# 24. November: Diane Dimond (Jackson-Kennerin): „Todesdrohungen“


Sie verfolgen das Michael-Jackson-Drama seit 12 Jahren. Was waren die schockierendes Beobachtungen?
Dimond: Sicher das Ausmaß, wie Jackson & Co die Zeugen, vor allem auf Neverland, mit einem Inferno teils wüster Drohungen zum Schweigen brachten: Da gab es einen Zeugen, der einen Sexakt zwischen Jackson und Jordie Chandler, dem Opfer des ersten großen Sexskandals 1993, beobachtete und zwei Lügendetektortests bestand. Doch er hatte derartige Todesangst, dass er nicht aussagte. Allein der Grad an Einschüchterungstaktiken von Team Jackson zeigt deutlich, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht.
Wie laufen die Drohungen genau?
Dimond: Es gab Todesdrohungen am Telefon mitten in der Nacht. Wanzen wurden installiert und Privatgespräche der Zeugen in späteren Drohanrufen wiederholt. Und dann gab es diese riesigen Schlägertypen, die sich OSS nannten, “Office for Special Security”. Die tauchten plötzlich auf Neverland auf, marschierten herum mit Pistolen, hielten Mitarbeiter wahllos auf und drohten: “Wir kennen jede Menge Attentäter in Europa – die werfen eure leblosen Körper in Müllhalden”. Und die Zeugen schwiegen. Sie fürchten sich bis heute. Viele hatten noch panische Angst, als mein Buch erschien. Und jeder meiner Zeugen, dutzende Leute, die viel Zeit rund um Jackson verbrachten, sahen Dinge mit Kindern, die sie mindestens als unangebracht erachteten. Und einige sahen mehr. Ich selbst werde seit August 1993, als ich über Jackson zu berichten begann, verfolgt: Leute tauchten in meinem Büro auf, stießen mich herum, beschimpften mich wüst! In mein Auto wurde eingebrochen, Dokumente gestohlen.
Warum wurde Jackson freigesprochen?
Dimond: Die Geschworenen hassten die Mutter des Opfers – und hatten Mitleid und vielleicht auch Ehrfurcht vor Jackson, diesen “großartigen Entertainer”, wie viele offen zugaben. Kinderschändung will sich außerdem niemand wirklich vorstellen – und deshalb ist sie auch so schwer juristisch verfolgbar. Und bei Jackson lautete das Motto: Im Zweifel für den Superstar! Erwartet hatten wir eine Jury aus erzkonservativen Biedermännern – und dann entpuppten sie sich als hartgesottene Jackson-Fans! Einer ging sogar auf seine Siegesparty auf Neverland!
Was war der stärkere Fall, Jordie Chander 1993, oder jetzt Gavin Arvizo?
Dimond: Chandler, keine Frage. Die verbrachten ja auch viel längere Zeit zusammen. Die Gavin-Affäre hatte ja gar nicht so lange gedauert. Mein Kernpunkt ist: Wenn die Arvizo-Familie das alles erfunden hätte, warum haben sie dann nicht dicker aufgetragen? Vier, fünf mal hätte er mich belästigt, hatte Gavin ausgesagt, aber ich kann mich bloß an zwei erinnern, weil ich zu betrunken war… Niemand lügt so dämlich!
Wie geht es der Familie jetzt?
Dimond: Sein Stiefvater, den Gavin wirklich liebt, ist im Irak, zumindest noch ein Jahr lang. Seine Mutter ist wieder schwanger, das Baby, ein Mädchen, wird für Jänner erwartet. Doch sie werden immer noch verfolgt: Ein irrer Jackson-Fan hat eben erst alle privaten Details von Gavin veröffentlicht. Fotos, in welche Schule er geht, wo er wohnt. Die haben alle Todesangst. Und überhaupt: Was soll das? Der Bub hat verloren, die Familie hat verloren! Was wollen solche irren Jackson-Fans noch?
Ist Michael Jackson pleite?
Dimond: Neverland ist zum Verkauf ausgeschrieben. Viele Angestellte haben gekündigt, da ihre Gehälter nicht mehr bezahlt wurden. Jackson wird niemals mehr dorthin zurückkehren: Zum einen würden ihn die Cops fortan genau beobachten. Und dann warten Gerichtsverfahren, wo er einer Heerschar von Gläubigern Zig-Millionenbeträge schuldet. Er ist längst auf der Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit. Und Bahrain ist ein idealer Fluchtort: Es gibt keinerlei Auslieferungsabkommen mit den Staaten, er kann dort so lange bleiben, so lange ihn der Prinz aushält – in beiden Bedeutungen des Wortes.
Wird er jemals ein musikalisches Comeback schaffen?
Dimond: Kaum. Seine Brüder wären gerne auf Tour mit ihm gegangen, da er für die ganze Familie immer das meiste Geld scheffelte. Doch jetzt ist der ganze Clan zerstritten. Die kolportierte Karriere als Sänger in Las Vegas ist ebenso aussichtslos, da ihn dort die Gläubiger kriegen. Und dann scheint er nicht mehr viel Talent übrig zu haben: Seit Jahren tischt er ja nur mehr Aufgewärmtes auf, alte Songs, neu gemischt und verpackt.
Wer ist noch an seiner Seite?
Dimond: Seine drei Kinder sind bei ihm. Und das ist gleich der nächste Grund, warum er nicht in die USA zurückkehren wird: Die Mutter zweier, Debbie Rowe, kämpft ja bekanntlich um das Sorgerecht. Auch die Fürsorge würde ihn verfolgen. Mit ihm ist noch seine Nanny, Grace Rwumba. Abgesprungen ist kürzlich sogar seine Make-up-Lady. Das ist wirklich kein gutes Zeichen für ihn… Sogar seine Website, mjsource, wurde vom Netz genommen, weil die Gebühren nicht mehr bezahlt wurden.
Nach all Ihren Recherchen: Was passiert wirklich in Jacksons Schlafzimmer?
Dimond: Ich habe in diesen 12 Jahre ein Verhaltensmuster dokumentiert, exakt so, wie das FBI das Profil eines Pädophilen beschreibt.
Warum gibt es dann so wenige Kläger?
Dimond: Sehen Sie sich an, was mit den Familien passiert ist? Die Chandler-Familie nahm Geld, doch ihr Leben ist zerstört. Und an der Arvizo-Familie wurde Rufmord in der schlimmsten Form begangen. Wer soll sich noch melden? Die wären doch verrückt.

24. November: Belinda Stronach: „Stehen vor großen Herausforderungen“

Eine Zeitung in Toronto hat die Stimmung vor den nächsten Parlamentswahlen so zusammengefasst: Skepsis gegenüber eines fünften Mandats der Liberalen, doch Furcht vor einer konservativen Regierung. Ihre kurze Politkarriere – ein Start bei den Konservativen gefolgt von einem spektakulären Überlaufen zu den Liberalen – scheint diese Zerrissenheit zu reflektieren.
Stronach (lacht): Durch die Erfolge der Liberalen werden wir das Patt überwinden: Wir stellen einen fähigen Premier, wir werden in Sachen Wirtschaftskraft von allen G8-Staaten beneidet, haben als einzige Budgetüberschüsse – und das alles gepaart mit einem sozialen Gewissen. Vor allem wegen letzterem habe ich die Konservativen verlassen: Sie drifteten zu sehr nach rechts. Dennoch war es die schwerste Stunde meines Lebens. Aber ich habe meine Entscheidung nie bereut. Ich wechselte zwar die Parteien, doch nicht meine Prinzipien: Die Liberalen reflektieren meine Werte weit besser. Meine Wünsche nach einer sozialeren Konservativenpartei blieben ungehört. Und dann stand auch noch die nationale Einheit auf dem Spiel, da meine Ex-Partei bereit schien, mit Quebecs Separatisten zu kooperieren.
Medien hier haben ihnen attestiert, Excitement in die kanadische Politik zu bringen. Wie groß sind ihre Ambitionen? Können wir bald mit einem Premier Stronach rechnen?
Stronach: Ich bin jetzt zwei Jahre Politikerin, und ich entschied mich dafür, weil ich dieses großartige Land noch besser machen will. Und wir stehen vor großen Herausforderungen in dieser globalen Wirtschaft mit mehr Konkurrenz aus China, Indien oder anderen Schwellenländern, deren soziale Infrastruktur weniger ausgebaut und billiger ist, wo Arbeitnehmer weit weniger Rechte haben oder Ökostandards nur rudimentär existieren. Als Kernfrage bleibt: Wie bleiben wir wettbewerbsfähig ohne unsere Sozial- und Umweltstandards zu verwässern. Die Bildung ist dabei sicher die wichtigste Investition in unsere Gesellschaft, um den Lebensstandard hoch zu halten. Das gilt für Kanada wie für Österreich. Meine Ambitionen konzentrieren sich zur Zeit darauf, als Ministerin gute Arbeit zu leisten.
Kritiker verhöhnen Sie mit Aussagen á la “viel Style wenig Substanz”, Bloggers nannten sie die “Paris Hilton der Kanadischen Politik”. Politprofessorin Linda Trimble bezeichnete einen Teil der Medienberichte als glatt sexistisch. Haben es Frauen immer noch viel schwerer in der Politik?
Stronach: Reporter würden einen Mann niemals fragen, welche Modemarken er trage oder was seine Lieblingsschuhe sind. Es ist leider nach all den Jahren noch immer eine echte Herausforderung. Und ich wünsche mir oft, wir, als Gesellschaft, würden uns mehr auf Fakten und Substanz konzentrieren und weniger auf Starpower oder Celebritystatus.
Wie weit sind Frauen in der Politik gekommen? Seit dieser Woche gibt es die erste Kanzlerin in Deutschland, in den USA wird bereist aufgeregt über einen möglichen Showdown um das Oval Office 2008 zwischen Hillary Clinton und Condoleezza Rice diskutiert.
Stronach: Nicht weit genug. Hier in Kanada haben wir nur 20 Prozent Frauenanteil in der Politik, während offensichtlich die Hälfte der Gesellschaft weiblich ist. Ich lasse deshalb keine Gelegenheit aus, um Frauen durch meinen Job zu inspirieren. Das Ziel ist: Die Hälfte der Abgeordneten und die halbe Regierung soll aus Frauen bestehen. Meine Botschaft für vor allem Jüngere ist: Verwirklicht eure Träume! Lasst euch nicht einschüchtern! Und während meiner Auftritte bedanken sich so viele für meine Vorkämpferrolle.
Sind Sie als Politikerin auch von ihren österreichischen Wurzeln beeinflusst?
Stronach: Absolut. Mein Vater kam hierher auf der Suche nach neuen Chancen und Möglichkeiten – und allein was er als Immigrant erlebte, hilft mir heute, Kanadier besser zu verstehen. Aber gleichzeitig prägen mich auch die Verbindungen zu Österreich, besonders zu meiner Oma, die ja noch dort lebt. Österreich hat einen speziellen Platz in meinem Herzen: Dort sind meine Wurzeln. Es ist ein tolles Land mit großartigen Menschen.
In ihrer Jugend erlebten sie sowohl die bescheidenen Anfänge ihres Vaters, aber auch den dramatischen Erfolg und den damit verbundenen Geldsegen.
Stronach: Oft nehme ich das alles als gegeben hin und vergesse mitunter selbst, was für eine unglaubliche Story mein Vater hinter sich hat. Er stammt ja selbst aus ganz einfachen Verhältnissen, arbeitete sehr hart, hatte auch ein wenig das Glück des Tüchtigen und agierte oft sehr mutig. Die Lektion daraus: Obwohl es oft nicht leicht ist, Änderungen in deinem Leben vorzunehmen, muss man immer an sich selbst glauben, sich ins Abenteuer stürzen, sich von nichts aufhalten lassen. Ich hoffe immer, dass ich etwas davon abbekommen habe. Und ich habe zusätzlich viel gelernt aus Österreich, von dem ich heute noch profitiere – vor allem die Kultur Europas.
Sie haben Ihr Wirtschaftsstudium nach einem Jahr aufgegeben. Wollten sie Ihren Vater rasch helfen?
Stronach: Ja, die Hilfe konnte er gut gebrauchen. Ich konnte es nicht erwarten, das Geschäft meines Dads zu erlernen. Ich fühlte als älteste Tochter ein gewisses Verantwortungsbewusstsein: Er wird ein wenig älter, dachte ich, ich kann mich nicht zu lange mit der Theorie aufhalten. Ich hatte natürlich viel Glück, in einer derart dynamischen Firma arbeiten und das Geschäft von Grund auf erlernen zu dürfen. Aber ich musste hart arbeiten, um das Vertrauen meiner Kollegen zu erhalten, die mich dann letztendlich als CEO vorgeschlagen haben. Dad war gar nicht so begeistert anfangs.
Helfen die Business-Connections in der Politik?
Stronach: Die Interaktion mit Menschen, das zielstrebige Teamwork zum Erreichen gesteckter Ziele ist in der Wirtschaft wie in der Politik gleich. Und während in der Wirtschaft Profite erzielt werden sollten, muss in der Politik das Steuergeld weise eingesetzt werden – um die Lebensqualität der Bürger zu steigern und ihre Abgaben nicht zu vergeuden. Und dann profitiere ich natürlich durch meine globalen Connections aus der Zeit bei Magna, mit Niederlassungen in 25 Staaten. Globale Erfahrung ist auch für die lokale Politik wichtig: Ich muss mich immer fragen, in welchem Kontext Polit-Programme hier in Kanada zu den Herausforderungen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit stehen.
Ihr Privatleben steht im Rampenlicht der Regenbogenpresse, ihre Scheidungen, ihre Freundschaft zu Bill Clinton…
Stronach: Als Politiker und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens braucht man eine harte Haut. Ich sage mir stets: Lass dich nicht ablenken! Bleib deinen Prinzipien treu – und volle Kraft voraus!
Suchen Sie Rat von Bill Clinton?
Stronach: Er ist ein Freund. Er liebt Kanada. Ich suche Rat – und bekomme ihn von vielen Menschen.
Magazine etikettierten sie als Kanadas durchgestylteste Politikerin aller Zeiten. Wie wichtig ist Mode für Sie?
Stronach: Mode ist Spass. Für mich ist es eine Reflektion meiner Persönlichkeit. Aber ich nehme es sicher selbst nicht so ernst wie die Medien (lacht).
Was ist das wichtigste, dass sie von ihrem Vater gelernt haben?
Stronach: Am meisten fasziniert mich an meinem Vater, wie er seine scharfen Sinne und Instinkte erhalten hat, wie er immer wieder nachfragt: Ist das der beste Weg, um etwas zu erreichen? Dazu: Tappe nicht die die Falle der Bequemlichkeit und folge nicht blindlings den ausgetretenen Pfaden – und lass dich niemals von deinen Träumen abbringen, auch wenn viele den Kopf schütteln.
Gibt es auch Streit und Debatten am Esstisch? Sie sollen etwa Gewerkschaften freundlicher gegenüber stehen als ihr Vater.
Stronach: Es geht meist recht lebhaft zu. Mein Großvater selbst war ein Gewerkschaftsführer. Und auch durch seine eigenen Anfänge hat mein Vater immer großen Respekt vor den Rechten der Arbeiter. Aber er macht sich auch darüber Gedanken, wie wir eine konstruktivere und weniger konfliktbeladene Partnerschaft zwischen der Geschäftsführung und den Angestellten und Arbeitern erreichen können.
Ihr Vater selbst kandidierte 1988 für ein Politamt – und scheiterte. Hat er Sie über Politik gewarnt?
Stronach: Er sagt ganz locker: Wenn du etwas an deine Gemeinde und dein Land zurückgeben willst, dann werde ich dich unterstützen.
Wollte ihr Vater nach seiner Rückkehr nach Österreich seine Landsleute durch seinen Erfolg inspirieren? Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, seine Visionen zu verbreiten.
Stronach: Er liebt sein Heimatland und wollte vielleicht durch seine internationale Erfahrung etwas zurückgeben. Und es liegt ihm viel daran, dass Österreich seinen Lebensstandard weiter steigert und wirtschaftlich erfolgreich bliebt.
Ihr Vater hat spontan nach dem Monsterhurrikan Katrina Obdachlosen geholfen.
Stronach: Wir waren sehr bestürzt über das Schicksal dieser Menschen, die alles verloren haben. Und dann hat er mit Lichtgeschwindigkeit geholfen, gut 300 Flüchtlinge auf einem Gelände von “Magna Entertainment” untergebracht. Er hat dadurch auch andere kanadische Firmenbosse zur Spontanhilfe inspiriert. Und er hat dafür jedenfalls nicht Wochen gebraucht.
Was ihn von der US-Regierung unterscheidet. Waren Sie überrascht über diese Horrorbilder vergessener Menschen in New Orleans?
Stronach: Das haben ja inzwischen auch die Amerikaner zur Kenntnis genommen: Sie waren nicht so vorbereitet, wie sie es hätten sein sollen.
Sind Sie besorgt über eine in der Welt zusehends isolierte Supermacht USA, deren Präsident sich geringer Popularität erfreut und dessen Irakkrieg selbst im eigenen Land immer umstrittener wird?
Stronach: Die USA ist unser Nachbar – und selbst wenn ich auswählen könnte, wären die Vereinigten Staaten meine erste Wahl: Wir teilen viele Grundprinzipien wie Demokratie, Menschen- und Bürgerrechte. Wir sind auch gute Handelspartner. Doch haben wir unsere eigenen Werte. Kanada hat etwa keine Truppen für den Irakkrieg bereitgestellt.
Waren sie besorgt, als Österreich durch den Aufstieg der Ultrarechten weltweite Schlagzeilen machte?
Stronach: Das habe ich natürlich genau verfolgt. Ich bin Ministerin der Liberalen Partei und Rechtsaußen sind mir zuwider. Das war auch ein Hauptgrund, warum ich die Konservativen verließ: Es geht in jedem zivilisierten Land darum, eine Balance zwischen einer gesunden Wirtschaft und Investitionen in den Sozialbereich zu finden. Als progressive Gesellschaft haben wir die Verpflichtung, Toleranz auszuüben und uns um Menschen zu sorgen, denen es weniger gut geht.
Was ist ihre Botschaft als Ministerin eines Einwanderungslandes an Europa, wo Immigration wesentlich umstrittener ist?
Stronach: Schauen Sie uns an! Wir sind ein Land der Einwanderer – und die ganze Welt beneidet uns! Wir zelebrieren die Tatsache, dass so viele Kulturen friedlich zusammen leben.
Als Sie in die Politik einstiegen, wollten sie die konservative Bewegung übernehmen. Das scheiterte und jetzt sind sie Ministerin für eine Partei, wo man Ihnen keine große Unterstützung durch die Basis nachsagt. Könnten Sie das Interesse an der Politik verlieren, sollte ihr Weg an die Spitze zu lange blockiert sein?
Stronach: Ich konzentriere mich voll darauf, eine gute Figur abzugeben als Ministerin und mit dem Premier erfolgreich zusammenzuarbeiten. Und, um einen Vergleich aus der Autobranche anzubringen: Ich habe nicht genug Sprit in meinem Tank!

# 9. November: Kultautor Haruki Murakami: „Die Welt ist korrupt…“


Der Name ihres jüngsten Buches “Afterdark” stammt von einer Jazznummer. Sie selbst haben einmal mit Ihrer Frau ein Jazzlokal in Tokio betrieben. Hat der Jazz auch Einfluss auf ihre Arbeit als Schriftsteller?
Murakami: Ich habe dieses Lokal sieben Jahre lang betrieben, jeden Tag Jazz gehört, sieben Stunden am Tag. Ich war durchtränkt von dieser Musik. Bis heute gehört dieses Genre zu meinem Naturell, und habe sicher viel gelernt von der Musik: Rhythmus, Improvisation. Und wenn ich schreibe, ist das in meinem Kopf wie ein großartiges Stück Musik.

Murakami
Murakami, Bauernebel in Boston

Ist deshalb ihr Schreib- und Erzählstil so einzigartig?
Muarakami (lacht): Wahrscheinlich. Sehen Sie, ich tippe hier auf meinem Computer: Das ist wie mein Instrument.
Stichwort Jazz: Hat sie der Untergang der Jazz-Metropole New Orleans deshalb besonders berührt?
Murakami: Den Jazz, den man als Besucher in New Orleans hört, ist sehr kommerziell. Das war eine Touristenfalle. Ich schätze eher modernen Jazz, besser zu finden in New York oder Boston. Aber es ist sehr tragisch, was passiert ist. Besonders schockierend ist die Tatsache, wie geteilt die USA ist zwischen Armen und Reichen. Die soziale Struktur in diesem Land ist einzigartig, mit all den krassen Klassenunterschieden.
Die meisten Charaktere in ihren Büchern sind sehr jung. Wie schaffen Sie es, als, verzeihen Sie!, 56-Jähriger deren Gefühle, deren Lebensstil und soziales Verhalten so präzise und detailgetreu zu beschreiben?
Murakami: Ich schreibe meine Novellen für die Jungen aus der Sicht eines Alten, der versucht, sich in deren Psyche hineinzuversetzen. Da stelle ich mir die Fragen: Wie war ich, als ich 15 war? Und dann entfalte ich meine ganze Vorstellungskraft und nach ein paar Tagen bin ich im Geiste 15 Jahre alt! Ich erinnere mich: Wie fühlte sich der Wind an? Worüber lachte ich? Wie waren meine Gefühle zu den Mädchen? Ich habe keine Ahnung, wie sich die Kids heute fühlen. Ich beschreibe meine Charaktere so, wie ich mir deren Jugend – basierend auf den Erfahrungen meiner – vorstelle. Aber ich fürchte mich auch stets, dass die Kids gegen meine Portraitierung ihrer Kultur protestieren – und wenn die ausbleibt, bin ich erleichtert…
Warum glauben Sie, dass so viele junge Menschen rund um die Erde in Ihnen ihre Stimme gefunden haben? Sie sind für die ein Kultautor.
Murakami: Das ist mir selbst ein Rätsel. Als ich zu schreiben begann, waren meine Leser jung, und sie folgten mir über die letzten 26 Jahre nach, was bei vielen Autoren so ist. Doch nun lesen mich deren Kinder. Und das ist sehr außergewöhnlich.
Wie sehr ist die Protestkultur der 68iger, Ihrer Jugend, Teil Ihrer Sichtweise?
Murakami: Die Situation in Japan, Europa und den USA war praktisch identisch Ende der Sechziger, die Konterkultur, die Gewalt, die Exzesse, die Drogen. Aber vor allem all der Idealismus: Die Welt ist korrumpiert, dachten wir, doch wenn wir erst an der Macht sind, wird alles besser. Es blieb viel Bitterkeit zurück, da das alles natürlich nicht passierte. Ich fühlte mich wie schockgefroren, wegen all der lähmenden Enttäuschung.
Sie haben einmal gesagt, sie wollten keine Kinder, da sie den Optimismus ihrer Eltern nicht teilen, wonach eine bessere Zukunft zu erwarten wäre. Das klingt sehr pessimistisch.
Murakami: Ich fühlte, dass wir, die “68iger”, die letzte Generation waren, die so idealistisch sein konnte… Als die Berliner Mauer stürzte 1989, war die Hoffnung groß nach einer besseren Welt nach dem Ende des Kalten Krieges: Doch dann kamen ethnische Kriege am Balkan, religiöser Fundamentalismus, der 11. September und jetzt der Krieg zwischen den Religionen, dazwischen Katastrophen wie New Orleans, der Daueralptraum im Irakkrieg. Wir leben in wahrhaft dunkeln Zeiten. Doch wenn ich schreibe, spüre ich, dass ein Hauch meines Idealismus überlebt hat: Ich spüre diesen unbändigen Optimismus. Wenn ich den Computer jedoch zuklappe, kehren deprimierende Gedanken zurück: Dieser Wahnsinn wird in den nächsten zehn Jahren so weitergehen, mindestens.
Hat der Terrorismus ihr Leben verändert?
Murakami: Ich habe 1995 den Giftgasanschlag der Sekte Aum Shinrikyo auf die Tokyoter U-Bahn sehr genau aufgearbeitet, Opfer wie Täter interviewt. Ich nehme es in Sachen Terror deshalb sehr persönlich. Und ich wusste nach dem 11. September, dass weitere Bluttaten folgen werden. Das ist eine Kettenreaktion: Die Eskalation des islamischen Fundamentalismus führte zur Eskalation des christlichen Fundamentalismus – und die Spirale dreht sich immer schneller.
Wer ist dafür verantwortlich?
Murakami: Beide Seiten, offenbar. Präsident Bush und seine Regierung haben völlig falsch reagiert und alles verschlimmert. Und jetzt stecken wir fest. Wenn Bush nicht Präsident gewesen wäre am 11. September, wäre die Welt jetzt ein besserer Ort. Solche Gedanken machen mich zutiefst traurig.
Was war der schlimmste Fehler?
Murakami: Der Irakkrieg. Das ist ein völlig sinnloses Blutvergießen. Aber diese Meinung teile ich ohnehin mit dem Rest der Welt. Deshalb will ich auch politischer werden in meiner Arbeit: Ich denke, dass ich in den nächsten zehn Jahren sicher andere, viel politischere Bücher schreiben – oder vielleicht sogar offen gegen rechtsradikale, gefährliche Politiker Stellung beziehen werde. Das ist meine Verpflichtung. Ich habe selbst keine Kinder, doch ich fühle eine Verantwortlichkeit gegenüber meinen jungen Lesern. Bisher kämpfte ich gegen all das mit meinen Geschichten: Die Fundamentalisten haben eine äußerst simple Sicht der Dinge, alles ist schwarz-weiß, gut-böse, etc. Eine Story hingegen ist völlig anders: Niemand ist ganz böse, niemand ganz gut, alles ist in einer Grauzone, mit allen möglichen Schattierungen: Das ist die Welt, die ich meinen Lesern vermitteln will. Es ist meine Verpflichtung als Novellist, dem Extremismus mit guten Geschichten Paroli zu bieten. Bücher sind eine sehr traditionelle Form des Entertainment neben all den Videospielen und Internet-Gebrauch, doch stimmt es mich optimistisch, wie viele junge Leute trotzdem zu meinen Büchern greifen.
Sie leben seit langem in den USA. Wie hat sich dieses Land verändert im “Antiterrorkrieg”?
Murakami: Vor wenigen Jahren noch fühlte ich mich hier richtig frei, konnte alles tun was mir Spass machte. Heute muss ich wegen jeder Kleinigkeit Dokumente ausfüllen, die Regierung überwacht alle Ausländer! Ich habe richtig Angst vor diesem aufkommende Fundamentalismus. Nächstes Frühjahr werde ich wohl nach Japan zurückkehren.
Wie Sie erwähnten haben Sie den Giftgasanschlag in Tokio 1995 genau erforscht. Ihre Erkenntnisse?
Murakami: Ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg arbeiteten die Japaner hart, wie auch die Deutschen oder Österreicher. Sie wurden reicher – aber nicht glücklicher. Deshalb war die Jugend so empfänglich für die irren Lehren dieser Sekte, die ihre seelische Leere ausfüllte. Es ist eine Tragödie, die überall passieren kann. Und dann zerbrach der Mythos, das Japan ein sicheres Land ist, der Rest dieser Legende stürzt mit den angeblich so erdbebensicheren Wolkenkratzern in Kobe zusammen. Von diesem Schock, dem Kollaps unseres Stolzes und Selbstvertrauens, hat sich Japan bis heute nicht erholt.
Österreich, Deutschland und Japan teilen auch einen anderen dunklen Aspekt ihrer Vergangenheit – wie hat Japan seine Geschichte aufgearbeitet?
Murakami: Die Deutschen hatten Hitler 1933 ja sogar gewählt, und ich glaube, dass die Bürger auch deshalb mehr Schuld auf sich genommen haben. Japan war damals ein despotisches Kaiserreich, und bis heute fühlen sich die Menschen noch als Opfer. Das System habe sie missbraucht, denken sie. Die Deutschen sehen sich nicht als Opfer.
Dafür die Österreicher…
Murakami: …dort scheint die Lage wahrhaftig etwas komplizierter zu sein.
Gab es in Japan, ähnlich wie in Österreich, einen Wendepunkt, wo nach einer langen Phase des Stillschweigens eine neue Generation Aufklärung über die Verbrechen während des zweiten Weltkriegs forderte?
Murakami: Nicht das ich wüsste. Der Tenor der Jungen scheint heute zu sein: Das ist lange her, was soll´s. Ich bin sehr traurig darüber: Japan hat Verbrechen begangen und muss seine Schulden begleichen! Deshalb habe ich auch das Kriegsthema in so viele meiner Bücher aufgenommen. Auch andere asiatische Nationen erlebten die Japaner als brutale Aggressoren.
Werden sie auch wegen dieser Ansichten so massiv kritisiert von Literaten in ihrer Heimat?
Murakami: Das ist eher, weil ich deren Regeln nicht befolgen wollte. Die legten fest, wie ein Literat zu schreiben hat. Ich habe mich nie um das gekümmert, ich schreibe, wie ich will. Ich war 29 Jahre alt, als ich zu schreiben begann, ich hatte keine Ausbildung, keine Technik, ich schrieb einfach drauf los. Doch nach 26 Jahren müssten meine Kritiker endlich zugeben, dass ich ein Recht auf meinen eigenen Stil habe.
Woher kommt all die Mystik in ihren Büchern, diese grellen, halluzinagenen Bilder, diese Ebenen an Wirklichkeiten, wo nichts ist wie es scheint?
Murakami (lacht): Ich habe keine Ahnung. Das ist alles irgendwie in meinem Kopf. Ich folge einfach der Strömung. Das ist als halte ich einen Wasserschlauch unter enormen Druck: Wenn ich loslasse, ist alles verloren. Ich muss dieses Monster festhalten bis zum Ende! Es ist ein wilder Ritt durch das ganze Manuskript. Deshalb denke ich auch, dass ich physisch stark sein muss.
Haben Sie Österreich besucht?
Murakami: Ich war zum letzten Mal vor zehn Jahren dort, und verbrachte viel Zeit in Schloss Schönbrunn, da das Buch, dass ich übersetzt, auch dort teilweise spielte. Besonders beeindruckt hat mich der Zoo.
Ihr Buch “Gefährliche Geliebte” ist für den Zerfall des Literarischen Quartetts in Deutschland verantwortlich, als es zu einem Wortgefecht zwischen den Autoren Marcel Reich-Ranicki und Siegrid Löffler wegen der Sexszenen kam.
Murakami: Ich habe die Verteidigung Reich-Ranitzkis sehr geschätzt. Nirgendwo in der Welt hatte es eine Debatte über das Buch gegeben – nur in Deutschland. Das ist sehr eigenartig. Es stimmt, ich schreibe oft sehr drastisch über Sex. Ich tue das, weil ich es für notwendig erachte: Sex und Gewalt sind oft ein Schlüssel, um in das Innerste eines Lesers vorzudringen. Ich bin kein gewalttätiger Typ mit einen Hang zum Porno. Die Leser verstehen das, einige Kritiker anscheinend nicht.
Sie leben in Japan, waren lange Zeit in Europa, sind jetzt in den USA. Was sind die stärksten Unterschiede, kulturell, gesellschaftlich?
Murakami: Ich fühle mich überall wohl, trotz aller Unterschiede. Interessanter ist, was diese Orte gemein haben: Wenn sie eine Gruppe von zehn Leute haben, dann gibt es zwei, die man sich als Freunde vorstellen kann, zwei, die einem als Idioten auf die Nerven fallen und einem Rest der “so-so” ist. Das ist überall auf die Welt gleich.

# 10. September: Ed Fagan: „Biblisches Gebot, mit ihr Sex zu haben…“

Hatten Sie Sex mit Models dieser Escort-Agentur?
Fagan: Ich habe einen Typen namens Frank in der “Skybar” in Wien getroffen, zufällig. Das war im April 2004. Er hatte ein paar wunderschöne Frauen dabei. In der Gesellschaft waren auch Typen namens Tom und Peter, alle sind jetzt wegen der Machenschaften der Agentur angeklagt und verurteilt. Frank war ein ekelhafter Typ, nicht sehr sympathisch, mit Tom konnte man sich eher anfreunden – und Peter hat mir später einmal bei ein paar Recherchen in Sachen Nazi-Kunstraub ausgeholfen. Ich habe Frank aus Neugierde gefragt: “Wie kann es sein, dass du mit derart tollen Frauen unterwegs bist?” Er hat geantwortet: “Wenn du die toll findest, dann warte, was ich noch zu bieten habe!” Später tauchte er mit ein paar Mädchen in meinem Hotel auf, dem Intercontinental. Eine davon war Inge, und als ich bemerkte, dass der Typ einen Callgirl-Ring betreibt, war mir das primär nicht wichtig. Mein größtes Interesse war, diese Inge kennenzulernen. Ich wußte zu diesem Zeitpunkt nicht, ob ich mit ihr nur einen Drink nehme oder mit ihr schlafe. In der folgenden Nacht hatte ich Sex mit ihr! Und das ist nicht nur kein Verbrechen, sondern ein biblisches Gebot! Jeder, der diese Frau sieht, kann das bestätigen: Es wäre ein Vergehen, nicht mit ihr zu schlafen! Später schliefen wir auch ohne Bezahlung und sie begleitete mich auch auf Reisen. Immer wieder haben wir uns getroffen, das letzte Mal vor einem halben Jahr. Nachdem sie aus Wien nach Litauen zurück gekehrt war, kam sie wegen mir zurück nach Wien, und hat sich die Reise auch selbst bezahlt. Ich sehe sie wieder in zwei Wochen.
Wie alt ist sie?
Fagan: Sie hat mit versichert, dass sie heuer 22 Jahre alt wird – also keinesfalls minderjährig war, als ich mit ihr sexuell verkehrte.
Sie war Ihre Freundin?
Fagan: So ungefähr, wenn man will. Wir reisten zusammen, jeder kannte sie, weil sie mich überallhin begleitete. Wir machten Sightseeing in Wien, schlenderten durch Schloss Schönbrunn, in Salzburg gingen wir am Kobenzel. Inge hat mir dabei auch immer wieder auch erzählt, dass ihre jüngere Schwester Riesenprobleme mit diesem Typen Frank hat, der über diesen Callgirl-Ring junge Mädchen aus aller Welt holte und Freiern zuführte. Die Anbahner oder “Agenten”, wie sie sich nennen, in den jeweiligen Ländern versprechen den jungen Mädchen natürlich tolle Modellkarrieren im Westen, und dann enden sie als Sexsklaven. Inge hat mir erzählt, dass sie Frank angeboten haben soll: “Nimm mich! Und lass meine Schwester gehen!” Sie ist für iher Schwester eingesprungen. Alles, was bisher jedenfalls über mich und Inge geschrieben wurde in der österreichischen Presse ist falsch – und ich werde sicher rechtliche Schritte einleiten.
Wo sind beide?
Fagan: Sie sind in Sicherheit, beide leben jetzt in London. Doch ich persönlich habe nichts mit diesem Frank zu tun, außer, dass wir uns damals zufällig in der Bar trafen. Und dann trafen wir mehrmals zusammen, da er immer in meiner Nähe auftauchte. Eine Art Freundschaft schloss ich mit Tom, der für Frank arbeitete, als Bodyguard oder Fahrer. Zweimal habe ihn sogar als meinen eigenen Bodyguard angeheuert. Erst später erfuhr ich von deren Problemen, es liefen ja auch Untersuchungen gegen Tom wegen Drogen – und gegen alle drei eben wegen der Prostitutionsgeschichte. Tom hat mir auch versichert, den Behörden klipp und klar gesagt zu haben, dass ich nichts mit deren Callgirlsache zu tun habe.
Hatte sie Kontakt zu anderen Callgirls dieses Ringes?
Fagan: Ja, ich habe mit noch einem Mädchen geschlafen, als Inge nicht da war. Ich kann mich an ihren Namen nicht erinnern.
Wie funktioniert die Anbahnung?
Fagan: Na ja, man ruft an, einen der Typen und fragt: Wer ist verfügbar? Toll, schicke sie! Doch mit Inge war es anders: Sie wohnte bei mir im Hotel, ich musste für weitere Nächte nicht mehr bezahlen – das machte die Zuhälter richtig wütend! Ein paar mal brachte Inge auch ihre Freundin mit, und dann habe ich beide in dem Luxushotel richtig verwöhnt, sie konnten die Sauna benützen, alles, was da war, aber nicht gegen Sex, sondern nur, weil ich wollte, dass sie sich amüsieren, während ich meinen Geschäften nachgehe. Die Freundin war sehr hübsch, aber dumm wie ein Bügelbrett. Eigentlich tragisch, dass jemand so wunderschön und gleichzeitig derart dämlich sein kann. Frank war jedenfalls außer sich: Er trieb die beiden wütend aus dem Intercontinental.
Was ist ihre Einstellung zu bezahltem Sex?
Fagan: Wenn man Frauen in Bars trifft, weiß man doch nicht, an was man ist: Einmal ging ich mit einer ins Hotel und sie entpuppte sich als er, als Transvestit… Und das ist kein lustiger Moment, kann ich ihnen nur sagen. Eine echte Überraschung ist das, keine Frage. Ich finde es viel sicherer, professionellen Service in Anspruch zu nehmen.
Ist das wegen ihres schnellen Berufsleben, mit Hinundherjetten zwischen den Kontinenten, wodurch Sie durch sie neben der harten Arbeit auch ihr privates Sexleben professionell organisieren wollen?
Fagan: Nein, so stimmt das nicht. Ich will keinesfalls mein privates Sexualleben professionell organisieren. Doch wenn ich einen Drang verspüre, dann will ich den ausleben. Aber das ist nicht ein generelles Konzept, sonder basiert aufgund spontaner Wünsche und Instinkte. Einmal hatte ich eine, die war ein Stripper im Lokal “Big Apple”, mit ihr hatte ich den besten Sex in meinem ganzen Leben. Und dann stellte sich heraus, dass sie verheiratet ist. Wie fühlt man sich da? Und ich hörte sofort auf, sie zu treffen. Viele Frauen, die ich Östereich aufgable, wollen mehr, als ich ihnen geben kann: Ich lebe nicht dort, ich bin dort nur ab und zu. Ich habe das Dating mit österreichischen Frauen probiert: Es stellte sich heraus, dass viel zu viel emotionelles Gepäck mit dabei ist. Was ich jetzt mache, wenn ich den Drang verspüre: ich gehe in die Skybar, oder Babylon, oder den Big Apple, und manchmal schlafe ich dann mit jemanden und manchmal nicht. Aber ich bin kein Fan von bezahltem Sex per se. Und ich bin so wie Legionen anderer berühmter, mächtiger und reicher Männer, die Anwälte sind, Banker, Sportler, Geschäftsleute oder Politiker.
Werden sie gegenüber der österreichischen Polizei aussagen?
Fagan: Der Fall ist jetzt eineinhalb Jahre alt. Die Bad Guys gingen in den Knast vor über einem Jahr. Die Polizei hat bisher nicht versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen, obwohl ich ihnen meine Zusammenarbeit angeboten habe. So schwer bin ich nicht zu finde. Ich würde gerne aufklären, dass ich mir nicht zu schulden kommen habe lassen und mein Kontakt zu den drei Typen Frank, Tom und Peter nicht direkt mit den Callgirls zu tun hatte, sonder nur eine zufällige Bekanntschaft darstellte. Übrigens, es gibt in der Story jede Menge Verbrecher, die Haft verdienen – und ich könnte den Ermittlern mit meinen Kenntnissen sicher helfen, den Fall aufzuklären.
Will man sich an ihnen rächen, wenn Details der Untersuchung in die Medien gelangen? Immerhin haben Sie jahrelang einen Rechtskrieg gegen österreichische Firmen und Behörden geführt?
Fagan: Daran besteht kein Zweifel. Man will es mir offenbar heimzahlen! Ich trete deshalb so vehement auf, weil ich für die Rechte meiner Klienten kämpfe. Anders als viele andere Anwälte, die nach einem Sieg vor Gericht ihr Honorar einstreifen und sich einen Dreck um ihre Klienten scheren. Ich kämpfe um die Opfer bis zuletzt.

# 12. September: Frank Stronach: „Dimensionen der Katastrophe sind überwältigend“

Was hat sie zu der spontanen Hilfe in New Orleans veranlasst?
Stronach: Wir sind eine große Firma mit viel Profit – und daher tun wir uns auch leichter, solche Sachen durchzuziehen. Als ich dieser erschütternden Bilder sah, war sofort klar: Hier muss geholfen werden! Und nachdem wir 200 Wohnungen in Palm Beach haben, die im Sommer leer stehen, habe ich sofort angeordnet: Organisiert Busse, holt die ab, und quartiert sie dort ein. Das sind fortan unsere Gäste! Dann habe ich mit dem Management telefoniert und ihnen gesagt, sie sollen die Cafeteria ankurbeln, die Zimmer herrichten, Shampoo, Seife und Kleidung bereitstellen, das ging alles zack, zack. Die Leute hatten ja nichts als ihre Kleidung am Leib.
Haben sie die Flüchtlinge persönlich getroffen?
Stronach: Ich war vergangenen Donnerstag dort unten. Es war eine sehr emotionale Begegnung: Die meisten dieser Leuten hatten vorher schon wenig, und jetzt haben sie auch noch das verloren. Sie schienen ohne Hoffnung. Ich sagte zu ihnen: Macht euch keine Sorgen für die Zukunft, ich werde euch helfen. Deshalb habe ich 200 Hektar Grund gekauft in Louisiana, nördlich der Hauptstadt Baton Rouge und gut 150 Kilometer von New Orleans entfernt – und dort baue ich jetzt ein kleines Dorf hin, wo die Flüchtlinge langfristig, und noch wichtiger, in ihrem Heimatstaat Louisiana untergebracht werden können. Das ist alles unter Dach und Fach, die ersten Häuser stehen in den nächsten paar Wochen. Dort werden wir ihnen auch bei der beruflichen Weiterbildung helfen, sodass sie spätestens in fünf Jahren wieder auf eigenen Beinen stehen können.
Wie viel haben sie investiert?
Stronach: Um die sieben Millionen Dollar. Ich war gerade in Kalifornien, als ich diese furchtbaren Bilder aus New Orleans sah, das sah ja alles so ähnlich wie bei der Tsunami aus, sehr tragisch. Und dann habe ich sofort zur Generalmobilmachung unsererseits geblasen.
Machte es Sie besonders betroffen, dass diese Bilder aus einem so reichen Land wie Amerika kamen?
Stronach: Ja, aber man darf nicht vergessen: Es gibt in diesem Land viele arme Menschen. Auf der andere Seite ist aber jetzt auch wieder die enorme Hilfsbereitschaft der Amerikaner zu bewundern: Als wir dort die Flüchtlinge abholten, sahen wir all diese Lastwagen mit Hilfsgütern, der Großteil Spenden aus ganz Amerika.
Dennoch haben die lokalen Behörden und Washington sehr langsam und chaotisch reagiert.
Stronach: Die Dimension dieser Katastrophe war sicher überwältigend. Die mangelnde Logistik hat auch uns getroffen: Wir mussten einen Tag zuwarten, bis wir die Leute mit unseren Bussen abholen durften. Ich hoffe, dass man bei künftigen Katastrophen besser vorbereitet ist. Was sicher zu beobachten war, ist die Tatsache, dass niemand auf so ein gigantisches Desaster vorbereitet schien. Aber das ist die Sache der Amerikaner. Wichtig ist jetzt, den Menschen ihre Zukunft zu sichern!
Was kann Österreich noch tun?
Stronach: Wir wollen dieses Dorf ja noch weiter ausbauen, mit der ganzen Infrastruktur wie Schulen, einem Minispital etc. Da könnten wir Spenden sicher gebrauchen. Und hier in den USA werden vielleicht auch andere Firmen unserem Vorbild folgen.

# 3. September: Astronautin Eileen Collins: „Wie eine Eischale“

Sie sind Mitglied eines sehr exklusiven Clubs der Menschheit: Nur wenige haben unseren Planeten vom All aus gesehen. Wie sehr veränderte das Ihre Perspektive über die Verletzlichkeit der Erde?
Collins: Das hat einen enormen, radikalen Effekt: Die dünne Atmosphäre ist zu sehen, wie ein Eischale über einem Ei. Man selbst fliegt durch das bitterkalte, pechschwarze All – und starrt auf diese Oase verloren in den unendlichen Weiten. Städte sind zu sehen, Grenzen zwischen Ländern durch unterschiedliche, landwirtschaftliche Anbaumuster. Und dann wird man natürlich auch von der unbeschreiblichen Schönheit überwältigt, die einem den Atem raubt.
Sie haben aber auch bei Ihrem letzten “Discovery”-Space-Shuttle-Flug auf Zeichen menschlicher Zerstörung hingewiesen.
Collins: Ich sah Feuer, über weiten Teilen Afrikas, die Erosion der Erde, besonders wenn sie Flüsse forttragen. Wasserwege sind ohne Erosion tiefblau, doch die meisten auf dieser Erde sehen brauen aus – und in ihrem Mündungsdelta ist der Ausstoß an dieser so lebensnotwendigen, obersten Schichte der Erde dramatisch zu sehen. Schockierend ist auch der Anblick der Megametropolen, die grau, wenig einladend und riesige Flächen konsumierend aussehen. Die Menschheit hat einen enormen Fingerabdruck auf diesem Planeten hinterlassen – und die Sicht aus dem All ist alarmierend. Ich bin zutiefst besorgt. Gleichzeitig konzentriere ich mich als Wissenschaftlerin und Astronautin, so viel wie möglich zu dokumentieren und zu interpretieren.
Was wirkt am zerbrechlichsten?
Collins: Auffallend sind die großen Korallenriffe, die selbst aus dem All sichtbar sind: Hier ist deutlich zu sehen, wie sich die – über die letzten Jahre, in denen ich Missionen flog – dramatisch verändert haben. Wissenschaftler, die das genauer untersuchen, fordern immer alarmierter unsere Bilder an. Und dann natürlich die Atmosphäre, diese dünne, bläulich-transparente Hülle, die uns vor kosmischer Strahlung und Kälte schützt und alles Leben erst ermöglicht. Wir teilen sie alle – und sollten auf sie aufpassen.
Nun heizt sich diese Atmosphäre auf und könnte Intensität wie Frequenz verheerender Stürme á la Katrina vergrößern. Sind sie besorgt?
Collins: Enorm. Wir müssen die Forschung in diesem Bereich vorantreiben, vor allem um herauszufinden, wie viel von dieser dramatischen Erwärmung von Menschenhand ist und wie viel den natürlichen Klimazyklen der Erde zuzuschreiben ist. Es ist sicher eine Kombination aus beidem. Doch währenddessen sollten wir handeln: Wir müssen den Trend umkehren und den Ausstoß der Treibhausgase reduzieren. Jetzt sofort, es ist keine Zeit mehr, weitere Studien abzuwarten, deren Resultate ja teilweise erst in Jahrzehnten zu erwarten sind. Wir müssen sicher stellen, dass unsere Planet auch für künftige Generationen lebenswert bleibt. Und gleichzeitig appelliere ich an junge Leute, nach Karrieren in der Wissenschaft und Forschung zu trachten, um völlig neue Energieformen zu entwickeln. Die Botschaft ist klar: Wir brauchen euch, um die Zukunft unseres Planeten zu sichern!
Manche Erdenbürger sagen, Amerika habe sich durch seine Energieverschwendung die Auswirkungen tödlicherer Stürme auch selbst zuzuschreiben.
Collins: Wir allen leben am gleichen Planeten, teilen Atmosphäre und Ressourcen. Wir sollten die Fähigkeit haben, auch auf andere zu hören. Ich persönlich bin bereit, aus der Kritik anderer zu lernen. Und alle haben das Recht, Amerika zu kritisieren. Gleichzeitig versuche ich, das so emotionslos wie möglich zu sehen, um nach Lösungen zu suchen. Wir sind eine Lebensform, deren Existenz an einen Planeten gebunden ist. Wenn wir nicht in der Lage sind, andere Himmelskörper zu erschließen, geht es um unsere Zukunft, sollte unser Heimatplanet zerstört werden. Und daran sollten wir immer denken, wenn wir unsere Ressourcen vergeuden oder unsere Umwelt gefährden.

# 15. August: Anti-Kriegs-Mutter Cindy Sheehan: „Sinnloser Krieg“

SheehanPresse
Sheehan (Hintergrund), Presse-Mitarbeiter in Crawford, TX

Sollten die Truppen jetzt abgezogen werden: Sind all diese Soldaten dann nicht umsonst gestorben?
Sheehan: Auch ich selbst habe mich das oft gefragt. Aber Tatsache ist, dass unsere Kinder in beflaggten Holzsärgen nach Hause kommen. Ich bin eine Mutter. Und mein Herz wurde aus mir herausgerissen an dem Tag, als ich von Caseys Tod erfuhr. Meine Welt wurde auf den Kopf gestellt. Ich wünschte, ich selbst wäre gestorben an diesem Tag! Und ich will nicht, dass das jemand weiter mitmachen muss, um einen Krieg zu rechtfertigen, der auf reinen Lügen basierte! Warum soll noch irgendjemand sterben für das? Alle, die drüben Dienst versehen, sind nobel und ehrenhaft: Aber sie wurden missbraucht. Niemand von ihnen hätte sterben und der Irak nicht zerbombt werden müssen – und zehntausende Zivilisten wären noch am Leben. Viele haben versucht, mich von meinem Kurs abzubringen: Doch es ist zu wichtig, was ich mache – es geht um Leben und Tod! Für Bush ist die Stunde der Wahrheit gekommen, nachdem er vom Kongress und den Medien so lange einen Freipass bekommen hat.
Was wollen sie dem Präsidenten sagen, sollten sie ihn treffen?
Sheehan: Ich will wissen: Was ist der von ihm als so nobel bezeichnete Grund, warum unsere Kinder dort sterben? Ich will ihn fragen, ob er – wenn dieser Krieg wirklich so wichtig ist – Soldaten, die ihren dritten Einsatz dort haben, mit seinen Töchtern ersetzen würde. Würde er sich damit gerne selbst in einen voll Sorge verrückt Gewordenen verwandeln? Und ich will nicht, dass er die Namen unserer Liebsten als Rechtfertigung für das Töten missbraucht. Er will Freiheit bringen mit all dem Tod und Verderben?
Die Welt nimmt Anteil an Ihrem Schicksal: Sind Sie enttäuscht, dass nicht mehr Länder Truppen schickten und dadurch unter den Besatzern hauptsächlich US-Soldaten dort sterben?
Sheehan: Alle Koalitionstruppen sollen aus dem Irak abgezogen werden. Niemand soll in diesem Krieg mehr sterben.
Kritiker sagen, sie hatten bereits die Möglichkeit mit Bush zu sprechen. Warum verdienen Sie eine zweite?
Sheehan: Er wirkte beim ersten Treffen völlig abgehoben, total losgelöst von jeglichem Mitgefühl und Realitätssinn. Er nannte mich ohne Respekt „Mum“, wusste nichts über meinen Sohn. Eine Farce. Nach dem Treffen verwandelte sich meine Trauer in blanke Wut! Er hat von meinem Sohn das ultimative Opfer verlangt – und jetzt hat er in seinen fünf Wochen Urlaub nicht einmal eine Stunde Zeit für mich?
Sie haben den Abzug Israels aus Palästina gefordert: Sind das nicht alles Dinge, die von ihrer Originalforderung ablenken und ihren Gegnern Munition liefern?
Sheehan: Ich werde verstärkt wieder auf unser Hauptmotiv fokusieren: Unsere Truppen nach Hause zu bringen! All der Auflauf der letzten Tage hat mich ein wenig abgelenkt. Ich kam hierher, setzte mich auf einen Gartensessel und sagte: „Ich werde mich nicht hier wegbewegen, bis der Präsident mit mir gesprochen hat!“ Der Medienzirkus hier hat zahllose Gruppen mit ebenso vielen Interessen angelockt. Aber wir haben viel erreicht: Endlich ist das Sterben unserer Kinder auf den Titelseiten gelandet.
Sind sie grundsätzlichen gegen Krieg?
Sheehan: Jedes Land braucht ein starkes Militär. Doch wir müssen sicherstellen, dass wir verantwortliche Führer haben, die es nur einsetzt, wenn es absolut notwendig ist.
Sind sie überrascht, wie sehr ihr Story Aufsehen erregt hat?
Sheehan: Über das Ausmaß ja. Aber ich wusste, dass die Zeit hier in Amerika reif war. Das Blatt hat sich gegen Bush gewendet. Aber gleichzeitig war es enorm hart: Ich bin mitten in der Rechten Dreckschleudermaschine gelandet. Doch selbst nachdem ich weiß, wie das ist, würde ich keine Sekunde zögern, es wieder zu machen: Unsere Truppen nach Hause zu bringen ist jeden persönlichen Preis wert.
Haben sie eine Botschaft an die Leute, die ihren Rufmord betreiben?
Sheehan: Kommt her und redet mit mir, wenn ihr was zu sagen habt. Ihr habt keine Ahnung von dem Trauma, dass ich erlebt habe. Ihr habt niemanden im Irak, wegen dem ihr schlaflose Nächte verbringt. Ihr plappert lieber brav nach, was der Präsident euch vorgibt. Das ist genau das gleich System wie beim Charaktermord an John Kerry durch die Swift-Boat-Veteranen.

# 2. August: Michael Moore: „Bush bringt die Welt in Gefahr!“

Sie haben sich lange Zeit nicht zu Wort gemeldet – wann ist mit ihrem Comeback zu rechnen? Ist dieses Festival der Beginn einer Phase, wo wir den alten Michael Moore – vor allem als politischer Bush-Schreck – wieder verstärkt zu Gesicht bekommen?
Moore: Ich bin in der Phase, wo ich absichtlich keine großen Wellen schlagen möchte. Ich verwende diese Zeit vor allem auch, um meine nächsten Schritte ordentlich vorzubereiten.
Die da wären?
Moore: Wenn ich Ihnen das jetzt verraten würde, wäre der Überraschungseffekt ja sehr gering. Wir planen sehr sorgfältig, wägen alles ab – und vor allem halten wir alles streng geheim!
Wie beurteilen sie die Arbeit der oppositionellen Demokraten – sind hier Anzeichen eines Comebacks zu beobachten?
Moore: Ich hoffe es sehr, es gibt aber doch ein paar Entwicklungen, die ermutigend sind.
Haben die Demokraten aus der Wahlschlappe des Vorjahres gelernt?
Moore: Das hoffe ich doch sehr….
Wie sehen Sie Präsident Bush in seiner zweiten Amtsperiode?
Moore: Die Welt ist in enormer Gefahr durch Bushs Politik. Und darüber bin ich zutiefst traurig. Ich hoffe inständig, dass die Welt in Betracht zieht, dass es hier Millionen Menschen gibt, die daran arbeiten, die Probleme, die er anrichtet, wieder zu korrigieren.
Sollen US-Truppen aus dem Irak abziehen?
Moore: Ja, sofort!
Würde das den Irak nicht in einem erbärmlichen Zustand zurücklassen?
Moore: Der Zustand ist jetzt bereits so erbärmlich, dass schlimmeres kaum mehr vorstellbar ist. Die Iraker müssen sich jetzt selbst aus dieser Lage befreien – und wir müssen für die Schäden bezahlen, die wir dort angerichtet haben.
Ihre Gesundheits-Doku „Sicko“: Ist da alles im Laufen, man hat lange nichts gehört?
Moore: Alles wie geplant, wir planen einen Fertigstellung Ende 2006.
Planen Sie, in zukünftigen Kampagnen eine ebenso aktive Rolle zu spielen, wie in der letzten?
Moore: Absolut. Ich bin ein Bürger dieses Landes – und das allein bedarf meiner aktiven Teilnahme!
Was denken sie über Hillary, deren mögliche Präsidentschaftskandidatur schon jetzt einen Medienhype auslöst?
Moore: Ich schätze sie sehr als Frau – politisch muss mit einem Urteil noch zugewartet werden.

# 30. Juli: „9/11-Autor“ Jonathan Foer: „Bush will nur Rache“

Die historischen Tragödien von 9/11 und der Weltkrieg-Bombardierung Dresdens spielen beide in ihrem Buch eine Rolle – wie passen die zusammen?
Foer: Ich wollte sie nicht vergleichen, oder anhand einer Skala bewerten.
Doch es ist ein interessanter Mix, oder?
Foer: Je mehr man sich darin vertieft, desto provokanter wirkt das: Hier in Amerika wurde der 11. September aus allen historischen oder globalen Zusammenhängen gerissen – und besonders deshalb redet Bush ja nur in absoluten: Gut, Böse, Terror, Gerechtigkeit, alles absolut, alles schwarz-weiß. Und ich dachte besonders nach 9/11 daran, wie Amerikaner und Briten Dresden rechtfertigten: Ja, sagten die, das war schlimm, aber wenn man bedenkt, was die Nazis angerichtet haben… Und so könnten viele außerhalb Amerikas über 9/11 denken: Es ist furchtbar, dass all diese Zivilisten starben, doch wenn man über Amerikas Taten gegenüber der Arabischen Welt nachdenkt… Beide dieser Rechtfertigungen sind natürlich gleichermaßen falsch. Verwendbar daran ist die Erinnerung, dass eben die Welt nicht in Absoluten zu betrachten ist. Was der eine für Terror hält, ist eines anderen Gerechtigkeit. Insgesamt wollte ich meinem Buch zu mehr Perspektive verhelfen.
Man hat ihnen vorgeworfen, die Twin-Tower-Tragödie auszunützen…
Foer: Ich verstehe den Vorwurf nicht: Niemand würde das einem Journalisten vorwerfen, wenn er über 9/11 schreibt. Sie haben drüber geschrieben! Ich würde Ihnen keinesfalls vorwerfen, dass Sie das ausnützten – Sie machen einfach ihren Job. Obwohl sich Magazine besser verkaufen und das Werbeaufkommen steigt, wenn Tragödien passieren. Und obwohl am Anfang die Story noch sehr lückenhaft ist, bin ich froh über alle eruierbaren Nachrichten. Warum gilt für Romanschreiber so was wie eine moralische Sperrfrist? Wäre mein Buch vielleicht perfekter, wenn ich es in 100 Jahren geschrieben hätte? Vielleicht. Aber ich will ja kein perfektes Buch schreiben. Wäre ihre Story über 9/11 besser, wenn Sie sie drei Jahre später schreiben, sicherlich. Trotzdem wollen die Menschen sofort erfahren, was los war.
Warum gelten für Künstler offenbar strengere Kriterien?
Foer: Vielleicht, weil deren Einfluss mehr gefürchtet wird: Was machen Diktatoren zuerst – sie verfolgen Künstler, verbrennen Bücher. Es wird eine Flut an 9/11-Büchern folgen, die Schleusen sind geöffnet. Ich als einer der ersten, habe halt die meisten Prügel einstecken müssen.
Sie haben die offizielle Version von 9/11 hinterfragt.
Foer: Vor allem die von Bush: Ich bin nicht böse, wie er sagt. Ich bin traurig, oder verängstigt. Ich will keine Rache, wie er. Ich habe lieber eine Diskussion mit meinen Feinden, als sie niederzunageln. Vielleicht können wir ja was lernen. Bush hat aus der Welt einen viel gewaltsameren Ort gemacht.
Sie wollen mit Al-Qaida einen Dialog führen?
Foer: Man kann einen Selbstmordbomber sicher nicht auf der Couch therapieren, kleine Frage. Mit manchen kann man nicht argumentieren. Und es gibt sicher auch Situationen, wo Krieg notwendig ist und Menschen sterben. Doch müssen das 100.000 sein wie im Irak? Und man soll auch die Hintergründe für die Motive der Terroristen erforschen. In armen Ländern haben die Leute nicht viel zu verlieren.
Jetzt wurde in London gebombt. Was macht Premier Tony Blair anders als Bush?
Foer: Er ist ein Genie, er sollte den Nobelpreis gewinnen, trotz seiner dummen Bush-Gefolgschaft besonders im Irak. Seine Reaktion war: Ja, das ist schlimm, wir werden die Täter fassen – aber hier ist unser Programm für Afrika. Taten und keine Worte. Bush redet gerne darüber, tapfer zu sein, Blair ist tapfer.
Ihr Großvater überlebte den Holocaust. Was denken sie über Österreich oder Deutschland?
Foer: Bei meinem ersten Besuch in Deutschland haben mich allein schon die deutschen Tafeln verängstigt. Ich hatte eine richtige Gänsehaut. Und dann hatte ich eine großartige Zeit – inzwischen zählt Berlin zu meinen Lieblungsorten auf diesem Planeten. Wien hat mir auch gefallen. Trotzdem bleiben oft die Gedanken: Hast du versucht, meine Großeltern zu killen?
Macht Ihnen Ihr schneller Erfolg manchmal Angst – die Welt der Literaten ist voller Sternschnuppen.
Foer: Mein Ziel war nie, Erfolg zu haben. Sieben Verlage haben mein Manuskript zurückgeschickt – der achte hatte es genommen. Wenn nicht, dann würden wir heute dieses Interview nicht machen. Sagt das etwas über die Qualität meiner Arbeit aus? Ich hatte Glück und bin froh darüber. Doch Versessenheit nach Erfolg ist eine Rezept zum Desaster.
Sie schreiben am meisten in öffentlichen Orten, Kaffeehäusern, sogar auf Parties.
Foer: Stille und Zurückgezogenheit wirkt auf mich wie ein Kreativitätskiller. Ich brauche den Trubel um mich. Ablenkung zwingt dich zur totalen Konzerntration.
Wie fühlten sie sich nach der Wiederwahl von Bush?
Foer: Deprimiert. Wir marschieren weiter mit Volldampf in ein isolationistisches und intolerantes Amerika. Faszinierend ist, wie Millionen Wähler gegen ihre eigenen Interessen stimmen. Wie Leute mit wenig Auskommen reiche Republikaner wählen, die ihnen noch mehr wegnehmen. Und das machen die nicht weil sie dumm oder ignorant sind, sondern weil sie angelogen werden. Bush & Co verstehen, das Land zu teilen und die Leute gegeneinander aufzuhetzen.

# 4. Juli: „Governator“ Arnold Schwarzenegger: „Hier gibt es eine ganz andere Mentalität“

Im Vorjahr haben sie meisterlich Deals abgeschlossen, ihren Verhandlungspartnern Wein und Schnapps serviert…
Schwarzenegger: … und Wienerschnitzel…
Heuer folgt ihre Politik jedoch einem Kollisionskurs, und in den Augen der Öffentlichkeit scheinen beide Seite – Sie und die demokratische Opposition – zu verlieren. Kommt es zum Kompromiss?
Schwarzenegger: Es ist immer leicht über Kompromisse zu sprechen, wenn Deals durch sind. Während den Verhandlungen tobt jedoch immer eine Schlacht, und da kam es auch im Vorjahr vor, dass ich die Demokraten „Girlie Men“ nennen musste, weil sei sich meinen Reformen widersetzten. Heuer tobt die Schlacht noch schlimmer, da die Big-Spender-Demokraten immer noch nicht mitbekommen haben, dass ein neuer Sheriff in der Stadt eingeritten ist. Sie wollen 1,3 Milliarden Dollar mehr ausgeben, als wir einnehmen – genau das gleich Problem, das uns das 22-Milliarden-Defizit eintrug. Ich sagte: Nur über meine Leiche! Und jetzt stecken wir fest. Und das wird bis zum November wohl so bleiben, wenn sie nicht nachgeben. Ich werde Neuverschuldungen sicher nicht zulassen. Das heißt aber nicht, dass ich diese Sachen nicht lieber gemeinsam angehen würde.
Überschatten diese Showdowns nicht ihre weit populäreren und mutigen Reform-Projekte in Sachen Umweltschutz oder Stammzellenforschung?
Schwarzenegger: Man muss sicher immer fragen: Warum gab es die Recall-Wahlen? Weil unser Staat in den Bankrott schlitterte. Die Leute sagten: Wir können den typischen Politikern nicht mehr vertrauen, die Popularität des Parlaments lag bei 20 Prozent, Gray Davis´ bei 22. Deshalb wurde ich als Outsider nach Sacramento entsandt. Für einen Neustart von jemanden, der nicht wie ein Politiker agiert, sondern wie ein Haudegen. Jemand, der sich nicht um seinen eigenen Hintern schert, jemand, der nicht alles durch die politische Brille sieht. Ich stehe für Action und Reformen. Die Bürger müssen den Staat wieder regieren, und nicht die Gewerkschaften und Interessensgruppen, die ihn in den Abgrund führten. Und natürlich wird da das Establishment aufgerüttelt, fühlt sich bedroht und schlägt zurück. Und darum gibt es Krieg! Deshalb werden Demonstranten bezahlt, deshalb werde ich in zig Millionen Dollar teuren TV-Spots diffamiert. Doch am Ende wollen die Bürger, dass wir Kompromisse finden.
Man beschuldigt sie, dass sie gegen Krankenschwestern oder Lehrer kämpfen.
Schwarzenegger: Ich liebe Krankenschwestern! Die haben mein Leben gerettet, mehrmals, als ich wegen meiner Herzoperation im Spital war, sie kümmerten sich rührend um mich bei anderen Operationen. Ich habe enormen Respekt vor ihnen. Ich kämpfe auch nicht gegen Lehrer. Die machen meine Kinder gescheit. Ich kämpfe gegen die Gewerkschaftsführer, die immer noch glauben, sie können den Staat regieren. Diese Zeit ist vorbei: Wichtig ist, was für die Bürger zählt und nicht die Gewerkschaften.
Doch die Bürger unterstützen Sie zur Zeit kaum – ihre Umfragewerte sind dramatisch gefallen.
Schwarzenegger: Das ultimative Vergnügen ist, wenn dich alle lieben und alle mit dir übereinstimmen. Aber das ist nicht realistisch. Wer harte Entscheidungen trifft, provoziert Schlachten. Ich halte das aus, weil ich viele dieser Perioden in meiner Karriere hatte. Ich weiß, was ich will, und wie sehr Kalifornien davon profitieren wird. Das ist ja keine Hexerei: Hören wir auf, über unsere Verhältnisse zu leben, mehr auszugeben, als wir einnehmen; lassen wir nicht mehr Politiker eigennützig die Grenzen der Wahlbezirke abstecken sondern unabhängige Richter, die im Dienste der Bürger handeln; reformieren wir Bildung, pragmatisieren wir Lehrer erst nach fünf Jahren Probezeit und nicht nach zwei. Das klingt banal, doch wurde von den Gewerkschaften als Kriegserklärung aufgefasst.
Hören Sie auf, sollten Sie diesen Krieg verlieren?
Schwarzenegger: Erstens, ich habe keinen politischen Lebensplan, keine persönliche Agenda, deshalb schere ich mich auch um nichts! Deshalb kann ich Entscheidungen treffen, die gut sind für Kalifornien und nicht für meine politische Karriere. Und dann sagen einige, dass ist gefährlich. Doch das kümmert mich einen Dreck, weil was habe ich denn zu verlieren? Ich bin wohlhabend, ich habe alles, was ich mir jemals erträumt habe. Was habe ich zu verlieren? Nichts! Aber ich denke nicht negativ, ich denke nur, wie ich triumphieren werde, um die notwendigen Reformen durchzudrücken. Und wie wir jede Menge Spaß dabei haben werden.
Wann kommen Sie nach Österreich?
Schwarzenegger: Ich warte nur, bis ich mehr Zeit habe, ich war ja nur einmal kurz beim Staatsbegräbnis von Präsident Klestil. Mein Ziel ist ein 14-tägige Riese durch Europa, inklusive Österreich.
Heuer?
Schwarzenegger: Ich wünschte, ich könnte nächste Woche fahren, um die Handelsbeziehungen zwischen Österreich und Kalifornien weiter anzukurbeln, da gibt es ja ein Riesenpotential. Ich sage immer: Zwei und zwei ist fünf. Bei mir stapeln sich auch die Einladungen von dutzenden anderen Ländern – ich habe nur bisher die Zeit nicht gefunden, sie auch alle zu besuchen.
Verletzt sie Kritik aus Österreich – etwa in Sachen Todesstrafe oder nach ihren Kommentare über das „sozialistische Österreich“ ihrer Jugend am Republikaner-Parteitag im Vorjahr?
Schwarzenegger: Österreich hält einen Fixplatz in meinem Herzen. Ich liebe Österreich, und bin gerne dort. Aber, um ehrlich zu sein, ich kann durch Kommentare von dort nicht verletzt werden. Es ist nicht repräsentativ für Österreich, wenn Politiker derart dumme Sachen verbreiten. Das ist die Meinung dieser Leute, einzelner Individuen, doch nicht die des österreichischen Volkes. Zur Todesstrafe, nur zur Klärung: Wir haben hier in den USA unsere eigenen Gesetze. Und obwohl ich in Österreich aufwuchs, und man dort nicht an die Todesstrafe glaubt: Ich persönlich unterstütze die Todesstrafe! Und ich meine, wir müssen unsere Gesetze so exekutieren wie sie beschlossen wurden. Wenn die Bürger per Referendum die Todesstrafe hier abschaffen, dann ist das auch o.k.. Ich verstehe jedoch, dass die Österreicher das nicht gut heißen, und sie haben das Recht auf ihre Meinung. Vielleicht würde ich auch anders denken, wenn ich in Österreich leben würde.
Beeinflussen Erinnerungen und Gefühle an Österreich ihr heutiges Tagesgeschäft?
Schwarzenegger: Ja, gelegentlich. Aber es gibt auch diesen Revolutionär in mir, der sich gegen dieses sozialistische Österreich zur Wehr setzt! Ich kichere, wenn Österreich sagt, wir sind ja nicht wirklich ein sozialistisches Land… Sehr witzig. Es ist eine Demokratie, ein freies Land – aber es ist ein sozialistisches Land! Wie immer man es auch betrachtet. Und als ich bei der Republikaner-Konvention über die Sichtung russischer Panzer erzählte, war der Typ, der mir dann widersprach, ein bisschen schwach auf der Brust mit seinen Infos. Ich habe nämlich die Panzer am Semmering gesehen. Natürlich weiß ich, dass es keine Sowjetpanzer in Graz gab. Als wir nach Wien fuhren, erinnere mich an diese Panzer an der Demarkationslinie – das waren derart intensive Erinnerungen, dass ich mich später beim Bundesheer entschloss, Panzerfahrer zu werden. Gleichzeitig war es eine Angst einflössende Erfahrung, die noch heute in meinem Gedächtnis weiterlebt. So war das wirklich, aber es gibt in Österreich offenbar genug Schlaumeier, die meinen Namen missbrauchen um selbst in die Zeitung zu kommen…
Vermissen Sie das Filmemachen?
Schwarzenegger: Das erstaunlichste ist: Ich habe es noch keine einzige Minute lang vermisst. Sogar als ich Stephen Spielberg am Set für den Epos „War of the Worlds“ besuchte: Ich schaute Tom Cruise zu, als er, angehängt an einem Seil, durch die Luft segelte und in ein Raumschiff stieg. Und wie Spielberg lässig im Sessel hing und Direktionen gab. Ich ging raus, und wurde gefragt: Vermisst du das nicht? Nope, kein bisschen. Es ist vorbei. Als ich von Bodybuilding ins Filmgeschäft wechselte, habe ich Bodybuilding auch nicht vermisst. Wenn ich in einer Sparte alles erreicht habe, wende ich mich der nächsten zu: Und ich liebe es, alles neu zu erlernen, einen völligen Neustart zu versuchen. Wenn man dann dort sitzt, aufgeregt wie ein junges Hündchen, alles neu, alles so aufregend. Das macht Spaß! Und wie viele Menschen auf diesem Planeten hatten die Chance, so viele neue Dinge zu versuchen wie ich? Und es gibt auch nur einen Platz, wo das möglich ist – Kalifornien. Versuchen sie das mal in Österreich? Wo man sich etwa in Sachen Politik innerhalb der Parteien oder dem diplomatischen Dienst hochhandeln muss, wo es wenige Quereinsteiger gab, wie Klestil oder Waldheim, und selbst die waren als Diplomaten schon fest verankert im System. Kalifornien ist das Land der Möglichkeiten, Amerika ist das Land der Möglichkeiten! Hier gibt es eine ganz andere Mentalität. Sehen Sie mich an, ich sitze hier im Gouverneursbüro aus Ausländer! Oder der neue Bürgermeister von L.A., ein Einwanderer aus Mexiko. Wo gibt es so was sonst noch?
Wollen Sie US-Präsident werden?
Schwarzenegger: Ich unterstütze den Antrag auf Verfassungsänderung, da im Ausland Geborene nicht von diesem Amt ausgeschlossen werden sollten. Aber das wird sicher nicht in meiner Zeit beschlossen werden, die Verfassung Amerikas zu ändern ist kein Honiglecken. Deshalb verschwende ich kaum Gedanken daran. Ich wurde Gouverneur nicht um eine Politkarriere zu starten, sondern um ein kaputtes System zu reparieren. Gelingt mir das, ziehe ich lieber weiter. Da gab es etwa diesen römischen Kaiser, der mit seinen Armeen Rom rettete, dann seine Ring zurückgab, seine Waffen, seine Pferde – und auf seinen Bauernhof zurückkehrte. Na, das nenne ich cool!
Das sind Sie.
Schwarzenegger: So sehe ich mich selbst! Je länger ich bleibe, desto mehr würde ich beginnen, zu taktieren: Ist diese Entscheidung richtig für meine Karriere, oder diese – ich wehre mich stets gegen solche Gedanken. Sie kommen immer an mich heran: Mach einen Deal hier, dann können wir bei der Wiederwahl helfen.
Sie wollen kein Politiker werden?
Schwarzenegger: Ich möchte mich jeden Tag in der Früh in den Spiegel schauen können. Ich will der Outsider sein, der kommt, Dinge repariert und weiterzieht. Das kann auch dauern, und bedarf vielleicht einer zweiten Amtsperiode. Aber wenn der Boden aufbereitet ist, können auch andere den Job zu Ende führen.

# 15. Mai: Saddam-Anwalt Giovanni Di Stefano: „Mein Mandant in Unterhosen?“

Was ging durch Ihren Kopf, als Sie Ihren Klienten in Unterhosen auf dem Titelblatt einer Zeitung sahen?
Di Stefano: Es ist enorm bedauerlich, doch 99.99 Prozent der Menschen tragen Unterhosen. So auch Saddam, „Marks & Spencer“, so wie es aussieht, welche großartige Enthüllung! Trotzdem hätte das nicht passieren dürfen.
Die Bilder sind ein Verstoß gegen die Genfer Konvention – und einer ihrer Kollegen hat eine Millionenklage gegen die „Sun“ angekündigt.
Di Stefano: Das Problem ist: Wo können wir gegen den Verstoß gegen die Genfer Konvention klagen, und wen? In Amerika? Dann würden es sich die Amerikaner richten, wie schon in anderen Fällen auch, wo vieles unter den Teppich gekehrt wird. Und eine Zivilklage für Schadenersatz? Saddam kann mit Geld doch jetzt nichts mehr anfangen. Irgendwo müssen wir realistisch bleiben.
Wie läuft das Verfahren, angekündigt als Jahrhundert-Tribunal?
Di Stefano: Ich möchte wissen, wann er endlich angeklagt wird. Es gibt keine Anklageschrift, kein einziges seiner angeblichen Verbrechen ist dargestellt. Klagt ihn an, oder lasst ihn frei! So läuft das jedenfalls in jedem westlichen Justizsystem: Ein Mann, der 19 Monate ohne Anklage angehalten wird, wäre ein Skandal. Ich wäre inzwischen ja fast schon zufrieden mit EINEM Verfahren, Fairness ist nicht einmal mehr der zentrale Punkt. Je länger man zuwartet, desto länger wird auch das tödliche Chaos in diesem Land anhalten.
Was hält das Verfahren auf – und welche Rolle haben die Amerikaner im Fall Saddam heute?
Di Stefano: Sie halten ihn in Gewahrsam und er wird auch von den Geheimdiensten verhört. Und sie sitzen auf einem ganzen Berg von Beweisen, die für die irakischen Ankläger das Fundament der Klagsschrift darstellen. Laut CIA-Direktive dürfen nur Amerikaner mit spezieller Clearance die Dokumente einsehen. Die Iraker schäumen vor Wut! Die wollen doch Saddam endlich vor Gericht sehen. Und eines der größten Probleme für die Anklage bin ich selbst: Ich habe auf Saddams Immunität als Souverän hingewiesen, Paragraf 40 der Verfassung – basierend auf irakischem Recht könnte er, selbst wenn er 100 Million Menschen auf dem Gewissen hat, nicht belangt werden. Das gleiche gibt es übrigens auch in Großbritannien: Wenn die Queen ihren Koch erwürgt, passiert ihr auch nichts, sie ist als Königin immun gegenüber jeglicher Strafverfolgung. Dazu kommt, dass Saddam wegen rechtlicher Komplikationen noch nicht dem Tribunal überstellt werden kann – er ist wie Tom Hanks im Film „The Terminal“ gefangen im juristischen Niemandsland.
Sie fordern seine Freilassung?
Di Stefano: Bis es Anklagepunkte gibt, sollte er in einem neutralen Land wie Österreich als freier Mann leben. Was soll den diese ganze Doppelmoral der Amerikaner: „Wir sind die Propheten der Demokratie!“. Wenn das so ist, dann setzt die Grundprinzipien eurer Demokratie verdammt noch mal um!
Es ist doch auch im Interesse der Amerikaner, ihn vor Gericht zu sehen.
Di Stefano: Nach dem Fotoskandal haben Bush und Rumsfeld „aggressive“ Untersuchungen angekündigt. Fein, ich wünschte sie würden auch die Anklage aggressiv vorantreiben.
Wie verbringt er seine Tage?
Di Stefano: Er ist ein Gefangener – und hasst es natürlich. Er schreibt an seiner Biografie, mit Füllfederhalter auf Papier. Man wollte ihm eine Schreibmaschine geben, doch er will es in arabisch verfassen und handschriftlich.
Was steht da drinnen?
Di Stefano: Was wir bisher sahen, ist meist über seine Jugend, sein Leben, Studium in Kairo, seine Bewunderung für Colonal Nasser und seine Unterstützung für die panarabische Baath-Partei. Die Idee war damals so etwas wie eine Arabische Union zu gründen, die gleiche Idee wie bei der EU. Dann beschreibt er seinen dreieinhalbjährige Haft, und seine geplante Flucht, die als Falle von einem Baath-Parteimann ausgeheckt wurde. Von dort rührt sein großes Misstrauen auch gegenüber engsten Verbündeten her. Im Iran-Irak-Krieg beschuldigt er Großbritannien, da sie mit Waffenlieferungen die Iraner unterstützt und ein Interesse an einem endlosen Krieg gehabt hätten. Der Grund: Die Instabilität in Nahost hielt die Preise für ihr eigenes Brent-Öl hoch. Die Amerikaner haben jedoch Saddam unterstützt, da für sie Teherans Mullahs die größere Bedrohung darstellten. Weiter ist er noch nicht gekommen. Vieles sind auch einzelne Absätze, Gedanken und Erinnerungen, die ihm in den Kopf schießen – erst am Ende kann das zu einer packenden Geschichte zusammengestellt werden. Verlage haben mir inzwischen schon Millionen für die Bio angeboten – doch ich bin nicht sein Agent, sondern sein Anwalt.
Haben die Amerikaner Teile zensiert?
Di Stefano: Noch nicht – aber er hat die aktuellen Kapitel ja noch nicht begonnen.

# 28. März: Royal-Watcherin Kitty Kelley: „Charles ist hoffnungslos…“

Kam der Entschluss zur Heirat zwischen Charles und Camilla überraschend?
Kelley: Man könnte deren Beziehung als romantisch betrachten, doch man darf nie vergessen: Sie hat die Ehe zwischen Charles und Diana zerstört! Diesen Beigeschmack werden sie nie wieder los. Deshalb verstieg man sich sogar zur Behauptung, dass sie nicht Königin werden kann. Das ist natürlich Unsinn: Wenn Charles gekrönt wird, steht ihm Queen Camilla zur Seite. Doch acht Jahre nach Dianas Tod scheinen viele Briten die Tatsache zu akzeptieren, dass der Prinz sie liebt, und sie die Erinnerungen an Diana niemals überstrahlen noch in ihre Fußstapfen treten kann, vor allem in Sachen globaler Hilfsprojekte. Doch sie wird ihm eine gute Gattin sein. Und Charles heuerte all diese PR-Spezialisten an, um die Öffentlichkeit für Camilla zu gewinnen: Die halfen ihr bei der Gardarobe, beim Make-up, Reden, sie wurde nach New York geflogen, um in dessen Society eingeführt zu werden.
Das alles schien aber gründlich daneben gegangen zu sein.
Kelley: Ja, die Queen hat ihm die Show vermasselt. Nicht umsonst sagte sie, als Diana zu ihr kam und sich über seine Affäre zu Camilla beklagte: „Charles ist hoffnungslos…“. Es gibt massive Spannungen zwischen der Queen und Charles, inklusive der Stäbe, die sich im Buckingham Palast wüste Gräbenkämpfe liefern. Und dann wollte es die Queen auch noch allen recht machen: Sie gab ihr O.K. zur Hochzeit, doch verbat eine Trauung in der Kirche. Dann sagte sie die Teilnahme am religiösem Teil der Zeremonie ab, gibt dafür bloß einen Empfang. Das Resultat ist ein glatter Public-Relations-Super-GAU, wo sie nun so dasteht, als würde sie ihrem Sohn die Hochzeit vermasseln wollen. Und Charles sieht wieder wie ein Wurstel aus: Nicht einmal Mamma steht hinter seiner Eheschließung.
Man könnte glauben, dass wäre leicht – vorher und abseits der Öffentlichkeit – zwischen den beiden auszuhandeln gewesen?
Kelley: Ja, sollte man glauben. Das alles ist enorm überraschend und sicherlich sehr idiotisch! Doch die Queen scheint in einer anderen Welt zu leben – würden vielleicht auch wir, umgeben von so viel Pomp und Macht…
Könnte das Fiasko Bestrebungen beflügeln, gleich Williams zum nächsten König zu machen?
Kelley: Das ist völlig ausgeschlossen. Hier geht es nicht um einen Popularitätswettbewerb, oder einen politischen Wahlkampf: Charles hat sich sein ganzes Leben vorbereitet, König zu werden: Er wird das niemals aufgeben! Doch seine Mutter, wenn sie den Genen ihrer erst mit 100 Jahren verstorbenen Mutter folgt, könnte noch sehr lange Königin sein – danach auch Charles lange dienen. Das heißt, wenn Williams die Thronfolge antritt, werden die Zeiten von royalem Pomp vorbei sein, mit einem dramatisch geschrumpften Einfluss der Monarchie: Ich sehe einen pragmatischen, modernen König William, mit Anzug und Krawatte.
Warum heiraten Camilla und Charles gerade jetzt?
Kelley: Die Öffentlichkeit hätte diese Beziehung sonst nicht mehr toleriert. Die Royals sollten theoretisch ja ein Vorbild sein (lacht!). Scherz beiseite: Charles hat wohl erkannt, dass er so nicht mehr weitermachen kann und das in Ordnung bringen muss. Er hätte es jedoch nicht ohne die Unterstützung seiner Söhne machen können: Und die scheinen sich mit dem Unausweichlichen abgefunden zu haben und zu akzeptieren, dass ihr Vater sie liebt und sie ihm nicht im Wege stehen wollen.
Wie ist deren Verhältnis zu Camilla?
Kelley: Sie hatten acht Jahre, um mögliche Hassgefühle zu los zu werden. Und sie wissen: Ihr Vater ist glücklicher mit Camilla an seiner Seite. Sie hält sich auch aus allen Stiefmutter-Business raus. Und das ist besonders für Harry eigentlich tragisch: Während alle Welt auf Thronfolger William fokusiert, wirkt Harry wie eine verlorenes Kind. Und er befindet sich in einer Abwärtsspirale. Ein Mitglied der königlichen Familie, das mit einer Hakenkreuzschleife herum läuft? Das ist so ignorant, vulgär und dumm, dass mir die Worte fehlen. Und man wundert sich, was diesem jungen Mann beigebracht wurde…
Könnte das nicht indirekt als Hilferuf gedeutet werden, ein Zwang zum Auffallen?
Kelley: Nein, das ist schlicht ignorant und dumm – und wirft die Frage auf: Ist ein Mitglied der britischen Königsfamilie ein Neonazi? Versteht er nicht, dass dieses Zeichen für das blanke Böse steht? Der Rest der Welt weiß das…
Geben William und Harry Camilla die Mitschuld, was ihrer Mutter passierte?
Kelley: Nicht direkt an ihrem Tod natürlich. Aber die schmerzerfüllten Worte ihrer Mutter, als sie von „überfüllten Beziehung“ sprach, hallen wohl in ihren Köpfen nach. Doch sie lieben ihren Vater und sehen Dinge jetzt pragmatischer. Wenn sie ihr wirklich die Hauptschuld an der gescheiterten Ehe geben würden, dann – glauben Sie mir! – gäbe es keine Hochzeit.
Camilla und Charles sind seit 35 Jahren zusammen, eigentlich eine unheimliche Beziehungs-Erfolgs-Story.
Kelley: Tatsächlich. Sie teilen viele gemeinsame Interessen, Jagen, Schießen inklusive. Sie ist eine traditionelle Monarchistin. Und am wichtigsten: Sie steht nicht im Wettbewerb mit Charles um die Gunst der Bevölkerung, sie überstrahlt ihn nicht. Sie ist die perfekte Gemahlin für Charles!
Das war wohl anders mit Diana.
Kelley (lacht): Diana wurde ein royaler Rockstar in Stöckelschuhen. Neben ihr wirkte Charles grauer, fader und spießiger, als man sonst wahrgenommen hätte. Camilla hingegen, lässt ihn strahlen.

# 10. März: Hans Blix: „Der Iran darf das…“

Sie argumentierten, dass in Sachen Iraks nicht existierenden Massenvernichtungswaffen ihre Inspektoren mehr wussten, als US-Geheimdienste. Im Iran scheinen weder Geheimdienste noch IAEO-Inspektoren in der Lage, sich ein klares Bild zu verschaffen.
Blix: Die IAEO hat trotz aller Schwächen bereits weit mehr zusammengetragen als alle Spionage-Dienste zusammen. Die UN-Leute können vor Ort Anlagen inspizieren, während Geheimdienste auf Überlieferungen angewiesen sind. Das war auch im Irak ihr Verhängnis. In den 90igern haben die Geheimdienste den Großteil ihrer Erkenntnisse von den UNSCOM-Teams abgeschrieben.
Über Irans Atomprogramm weiß man jedoch immer noch zu wenig.
Blix: Natürlich hängt die Arbeit der UN-Inspektoren von lokalen Genehmigungen für Inspektionen ab – Transparenz, das sollten diese Staaten vom Irak lernen, ist dabei die beste Medizin.
Verstößt Irans Urananreicherung gegen internationale Gesetze?
Blix: Laut Atomwaffensperrvertrag dürfen sie das – für zivile Zwecke. Japan und Brasilien reichern große Mengen an Uran an, Südafrika früher. Doch wenn der Iran die technischen Voraussetzungen schafft, Uran anzureichern, können das die drei bis vier Prozent sein, die Kernkraftwerke brauchen, aber auch die 90 Prozent für Atombomben. Die Anlagen sind dieselben. Deshalb wird der Prozess in Brasilien und Japan streng überwacht. Die Europäer drängen Teheran daher, freiwillig auf Anreicherung generell zu verzichten. Die Amerikaner liegen daneben, weil sie so tun, als wäre es Irans Obligation, auf jegliche Anreicherung zu verzichten. Das ist ein Irrtum. Um die Iraner von ihrem Kurs abzubringen, muss man ihnen auch was anbieten.
Berichte über angehende Aufklärungsmission der US-Streitkräfte haben in Europa leichte Panik ausgelöst – droht eine Militäraktion der Amerikaner?
Blix: Wenn die Reports stimmen, sind das wahrscheinlich Drohnen, die aus der Luft mögliche Ziele ausmachen. Das wäre ein klarer Verstoß gegen Irans Souveränität. Ein Militärschlag wäre ein schwerer Fehler: Irans Opposition, die heute gegen das Atomprogramm protestiert, würde sich im Fall eines Angriffs hinter die Regierung stellen. Und noch wichtiger ist die Frage: Will man gezielt Atomanlagen bombardieren? Und ist es nicht wahrscheinlich, dass die Iraner, die sich über solche Pläne sicher Sorgen machen, Prototypen der Anreicherungsanlagen in geheimen Plätzen verstecken anstatt sie in die bekannten Orten herumstehen zu lassen?
Wie groß ist der Schaden am internationalen System nach dem Alleingang der USA und ihrer Verbündeten im Irakkrieg?
Blix: Zur Zeit bemühen sich ja beide Seiten, die Sache hinter sich zu bringen. Der Fokus liegt im Nahen Osten, um die Friedensfahrplan im palästinensisch-israelischen Konflikt wieder in Schwung zu bringen. Und sollte sich im Irak eine legitime Regierung etablieren, werden auch ehemalige Kriegsgegner helfen, da sie dann ja nicht mehr die Gefahr sehen, Teil der Besatzung zu sein. Doch die Grundfragen bleiben: Glaubt die USA, je nach Laune Staaten mit Cruise Missiles beschießen zu können, nur weil ihnen das Regime nicht passt? Oder weil sie dort Massenvernichtungswaffen vermuten? Der große Test wird im Frühjahr bei der Atomwaffensperrvertrags-Folgekonferenz kommen – und die USA haben auch hier den Rückwärtsgang eingeschaltet: Eine Ratifizierung des Atomteststoppabkommens ist nicht in Sicht. Und sogar die Neuentwicklung von Nuklearwaffen wurde angekündigt: Immerhin hat der Kongress bisher die Mittel verweigert. Doch falls sich das Pentagon hier durchsetzt, drohen in Sachen Abrüstung sehr, sehr düstere Zeiten.
US-Präsident Bush lässt sich feiern, da seine Dominotheorie einer im Irak beginnenden Demokratisierung der Arabischen Welt Früchte zu tragen scheint – was ist, wenn er am Ende Recht behält?
Blix: Der Tod Arafats war sicher nicht Teil dieses Plans, deshalb sollten sie sich nicht Lorbeeren für die Präsidentschaftswahlen in Palästina umhängen. Im Irak hat die USA sicher recht behalten, die Wahlen nicht zu verzögern und trotz Sicherheitsbedenken durchzuziehen: Die Courage der Iraker war bewundernswert. Und wenn andere in der Region vom Demokratievirus ansteckt werden, umso besser. Doch das alles kann nicht als Rechtfertigung für den Irakkrieg herhalten: Kriegsskeptiker haben keinen Grund, ihre Ansichten jetzt zu revidieren. Die Invasion wurde mit der Existenz von Massenvernichtungswaffen begründet, die letztendlich nicht existierten. Und spätere Erfolge machen illegales Handeln nicht rechtens.
Waren sie persönlich überrascht, dass so absolut gar nichts and Massenvernichtungswaffen gefunden worden war?
Blix: Wir konnten vor der Invasion trotz aller Indizien leider nicht mit absoluter Gewissheit sagen, dass die Arsenale NICHT existieren. Auffälliger schien, wie hahnebüchern viele der angeblichen Beweise der Kriegstreiber waren – am peinlichsten der angebliche Kauf von „Yellow Cake“ zur Atomproduktion, den unsere Leute in einer Stunde als plumpe Fälschung enttarnten. Und dauernd wurden meine Inspektoren von den Geheimdiensten zu Orten geschickt, wo nichts zu finden war.
Hat sie Bushs Wiederwahl überrascht, nach den hohen Kosten an Menschenleben, sündteurer Besatzung und Wiederaufbau im Irak?
Blix: Ich bin Europäer, deshalb kann ich mich nicht hundertprozentig in die US-Wähler hineinversetzen. Es war wohl am Ende die Angst vor dem Terrorismus und der tiefe Schock des 11. September. In Sachen Irak waren die Gefühle der Amerikaner sicher gemischt.
Was haben beide Seiten aus dem Diplomatenshowdown vor der UNO vor dem Irakkrieg gelernt?
Blix: Die Amerikaner haben oft gesagt, die Meinung der UN-Sicherheitsrats ist irrelevant. Jetzt haben sie einen hohen Preis dafür bezahlt, da viele Staaten beim Wiederaufbau und der Befriedung des Landes die Gefolgschaft verweigerten. Die UNO ist nicht sinnlos: Es ist äußerst hilfreich, die internationale Gemeinschaft und die Weltmeinung auf seiner Seite zu haben.
Jetzt hat Washington den UNO-Hasser John Bolton als Botschafter nach New York entsandt.
Blix: Ich hoffe, er befolgt strikt seine Anweisungen aus dem Statedepartment.

# 15. Februar: Roberts-Biograf James Spada: „Erfolge der Fruchtbarkeitsbehandlung…“

Julia Roberts hat sich lange nach Kindern gesehnt – jetzt hat sie mit gleich zwei Babies alle Hände voll zu tun.
Spada: Sie unterzog sich einer Fruchtbarkeitsbehandlung, die Kosten waren 18.000 Dollar. Sie soll froh sein, dass nicht fünf davon herumkrabbeln. Doch sie ist überglücklich, besonders nach der schwierigen Schwangerschaft mit viel Bettruhe und dem dramatischen Stunden der ersten Wehen, als am Weg zum Spital das Auto kaputt ging, sodass Julia und Danny spät Nachts verzweifelt ein Taxi aufhalten mussten – ein Unterfangen, dass sonst im diese Zeit in Los Angeles fast als unmöglich angesehen wird.
Fast drei Monate sind vergangen, bis die ersten Bilder freigegeben wurden – wollte sie die Spannung steigern?
Spada: Vielleicht dachten sie, dass die Babies jetzt hübscher sind, als neugeboren. Es sollte auch der Hunger der Öffentlichkeit gestillt werden, in der Hoffung, dass sie Paparazzis fortan mehr in Ruhe lassen. Üblicherweise wollen Moviestars ihre Kinder nicht fotografiert haben, weil sie Angst vor Entführungen haben.
Julia Roberts war schon zuvor Amerikas Filmliebling Nr. 1 – jetzt mit zwei Babies am Arm ist sie wohl am Höhepunkt an nationaler Verzückung.
Spada: Sie wird sicher keine Fans verlieren, deswegen.
Wie wird sie ihre neue Rolle als Mutter erfüllen – und welche Auswirkungen könnte ihre eigene Horror-Jugend in ihrer höchst dysfunktionalen Familie haben?
Spada: Es könnte in beide Richtungen gehen: Leute, die eine schlimme Jugend hatten, versuchen oft, überzukompensieren, andere wiederholen die Fehler ihrer Eltern. Julias Erfahrungen in ihrer Kindheit waren auch nicht so furchtbar, wie die ihres Bruders Eric. Sie hatte eine wesentlich besser Beziehung zu ihrer Mutter. Der Schlüssel für das Wohlbefinden der Twins wird sein, ob Danny und Julia zusammen bleiben.
Wie geht es mit ihrer Karriere weiter?
Spada: Es gab zuerst Gerücht, dass sie sich zurückziehen könnte aus dem Showbiz. Doch die haben sich rasch zerstreut: Sie verleiht ihre Stimme bereits an Zeichentrickfilmcharakter, plant einen Film namens „The Family Way“, basierend auf einer Novelle über frisch gebackene Eltern. Die Gefahr mit Mutter-Filmen ist jedoch, dass viele Zusehen darüber grübeln werden, wie viel von der Story tatsächlich über sie selbst ist.
Haben die Kids kolportierte Beziehungsprobleme zwischen Julia und Danny vorerst gekittet?
Spada: Es hat die Beziehung sicherlich intensiviert – wie bei anderen jungen Eltern auch. Es sind ja wunderschöne Kinder. Und ich bin auch überrascht über die verborgenen Talente von Danny als Fotograf, der die nun veröffentlichten Fotos auf deren Ranch in New Mexico geschossen hat. Er hat als Kameramann wohl das Auge dafür.

4. Februar: Jeanne-Claude: „Sind wir einer Irrenanstalt entsprungen?“

Was hat sie für ihre Installation „The Gates“ in Central Park inspiriert?
Jeanne-Claude: Als wir vor 41 Jahren in New York ankamen, waren wir zuerst fasziniert mit der Skyline und wollte einige Hochhäuser einhüllen. Wir haben die Eigentümer der Skyscraper in 20 Exchange Place und Nummer 2 Broadway in Lower Manhattan aufgesucht und ihnen ein paar Kollagen gezeigt. Die glaubten, wir sind einer Irrenanstalt entsprungen. Dann versuchten wir es bei weiteren Hochhäusern in Midtown, dem Metropolitan- und Whitney-Museum. Keine Chance. Nachdem wir dann eher weit weg von New York arbeiteten, etwa in Australien, Colorado oder Nordkalifornien, hatte sich unsere Faszination über New York von den Skyscrapern zu den Menschenmengen verlagert, diese Hunderttausenden, sie sich auf den Gehsteigen drängen. Es ist die Fussgängerkapitale der Erde. Zuerst wollten wir deshalb etwas auf den Gehsteigen machen, doch wir sind Realisten und wussten, dass wir niemals eine Genehmigung erhalten würden. Dann kam die Idee mit dem Central Park, wo Leute entspannt schlendern.
Dann dauerte es immer noch 25 Jahre bis zur Verwirklichung. Ist der Umgang mit den Behörden in ihre adaptierten Heimatstadt New York härter als sonst wo?
Jeanne-Claude: Anfangs hatten wir mit den Behörden bloß zu tun, da wir die ersten drei Jahre als illegale Einwanderer in Soho lebten, alle drei, inklusive unserem Sohn. Meist dealten wir mit den Eigentümern der Gebäude, erst zuletzt mit der Stadtverwaltung. Generell ist es überall auf der Welt hart, Genehmigungen zu erhalten. Auf die Einhüllung der Bäume in der Schweiz mussten wir 32 Jahre lang warten.
Verzweifeln sie mitunter an der Engstirnigkeit vieler Behörden, die ihre Projekte so lange ablehnen und sich dann über den Erfolg freuen?
Jeanne-Claude: Nein, wir geben uns lieber zuerst selbst die Schuld: Es liegt in der Natur der Menschen, Angst vor dem Neuen zu haben. Und wenn wir es nicht schaffen, dann haben wir unsere Projekte einfach schlecht verkauft oder erklärt.
Kritiker hier in New York haben The Gates als Beispiel eines kulturellen Imperialismus verdammt.
Jeanne-Claude: Das ist das Land der Freiheit. Das gilt nicht nur für uns, sondern für alle inklusive unserer Kritiker. Imperialismus würde ich nur orten, wenn unser Projekt ein bezahlter Auftrag eines Präsidenten, oder anderen Mächtigen wäre, dann vielleicht. Doch wir bezahlen alles aus eigener Tasche und mussten gegen die Emperors rund um den Erdball lange kämpfen. Wir mussten selbst Ex-Kanzler Helmut Kohl vor dem deutschen Parlament nieder ringen.
Ihr Projekt wurde modifiziert – wie sehr ist das Originalkonzept noch erhalten?
Jeanne-Claude: Die meisten Änderungen führten wir aus Eigenantrieb und weniger wegen Behördendruck durch: Unser erster Entwurf etwa sah nur 1.000 Tore vor, nicht die 7.500, die wir nun entfalten. Unsere Fahnen sollten zuerst an einem Stahlseil hängen, was so elegant aussah wie ein Duschvorhang. Mit Löchern im Boden hätten wir auch nicht die exakte Vertikalität erreicht, die wir brauchen. Und dann kam uns auch noch Mutter Natur in die Quere, die derart viele niedrige Baumäste über den Gehwegen wachsen ließ, dass wir die Tore auch viel niedriger machen mussten. Wir haben uns weiterentwickelt, und damit auch unser Projekt. Es gab keinen Druck seitens der Behörden. Wir haben keine Kompromisse gemacht, um die zufrieden zu stellen.
New York wurde hart getroffen am 11. September und viele Künstler lamentierten in den Wochen und Monaten danach, dass sie gerne für die Bewältigung dieser Tragödie nützlichere Berufe hätten.
Jeanne-Claude: Wir waren in Berlin, als es passierte. Unser Apartment in Soho, 17 Blocks entfernt, war unversehrt. Und wir waren auch sehr glücklich, dass wir keinen unserer Freunde verloren haben. Und nützlich? Kunst ist das, was uns von den Affen unterscheidet. Was kann wichtiger sein? Kunst ist Leben, Leben ist Kunst. Deshalb haben wir auch wahrscheinlich niemals Urlaub gemacht, da wir nichts lieber machen als unser Kunstwerke.
Ist es dennoch härter, Menschen für Kunst zu begeistert, in diesen etwas düsteren Zeiten mit Kriegen, Terrorangst und Naturkatastrophen?
Jeanne-Claude: Wir kreieren Werke voller Freude und Schönheit. Für uns selbst. Nicht für die Bevölkerung. Wenn wir ein Projekt haben, glauben wir, dass es schön aussehen wird. Und der einzige Weg ist, das herauszufinden, ist es zu bauen. Wenn Menschen Gefallen finden an unseren Werken auch in sorgenreichen Zeiten, dann um so besser.
Sie lehnen öffentliche und private Sponsorgelder strikt ab: Geht es hier ausschließlich um ihre künstlerische Freiheit? Und um wie viel härter macht diese Strategie die Verwirklichung ihrer Projekte?
Jeanne-Claude: Jedes Projekt kostet irgendwie immer das selbe: Alles, was wir selbst haben, plus den Betrag, den uns Banken vorstrecken wollen. Dabei sind wir nicht anders als Eltern, da jedes unserer Projekte wie ein Kind zu uns ist. Jede Mutter und jeder Vater machen das Gleiche: Sie investieren alle Zeit, Energie und Geld in ihre Kinder – und bekommen auch keine Profite retourniert, sondern etwas viel wertvolleres als Geld.
Wie haben sie die 21 Millionen Dollar für The Gates locker gemacht?
Jeanne-Claude: Wir verkaufen Zeichnungen des Projektes und alte Werke aus den Fünfzigern und Sechzigern.

Macht es sie oft nervös, wenn es bei einem Projekt kein zurück mehr gibt?
Jeanne-Claude: Wir lassen uns von den Banken einen Kredit genehmigen, sodass, selbst wenn wir nichts mehr verkaufen, unsere Arbeiter jeden Freitag ihren Gehaltsscheck bekommen.
Christo zeichnet Tag und Nacht, um die Ansichten des Kunstwerkes an Fans rasch verkaufen zu können.
Jeanne-Claude: Er hätte gerne mehr Ansichten gezeichnet, doch bei einer Länge von 37 Kilometern jeden Abschnitt von vier Himmelsrichtungen festzuhalten, ist praktisch nicht möglich.
New York erwartet sich 80 Millionen an Zusatzeinkommen durch The Gates.
Jeanne-Claude: Diese Schätzungen sind eher konservativ. In Berlin wurden die Umsätze auf eine Milliarde Deutschmark geschätzt.
Wie erklären sie sich den Erfolg ihrer eigenen Kunst – besonders der Ansturm der Massen in Berlin hatte regelrechten Happening-Charakter?
Jeanne-Claude: Kunst ist entwaffnend. Die Menschen fühlten die Freiheit.

# 14. Jänner: Seymour Hersh: „Kein Happy End…“

Nach allen Meilensteinen beim US-Fahrplan zur „Demokratisierung“ – wie etwa die Übergabe der Staatsgewalt an die Iraker – hat sich die Aufständischengewalt weiter gesteigert. Kann die Wahl eine Wende bringen?
Hersh: Ich weiß es nicht, man muss verrückt sein, präzise Prognosen abzugeben. Aber wer kann optimistisch sein: Die durch Bush und seine Bande aus naiven, neokonservativen Beratern angezettelte Irak-Invasion ist der dümmste und folgenschwerste Fehler in vielleicht der gesamten US-Geschichte. Es ist noch nicht so blutig wie Vietnam mit den insgesamt 52.000 toten US-Soldaten, doch die Konsequenzen könnten viel dramatischer ausfallen: Wir stürmten als „Kreuzfahrer“ ins Herz der Arabischen Welt. Der generierte Hass wird uns auf Generationen verfolgen.
Was heißt das für den „neuen Irak“, wie er vor den Wahlen von den Medien rund um die Welt ausgerufen wird?
Hersh: Kaum jemand hofft mehr auf ein Happy End. Eine Balkanisierung ist das wahrscheinlichste Szenario, ein Bürgerkrieg das zweite, folgenschwerere. Diese Regierung wird gesteuert von den Neokonservativen, deren Weltanschauung einer aggressiven Supermacht USA zur Durchsetzung unserer Werte rund um den Globus von Bush & Co brav verfolgt wird. Und es macht keinen Unterscheid, was ich schreibe, oder andere Kritiker warnen. Zynisch betrachtet bleibt nur mehr zu sagen: Hoffentlich haben die Neokons recht!
Sie haben mit ihrer Story über mögliche Kriegsvorbereitungen der USA gegen die Mullahs in Teheran weltweit für Panik gesorgt.
Hersh: Amerika ist wie ein Hai: Wir müssen weiterschwimmen sonst sterben wir. Und was sagt der Präsident? Der Krieg muss weitergehen im Nahen Osten und gegen die Terroristen. Durch Aussagen meiner vielen Quellen innerhalb des Regierung verdichten sich die Indizien, dass tatsächlich der Iran als nächstes an die Reihe kommen könnte. Ist ja nicht unschlüssig: Wer hält regionale Macht dort unten? Wer kontrolliert Terrororganisation á la Hisbollah? Wer schiitische Fundamentalisten? Und für Bush scheint der Irakkrieg nur mehr eine Schlacht um umfassenden Antiterrorkrieg zu sein, in dem, wie es einer meiner Informanten ausdrückte, die Region ein einziges riesiges Kriegsgebiet ist. Seit vergangenem Sommer sind geheime US-Kommandos im Iran unterwegs, um Informationen über Teherans geheime Atomprogramm wie Zieldaten möglicher Angriffsziele auszukundschaften. Das Pentagon hat ihnen aufgetragen, drei Dutzend Ziele auszumachen. Ein Insider vertraute mir an, dass die zivile Führung des Pentagon unter Verteidigungsminister Donald Rumsfeld dafür ist, beim Eindringen in den Iran so viel militärische Infrastruktur zu vernichten wie möglich.
Sie beschreiben auch, wie Rumsfeld immer mehr Macht an sich reißt – zuletzt auch bei der Etablierung eines die CIA konkurrenzierenden Spionagenetzes?
Hersh: Mir wurde zugetragen, dass schon vor der Wahl ein Aktionsplan beschlossen wurde, dessen zentrale Elemente in den Verantwortungsbereich von Rumsfeld fallen werden – zur Ausweitung des Antiterrorkrieges unter fast vollständiger Kontrolle des Pentagon. Dabei soll vor allem die CIA entmachtet werden und Kontrollmechanismen durch den US-Kongress umgangen werden. Rumsfeld soll, so einer meiner Quellen, das Recht erhalten, schnell, entscheidend und tödlich rund um den Globus zuschlagen zu können. Ohne die strengen parlamentarischen Kontrollen, die die CIA unterliegt.
In seiner Rede zur Amtseinführung hat Bush ein Ende der Tyrannei auf dem Planeten Erde versprochen.
Hersh: Ja, wunderbar, Demokratie in der ganzen Welt – ich hoffe nur, dass auch China, Russland, Ägypten oder Jordanien gemeint ist. Das sind alles so Phrasen wie der „Kampf gegen das Böse“ – was genau soll das heißen? Ich erstarre bei so etwas nicht in Ehrfurcht, und kann es, anders als viele meiner Kollegen in den US-Medien nicht als „poetisch“ betrachten. So ein Gerede macht mir wirklich Angst.