucht, ihn von seiner Kandidatur abzubringen: Er macht einen riesigen Fehler! Es ist nicht das Jahr, nicht die Wahl für persönliche Eitelkeiten. Es ist traurig, mitanzusehen, wie jemand so Verdienter wie Nader der Nation schadet. Es gibt Umfragen, wo 12 Prozent von Jungwählern für Nader stimmen wollen. Deshalb ist mein Rat an John Kerry: Geh nicht zu sehr ins Zentrum, du verlierst den Linken Rand an Nader.
Können die Bürger rund um die Welt irgendwie beim Regime-Wechsel in den USA behilflich sein – außer ihren Film zu sehen?
Moore: Ihr könnt wohl bloß beten. Oder Leute in Österreich etwa jedem Amerikaner, der nicht für Bush stimmt, einen freien Schiurlaub anbieten. Oder wenn sie aus Argentinien sind, ein Gratis-Steak.
Warum sind Sie als Person weniger präsent in dieser Doku?
Moore: In meinen früheren Filme trete ich oft auf, um die Sache witziger zu gestalten. Wenn George W. Bush dein Hauptdarsteller ist, muss in Sachen Humor nicht nachgeholfen werden. Er hat die lustigsten Dialoge und ich beschloss, ihm nicht in die Quere zu geraten.
Die Motivationen von Bush im Irakkrieg scheinen schlüssig – doch was ist mit Tony Blair passiert, einem intelligenten Politiker?
Moore: Ich habe keine Antwort darauf und ich habe mein Gehirn zermartert: Warum haben sich Blair und andere clevere Staatenlenker mit Bush zusammengetan – vielleicht findet später die Wissenschaft eine Antwort darauf.
Was machen Sie, wenn Bush wiedergewählt wird?
Moore: Es ist verboten, in diesem Raum solche Worte auszusprechen. Sie haben mir den Rest des Tages verdorben – mit diesem schrecklichen Gedanken in meinem Kopf. Nächste Frage!
Was ist ihre Position zum Download ihres Filmes vom Internet?
Moore: Ich bin dafür, dass Leute Kopien des Filmes austauschen. Wenn ich Bücher schreibe, will ich ja auch, dass es mehrere Leute lesen und nicht alle deshalb ihr eigenes Buch kaufen müssen. Was es jetzt vom Internet runterzuladen gibt, ist nicht mein Film: Das ist ein mit einer Videokamera mitgeschnittener Müll. Ich würde jedem empfehlen, den Film in Kinosaal zu sehen mit 300 anderen Leuten – das ist ein großartiges Erlebnis.
Sie verraten in den Film nicht, wie die USA Krieg gegen islamische Fundamentalisten führen soll.
Moore: Die Bürger werden Tag und Nacht in den Massenmedien über islamischen Fundamentalismus bombardiert – in meinem Film zeige ich Dinge, die man sonst nirgendwo sieht. Es ist nicht mein Job, zu wiederholen, was den Leuten ohnehin schon eingehämmert worden ist. Die Medienkonglomerate kontrollieren die Meinung in diesem Land, 24 Stunden pro Tag, sieben Tage pro Woche, 356 pro Jahr. Mein Film ist die bescheidene Bitte: Können wir bitte zwei Stunden haben für eine abweichende Meinung? Für andere Bilder? Andere Geschichten? Und wie man Krieg gegen religiöse Fundamentalisten führt? Das exerzieren wir in diesem Land gerade vor…
Sollte Buch angeklagt werden?
Moore: Ich persönlich kann mir nichts schlimmeres vorstellen, als ein Präsident, der sein Land in einen Krieg schickt basierend auf einer Lüge. Das ist hart an der Grenze zum Kriminellen! Und ich hoffe, dass es einen Tag Gerechtigkeit gibt. Wenn wir einen Präsidenten wegen einem Fleck auf einem blauen Kleid des Amtes entheben wollen, dann sollte sicherlich was unternommen werden gegen einen, der unsere Kids so in den Krieg schickt.
Was war für Sie die berührendste Szene?
Moore: Als die Soldaten-Mutter den Brief ihres gefallenen Sohnes vorlas. Ich habe noch nie zuvor beim Filmen geweint – und da saß ich in ihrem Wohnzimmer und konnte mich nicht mehr halten. Als sie die Passage vorlas, ihr Sohn hoffe, dass dieser Idiot Bush nicht mehr wiedergewählt wird, habe ich mit selbst geschworen: Ich schulde es dieser Frau und ihrem Sohn, einen wirklich guten Film zu machen. Und damit so viele Menschen wie möglich zu erreichen, um den angerichteten Schaden wieder ein klein wenig gut zu machen. Das war ein Wunsch aus dem Grab heraus!
Man sieht eine Veränderung unter den Irak-Soldaten in ihrem Film.
Moore: Ja, am Anfang sind sie alle schießwütig und hören ihre Rock-Musik während sie schießen. Jetzt sind sie nur mehr desillusioniert, wollen nur mehr heim. Nichts mehr sei dort zu holen. Es sind meist junge Kids aus armen Verhältnissen, die sich aufopfern, um unsere Freiheit zu verteidigen. Und dann sterben sie, um bloß die Macht der Reichen und Einflussreichen zu erhalten.

# 20. Februar: Ex-Iran-Königin Farah Diba-Pahlavi: „Gestranded….“

DibaPahlavi
Im der Exil-Villa nahe D.C.

Träumen Sie manchmal, in den Iran zurückkehren zu können – und unter welchen Umständen könnte das geschehen?
Farah Diba-Pahlavi: Ich liebe mein Land und es vergeht kein Tag an dem ich nicht daran denke, inklusive der Leiden meiner Landsleute. Stündlich verfolge ich die Nachrichten. Und dann melden sich die Sinne: Erinnerungen an Gefühle, Gerüche, Geschmäcker. Als Exilant ist man gestrandet inmitten eines Ozeans, ohne Halt, ohne Ziel. Doch am wichtigsten ist für mich, dass der Iran den Sprung in die Freiheit schafft. Und dann hoffe ich, dass zumindest meine Kinder in den Iran zurückkehren können.
Als Monarchen?
Diba-Pahlavi: Mein Sohn Reza, der Thronfolger, hat immer klargestellt, dass er gemeinsam mit anderen Exil-Gruppen für einen demokratischen, freien, territorial intakten Iran kämpft: Wenn die Iraner dann in einer freien Volksabstimmung entscheiden, dass sie eine konstitutionelle Monarchie wieder installieren sollen, fein. Wenn sie das nicht wollen, ist es auch in Ordnung. Wichtig ist die Freiheit! Und mein Sohn will helfen.
Wie intensiv stehen Sie in Kontakt mit ihrer Heimat?
Diba-Pahlavi: Ich höre jeden Tag Radio, es ist ständig in meinem Büro angeschaltet. Und über das Internet empfange ich tausende Emails, junge Iraner, Männer, Frauen. Für mich ist die Jugend am wichtigsten, da die nach der Revolution geboren wurden. Und dann treffe ich natürlich Menschen, die über den Iran berichten. Es macht mich glücklich, wenn ich deren Stimme sein kann, um die Welt aufzuklären: Über ihre Leiden, ihre Verzweiflung – und ihre Träume, in einer modernen, freien und demokratischen Gesellschaft leben zu können.
Die Parlamentswahlen haben nach dem Ausschluss moderater Kräfte zu einem Rückschlag für die Reformbewegung geführt.
Diba-Pahlavi: Was ich höre, sind die Menschen zur Zeit dem Wählen ohnehin überdrüssig. Solange die von dem Mullahs konzipierte Verfassung nicht geändert wird, nützen alle Wahlen nichts. Die Iraner haben den Glauben an die Reformer verloren. Die haben in sechs Jahren nichts zustande gebracht. Dem Westen wurde vorgegaukelt, dass sich der Iran ändert – doch die Verfassung lässt Veränderungen nicht zu.
Hat sich der Westen mit dem „Reformer“ Kathami falsche Hoffnungen gemacht?
Diba-Pahlavi: Für ihn zu wählen, war für die Iraner zunächst ein Zeichen des Protests gegen die Mullahs – doch Kathami hat sie durch seine Unfähigkeit, Reformen durchzusetzen, enttäuscht. Jetzt ist er für viele Geschichte, wir sind darüber hinweg – wir wollen wirkliche Veränderungen.
Sie haben ihre Memoiren geschrieben, betreiben eine Website – versuchen Sie Schah-Epoche historisch in ein besseres Licht zu rücken?
Diba-Pahlavi: Ich habe meine Leben niedergeschrieben, meine Erfahrungen als Königin. Ich fühlte mich dem Erbe meines Mannes verpflichtet, dem meiner Kinder, dem Iranischen Volk: Es ist die Geschichte aus meiner Sicht! Und es ist die Story einer Frau, die an ihrem Leben festhält in den Wirren der Zeit.
Wo immer sie als Königin hinreisten, trafen sie auf Demonstranten gegen den Schah. Sie beschweren sich in ihrem Buch über unfreundliche Medienberichterstattung.
Diba-Pahlavi: Ich bin sehr bitter, vor allem wenn man weiß, was in meinem Land nach unserer Abreise passiert ist – und welche rosige Zukunft der Iran hätte haben können. Und dann frage ich mich: Wenn sich die Presse so sorgen würde über Menschenrechte, Frauenrechte, politische Gefangene etc., warum haben sie dann nach der Iranischen Revolution geschwiegen? Und warum gibt es weniger Stories, was jetzt im Iran vorgeht. Kein Land ist wichtiger für die Zukunft der Region, den ganzen Nahen Osten – den Rest der Welt.
Man warf ihnen vor, den Iran diktatorisch zu regieren.
Diba-Pahlavi: Man muss es Kontext der damaligen Zeit sehen: Es herrschte der Kalte Krieg, wir hatten die Sowjetunion als Nachbarn im Norden, die Kommunisten als Opposition im Land, dazu die Fundamentalisten, die jeden gesellschaftlichen Fortschritt ablehnten. Rückblickend hätten wir wohl die politische Öffnung rascher vorantreiben können – doch wir dachten, dass es in jedem Land lange gedauert hat, bis es reif für die Demokratie war. Doch wegen der vorübergehenden Unfreiheit unter dem Schah verknüpften viele die Hoffnung auf Freiheit mit Khomeini: Sie glaubten an ein Paradies, Khomeini hat das ausgenützt – und sich dann ihnen entledigt. Viele wurden ermordet oder vertrieben. Das Tor zur Hölle wurde aufgestoßen!
Wie kann man sich ein Normalsterblicher das Leben als Königin vorstellen?
Diba-Pahlavi: Es gibt natürlich Annehmlichkeiten, aber so ein Leben beinhaltet enorm viel Verantwortung. Als iranische Königin bin ich dankbar, in dieser Zeit regiert zu haben, wo wir materiellen und menschlichen Reichtum in unserem Staat hatten. Und ich konnte helfen, mich einsetzen für Kinder, Arme, Behinderte, deren Stimme neben dem Schah und der Regierung sein. Ich arbeitete am Krankensystem, an der Stadtplanung. Moralisch lernt man, gerecht, geduldig zu sein, ohne zu viel Ambitionen oder Eifersüchteleien auszukommen. Ein Ruhepol zu sein. So ein Leben hat materielle Privilegien, keine Frage, doch die bemerkt man kaum, weil man so busy ist. Als ich sie verlor, dachte ich jedoch oft an die Annehmlichkeiten zurück. Doch insgesamt gehört man sich kaum selbst, hat kein Privatleben. Alles wird aufgezeichnet, gefilmt. Man muss sehr vorsichtig sein. Aufregend natürlich ist, viel zu reisen, wichtige und machtvolle Menschen zu treffen, die etwas bewirken können.
Sie schreiben, dass sie bereuen, zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbracht zu haben?
Diba-Pahlavi: Das passiert allen hart arbeitenden Frauen. Obwohl ich glaube, dass Frauen ihren Talenten beruflich nachgehen sollten, sind doch viele oft zu beschäftigt damit und haben zu wenig Zeit für die Familie. Das Hauptziel einer Frau ist das Glück ihrer Kinder. Oft habe ich mein schlechtes Gewissen damit beschwichtigt, dass meine Arbeit auch meinen Kindern und deren Zukunft im Iran zu Gute komme. Letztendlich war es aber sehr schwer für sie.
Haben sie zu sehr in Saus und Braus gelebt angesichts der Not im Land?
Diba-Pahlavi: Viel von diesen Stories ist Propaganda. Natürlich gab es Armut und unterentwickelte Regionen, doch der Iran befand sich in einer Phase enormen wirtschaftlichen Aufschwungs. Und viele der Luxus-Geschichten, wegen der wir kritisiert wurden, entsprachen dem plumpen Klischee von „1001 Nacht“: Unser Palast war nichts anderes als eine größere Villa, und da die Gebäude in einem 2500 Jahre alten Staat alle irgendwie historisch sind, sieht das eben so aus wie in einem Märchen. Doch verglichen mit all den anderen Palästen, die ich in Europa oder auch im Nahen Osten gesehen habe, war das fast bescheiden. Doch es wurde eine regelrechte Kampagne gegen uns betrieben.
Haben sie die Tabloids damals gelesen?
Diba-Pahlavi: Die tollsten Lügengeschichten habe ich mir eine Zeit lang sogar aufgehoben. Ich wollte eine Ausstellung damit machen… Einige waren lachhaft, andere jedoch sehr schädlich für uns. In den letzten 25 Jahren bin ich rechtlich gegen jede Geschichte vorgegangen, die zum Schaden meiner Reputation oder der meiner Familie geführt hat. Gegen 26 Magazine und Zeitungen habe ich auch gewonnen.
Es wurde geschrieben, dass sie 25 bis 30 Milliarden Dollar außer Landes geschafft haben.
Diba-Pahlavi: Das war eine abscheuliche Lüge.
Wie haben sie ihr Leben im Exil finanziert?
Diba-Pahlavi: Natürlich hat uns mein Mann Geld hinterlassen, doch nie in dem beschriebenen Ausmaß. Diese Zahlen hat die Islamische Republik erfunden. Es tut sehr weh: Mein Mann war stets ein ehrlicher Menschen, und ich auch! Und ich würde mir wünschen, dass man sich die Korruption innerhalb der jetzigen Regierung mal genauer ansieht. Doch ich bin froh, dass mein Mann für uns vorgesorgt hatte: Es gab horrende Ausgaben für Anwälte während unsere Exil-Odyssee durch so viele Staaten, wir mussten politische Aktivitäten organisieren – und nach dem Tod meines Mannes hatten viele meine mangelnde Erfahrung mit Finanzen schamlos ausgenutzt. Am Ende musste ich ein paar gute Freunde bitten, uns auszuhelfen.
Sie weisen in ihren Memoiren aus, dass sie Frauenrechte im Iran vorangetrieben haben – wie groß war der Rückschlag durch die islamische Revolution?
Diba-Pahlavi: Frauenrechte sind so verwebt in die Geschichte des Iran, dass selbst die Mullahs es nicht zustande brachten, etwa ihr Recht, zu wählen oder gewählt zu werden, zu zerstören. Aber die Situation ist alarmierend. Doch die Iranerinnen sind stark, sie trotzen der Unterdrückung, kämpfen in ihrer eigenen Art um ihre Freiheiten. Sie absolvieren Universitäten, trachten nach ihrer Ausbildung. Sie wollen im 21. Jahrhundert leben. Ich bin sehr stolz auf sie. Und ich weiß, sie werden sich durchsetzen. Unser Land ist durch so viele Kriege, Revolutionen, Besatzungen und Katastrophen gegangen, und die Iraner gingen jedes Mal mit erhobenen Haupt hervor. Ich hoffe, dass die freie Welt sie hört und ihnen hilft!
Die Islamische Revolution vor 25 Jahren gilt als Beginn der radikalen, islamischen Fundamentalismus, der ultimativ zu Al-Qaida führte und im Terror-Horror des 11. September gipfelte. Hat niemand das kommen sehen?
Diba-Pahlavi: Nicht auf diese Art. Natürlich gab es Gruppen, die unzufrieden waren. Kommunisten, Fundamentalisten, Grundbesitzer. Als die Demos begannen, dachten wir, die wollten „normale Dinge“, wie höhere Löhne. Doch dann setzte sich ein Schneeballeffekt in Gang – direkt in die Hölle. Und es gab, auch in den westlichen Medien diese Unsinnsstory, wonach Khomeini der Triumph des Spirituellen über das Materielle sei. So ganz nach dem Motto: Er ist ein heiliger Mann, der in seiner heiligen Stadt sitzen wird und die Freiheit unterstützt. Und den Iranern haben sie so viel versprochen, dass viele bald auf ein Gratis-Autos, Gratis-Strom und Gratiswohnungen geglaubt hatten. Sicherheit und Stabilität im Iran sind zentral für den ganzen Nahen Osten, aber auch den Rest der Welt, wie wir auf so tragische Weise am 11. September erleben mussten. Und die Welt hat ihre Augen nach der Iranischen Revolution verschlossen.
Der Iran ist immer noch der Schlüssel?
Diba-Pahlavi: Auf jeden Fall. Es ist des Zentrum des Fundamentalismus und Fanatismus – und es hat alles dort begonnen!
Verfolgen Sie Gedanken, dass sie nicht genug getan haben, um das alles zu verhindern?
Diba-Pahlavi (sehr aufgewühlt): Es vergeht kein einziger Tag, wo ich nicht daran denke! Was passiert ist, warum, und vor allem, was wir anders hätten machen können. Es ist tragisch, was die Fanatiker aus diesem so reichen und kulturellen Land gemacht haben.
US-Präsident Bush ließ den Iran in die Achse des Bösen aufnehmen – war das schädlich für die Reformkräfte im Iran?
Diba-Pahlavi: Ich glaube fest, dass – nicht der Iran, aber die Islamische Republik – sogar das Epizentrum des Bösen ist.
Wie sehr macht es Sie nervös, dass das Regime in Teheran nach der Atombombe trachtet?
Diba-Pahlavi: Das ist enorm gefährlich für die gesamte Erde. Die Bombe darf niemals in die Hände solcher Leute fallen.
Welche Erinnerungen haben sie an Österreich?
Diba-Pahlavi: Ich liebe dieses Land, meine Erinnerungen sind allesamt angenehm. Mein erster Besuch war 1964 bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck. Und dann kamen wir oft zum Schifahren nach Lech und trafen dort Freunde anderer Königshäuser. Es ist ein wunderschönes, altes Land. Die Welt ändert sich, Österreich bleibt wie es ist.
Wie leben sie jetzt?
Diba-Pahlavi: Die meiste Zeit verbringe ich in Frankreich und in den USA, da meine drei Kinder hier leben. Und dann reise ich viel, nach Ägypten, Jordanien, die Schweiz, Marokko. Mein Leben ist eine Mischung zwischen all meinen Verpflichtungen gegenüber meinen Landsleuten, die sich mit Hilferufen an mich wenden, und der Organisation meines eigenen Privat- und Familienlebens.

# 26. Jänner: Mars-Experte Zubrin: „Unerforschte Orte…“

Was sind ihre ersten Eindrücke von der „Spirit“ und „Opportunity“-Missionen?
Zubrin: Man wird in dramatischer Weise erinnert, was die Weltraumforschung so faszinierend macht: Zu unerforschten Orten vorzudringen und sie zu untersuchen! Und die Öffentlichkeit ist begeistert, vor allem wenn man es mit dem sonstigen Desinteresse an der Internationalen Raumstation und den Shuttle-Missionen vergleicht. Überschattet wird jedoch etwas die enorm wichtige Missionen des europäischen „Mars Express“, der mit einem Boden penetrierenden Radar Wasservorkommen aufspüren könnte, eine der Grundlagen jeder bemannten Marsmission: Mit einem Bohrturm könnte es gefördert werden – und auch Spuren von Leben untersucht werden. Wasser ist der Schlüssel.
Wie sehr können Roboter Menschen ersetzen?
Zubrin: Diese Vehikel fahren 40 Meter pro Tag, insgesamt werden sie nicht mehr als zwei Kilometer zurücklegen – das ist beachtlich, aber doch nur ein kleiner Schritt. Menschen legen das in 20 Minuten zurück. Die Roboter werden wohl ein paar hundert Felsbrocken untersuchen, oder zumindest fotografieren. Doch stellen sie sich vor, Menschen würden durch das gleiche Flussbett marschieren, nach links und rechts sehen, aus tausende Felsen wählen, Steine hochheben, die mit ihrem Forscherhammer aufschlagen, Proben mitnehmen in das Labor, zersägen und gleich unter das Mikroskop legen, Bakterienkulturen auftragen und sehen, ob es eine Interaktion gibt. Ich möchte hier nicht die Roboter kritisieren, immerhin ist das zur Zeit der produktivste Teil der NASA-Arbeit: Aber es wirkt, als würden Kinder nach der Schule mit Extrajobs Geld verdienen, während die Eltern zu Hause hocken und die Möbel als Langeweile herum schieben. Scherz beiseite: Menschen sind die besseren Forscher! Denken Sie an Beagle 2, wenn er funktioniert hätte. Die Sonde hätte vielleicht Spuren von Methan gefunden und alle hätten sich gefreut: Eureka, wir haben Spuren von Leben gefunden. Doch welches Leben war das? Ist es ursprüngliches Marsleben, eine zweite Genesis? Oder war es von der Erde durch einen Meteor transportiert worden? Nur Menschen könnten das umgehend herausfinden, erforschen, ob das Marsleben eine andere Chemistrie hatte, eine andere DNA etwa. Ein bloßer Methan-Fund wäre ein toller Erfolg, aber wir würden nur an der Oberfläche kratzen – und Kritiker die Ergebnisse prompt hinterfragen.
Wie kommen Menschen zum Mars?
Zubrin: Die Kernfrage ist, ob NASA ein Ziel hat oder nicht, wie damals bei der Mondlandung. Zur Zeit gibt es leider zu viele dort, die zwar gerne jeden Tag am Arbeitsplatz erscheinen aber jeglichen Risken scheuen. Größere Ansammlungen dieser Leute kulminieren meist in Chefetagen. Und das bitterste an der Columbia-Tragödie war, dass die ganze Mission wissenschaftlich sinnlos ist: Die mixen Urin mit Farbe in Schwerelosigkeit und derlei, Sachen, die nicht einmal in einem Highschool-Wissenschaftswettbewerb einen Preis bekommen würden. Und dann kostet das eine halbe Milliarde Dollar, und sieben Menschen müssen sterben. Derartige Risiken sollte ich doch nur eingehen, wenn es sich dafür steht! Nach der Euphorie um die Mars-Mission – immerhin gab es in den letzten 48 Stunden auf der NASA-Website 515 Millionen Hits – verlangt die Öffentlichkeit von der NASA jetzt mutige Schritte wie eine bemannte Mars-Mission. Noch nie in der Menschheitsgeschichte standen die Realisierungs-Chancen so gut! Der Schlüssel ist, den Go-Befehl zu erteilen: Zehn Jahres später stehen Menschen am Roten Planeten, finanziert mit dem bestehenden NASA-Budget. Natürlich müssen die Mittel umgeschichtet werden und jemand sagen: Wir haben 107 Shuttle-Missionen geflogen, das ist genug! Danach muss ein Set zusammenpassender Fluggeräte gebaut werden, Booster, Module, Raketen, Bremssysteme, Transporter. Und dabei brauchen wir nicht einmal gigantische, nuklearbetriebene Raumschiffe.
Sie simulieren in Trainingscamps die Bedingungen am Mars – was würde die Erdbewohner dort erwarten?
Zubrin: Die ersten werden Forscher sein, ein Team von fünf sechs Leuten, die den Planeten nach Spuren von Leben durchsuchen, die Bedingungen studieren. Sie werden in engen Quartieren leben unter spartanischen Konditionen, so wie wir das in der Arktik simuliert haben. Sie werden hart arbeiten, jeden der 500 Tage, die sie dort verbringen werden, kostet Millionen, man erwartet Ergebnisse. Und was wir herausgefunden haben: Das Hauptproblem ist nicht Langeweile, es sind die Strapazen durch den harten Job und die schlichten Bedingungen. Keine Dusche, gerade mal ein feuchtes Abwischen alle paar Tage – Wasser wiegt enorm viel. Später wird man die Quartiere der Teams mit Tunnel verbinden, eine Basisstation mit 40, 50 Menschen etablieren, einige werden ein paar Rotationen bleiben wollen, Beziehungen eingehen und die ersten Kinder am Mars geboren werden. Und dann sind wir bereits bei der ersten Siedlung, dann Städten mit Kuppeldomen, der Beginn einer Kolonisierung. Letztendlich werden Menschen versuchen, den Mars mit „Terraforming“ bewohnbar zu machen.
Der US-Präsident müsste den Startschuss geben…
Zubrin: … ja, und nach all den Zerwürfnissen mit unseren Verbündeten nach dem Irakkrieg wäre dieses Projekt die einmalige Chance, die Menschheit wieder zu einen: Mit einem internationalen Projekt zur Erforschung unseres Sonnensystems.